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18. April 2013, 18:10 Uhr

Dopingprozess

Holczer belastet Gerolsteiner-Teamarzt schwer

Nichts habe er gewusst, gar nichts. Der ehemalige Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer hat im Prozess gegen Ex-Radprofi Stefan Schumacher bestritten, über Dopingpraktiken seiner Fahrer informiert gewesen zu sein. Stattdessen beschuldigte er den damals verantwortlichen Mediziner.

Hamburg - Es steht Aussage gegen Aussage. Am zweiten Verhandlungstag im Betrugsprozess gegen Radprofi Stefan Schumacher bestritt dessen ehemaliger Teamchef Hans-Michael Holczer vehement, von den Dopingpraktiken im Team Gerolsteiner gewusst zu haben. Vor dem Stuttgarter Landgericht sagte Holczer, Schumachers Aussagen seien "erfunden" und "vollkommen gelogen".

Gleichzeitig belastete Holczer in seiner mehrstündigen Zeugenaussage vor der 16. Großen Strafkammer seinen früheren Teamarzt Mark Schmidt schwer. "Ich habe 2009 von Bernhard Kohl unglaubliche Dinge über Mark Schmidt gehört", sagte der 59-Jährige über angebliche Beschuldigungen seines ehemaligen Fahrers Kohl an die Adresse Schmidts.

Der Mediziner sollte am 30. April in Stuttgart aussagen, machte aber sein Zeugnisverweigerungsrecht geltend. Schmidt habe laut Holczer dem dopinggeständigen und überführten Ex-Profi Kohl eine Zentrifuge und ein Hotelzimmer für Dopingpraktiken während der Tour de France 2008 zur Verfügung gestellt. Auch Kohl werde nicht in Stuttgart als Zeuge erscheinen, teilte Richter Martin Friedrich mit. Der Österreicher sei aber bereit, in seinem Heimatland auszusagen.

Holzcer will von Dopingpraktiken nichts gewusst haben

Mit Blick auf Schumachers Anschuldigungen, Holzcer sei Mitwisser der Dopingpraktiken bei Gerolsteiner gewesen ("Er hat zu einem Großteil gewusst, was passiert"), sagte der Beschuldigte: Er habe von nichts gewusst und niemals über die Dosierung des Dopingmittels Synacthen - wie von Schumacher behauptet - mit dem zweifachen Tour-Etappensieger gesprochen. "Ich hatte auch keinen Verdacht", sagte Holczer.

Schumacher hatte ausgesagt, mit seinem damaligen Sportlichen Leiter Christian Henn 2006 dezidiert über die Dosierung dieses verbotenen Mittels gesprochen zu haben. "Ich hatte immer ein sehr enges Verhältnis zu Henn", sagte Holczer. Henn habe ihm von diesem angeblichen Gespräch von 2006 "nie etwas erzählt". Ab 2008 seien nur noch zwei medizinische Geräte mitgeführt worden: "Fieberthermometer oder Blutdruckmesser".

Maschine zur Messung des Hämatokritwerts bei Gerolsteiner

Holczer gab aber zu, dass im Gerolsteiner-Team eine Maschine zur Messung des Hämatokritwerts des Blutes der Fahrer angeschafft worden sei. Zudem habe es Infusionen von Kochsalz gegeben, alles allerdings aus therapeutischen Zwecken und nicht, um Doping Vorschub zu leisten oder zu verschleiern. Bei Vertragsschluss mit dem Sponsor Gerolsteiner sei laut Holczer "von Anfang an ganz klar" gewesen, "hier muss was entstehen, das Doping in keinem Fall akzeptiert".

Schumacher wird vorgeworfen, Holzcer um drei Monatsgehälter in Höhe von insgesamt 151.463,50 Euro betrogen zu haben. Schumacher habe Doping bei der Tour de France 2008 trotz Nachfrage geleugnet und das Geld daher unrechtmäßig erhalten. "Es war offensichtlich, dass ich gelogen hatte. Es war ihm klar, das war mir klar", sagte Schumacher über Holczer, dessen Vernehmung am kommenden Dienstag fortgesetzt wird.

ham/sid/dpa

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