Dopingprozess Holczer belastet Gerolsteiner-Teamarzt schwer

Nichts habe er gewusst, gar nichts. Der ehemalige Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer hat im Prozess gegen Ex-Radprofi Stefan Schumacher bestritten, über Dopingpraktiken seiner Fahrer informiert gewesen zu sein. Stattdessen beschuldigte er den damals verantwortlichen Mediziner.

Ex-Gerolsteiner-Teamchef Holczer: "Ich hatte keinen Verdacht"
DPA

Ex-Gerolsteiner-Teamchef Holczer: "Ich hatte keinen Verdacht"


Hamburg - Es steht Aussage gegen Aussage. Am zweiten Verhandlungstag im Betrugsprozess gegen Radprofi Stefan Schumacher bestritt dessen ehemaliger Teamchef Hans-Michael Holczer vehement, von den Dopingpraktiken im Team Gerolsteiner gewusst zu haben. Vor dem Stuttgarter Landgericht sagte Holczer, Schumachers Aussagen seien "erfunden" und "vollkommen gelogen".

Gleichzeitig belastete Holczer in seiner mehrstündigen Zeugenaussage vor der 16. Großen Strafkammer seinen früheren Teamarzt Mark Schmidt schwer. "Ich habe 2009 von Bernhard Kohl unglaubliche Dinge über Mark Schmidt gehört", sagte der 59-Jährige über angebliche Beschuldigungen seines ehemaligen Fahrers Kohl an die Adresse Schmidts.

Der Mediziner sollte am 30. April in Stuttgart aussagen, machte aber sein Zeugnisverweigerungsrecht geltend. Schmidt habe laut Holczer dem dopinggeständigen und überführten Ex-Profi Kohl eine Zentrifuge und ein Hotelzimmer für Dopingpraktiken während der Tour de France 2008 zur Verfügung gestellt. Auch Kohl werde nicht in Stuttgart als Zeuge erscheinen, teilte Richter Martin Friedrich mit. Der Österreicher sei aber bereit, in seinem Heimatland auszusagen.

Holzcer will von Dopingpraktiken nichts gewusst haben

Mit Blick auf Schumachers Anschuldigungen, Holzcer sei Mitwisser der Dopingpraktiken bei Gerolsteiner gewesen ("Er hat zu einem Großteil gewusst, was passiert"), sagte der Beschuldigte: Er habe von nichts gewusst und niemals über die Dosierung des Dopingmittels Synacthen - wie von Schumacher behauptet - mit dem zweifachen Tour-Etappensieger gesprochen. "Ich hatte auch keinen Verdacht", sagte Holczer.

Schumacher hatte ausgesagt, mit seinem damaligen Sportlichen Leiter Christian Henn 2006 dezidiert über die Dosierung dieses verbotenen Mittels gesprochen zu haben. "Ich hatte immer ein sehr enges Verhältnis zu Henn", sagte Holczer. Henn habe ihm von diesem angeblichen Gespräch von 2006 "nie etwas erzählt". Ab 2008 seien nur noch zwei medizinische Geräte mitgeführt worden: "Fieberthermometer oder Blutdruckmesser".

Maschine zur Messung des Hämatokritwerts bei Gerolsteiner

Holczer gab aber zu, dass im Gerolsteiner-Team eine Maschine zur Messung des Hämatokritwerts des Blutes der Fahrer angeschafft worden sei. Zudem habe es Infusionen von Kochsalz gegeben, alles allerdings aus therapeutischen Zwecken und nicht, um Doping Vorschub zu leisten oder zu verschleiern. Bei Vertragsschluss mit dem Sponsor Gerolsteiner sei laut Holczer "von Anfang an ganz klar" gewesen, "hier muss was entstehen, das Doping in keinem Fall akzeptiert".

Schumacher wird vorgeworfen, Holzcer um drei Monatsgehälter in Höhe von insgesamt 151.463,50 Euro betrogen zu haben. Schumacher habe Doping bei der Tour de France 2008 trotz Nachfrage geleugnet und das Geld daher unrechtmäßig erhalten. "Es war offensichtlich, dass ich gelogen hatte. Es war ihm klar, das war mir klar", sagte Schumacher über Holczer, dessen Vernehmung am kommenden Dienstag fortgesetzt wird.

ham/sid/dpa



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heinz4444 18.04.2013
1. Wie üblich
im Radsport der Vergangenheit, ob Fahrer oder Teamchefs,leugnen bis der Arzt kommt um dann irgendwann mit Tränen in den Augen vor laufender Kamera doch seine Beichte abzulegen. Und das über das ganze Alphabet des Radsports,von Armstrong bis Zabel.
häßlichervogel 18.04.2013
2. Sündenböcke verkaufen sich besser
Ich möchte hier in aller Öffentlchkeit sowohl dem Spiegel als auch allen daran beteiligten Medien unterstellen, daß sie im Fall Schuhmacher an einer objektiven Wahrheitsfindung offensichtlich nicht interessiert sind. Wenn eine Unperson wie Herr Schuhmacher, der bereits 11 Prozesse wegen Dopingverdachts verloren hat, vorbestraft ist wegen Fahrens unter Drogeneinfluß mit Unfallfolge und der bereits mehrfach seine ungezählten Verfehlungen eingestehen mußte, ein breiteres Gehör findet mit seinem nachgewiesenen Lügengeschwätz als ein Hans Michael Holczer, der als Erster und Einziger(und wahrscheinlich Letzter) versucht hat, sauberen Radsport zu praktizieren und an den beinah mafiösen Verbandsstrukturen von Medienkonglomeraten und Sponsoren gescheitert ist, kann ich nicht mehr an eine objektive und wahrheitsgetreue Berichterstattung glauben. Wer steht denn hier eigentlich vor Gericht? Man sollte sich doch lieber fragen, wie es ein erwiesener Mehrfach-Lügner und Realitätsverleugner wie Herr Schuhmacher unter Einfluß seines scheinbar erfolglosen Rechtsbeistandes Lehner immer wieder schafft, von seiner Person abzulenken und einen unbescholtenen Teamleiter mit Dreck zu bewerfen? Leider muß man auch feststellen, das der ach so akribisch recherchierende Spiegel nur Fakten über Herrn Holczer zitieren kann, die so alle nachweislich in seinem Buch zu lesen sind. Ist das die neue Form modernen Journalismus? Pfui, sage ich da nur. Wenn ich sensationsheischenden Schund lesen will, lese ich Bildzeitung, deren Papier ist auf der Toilette wenigstens Hinternfreundlicher. Das Radsport in Deutschland keine Zukunft mehr hat ist zuletzt auch den Medien in diesem Lande und ihrer permanenten Hexenjagd auf Sportler zu verdanken. Wer berichtet denn mal über Doping in der Formel 1 oder im Fußball? Aber nein, da stehen ja zu viele wirtschaftliche Interessen im Hintergrund, die sich mit dem Saubermann-Image von Wirtschaftsfunktionären und Politikern so wunderbar im Einklang befinden.
rudi_1957 19.04.2013
3. Irgedwie
erinnert dieser Schauspieler doch ganz stark an Bjarne Riis. Herr Holczer, sie müssen sich um eine Weiterbeschäftigung keine Sorgen machen, Riis Cycling ist immer noch eine der besten Adressen im Radsport. Der Radsport läßt doch einen der Seinen nicht fallen, bloß weil renitente Angestellte, also diejenigen, die Euch alle in Jobs halten, gedopt haben sollten. Gegen ausdrückliche Anweisungen, versteht sich!
meursault242 19.04.2013
4. Wie doof...
...müsste Holczer sein wenn er von all dem tatsächlich nichts mitbekommen hat? Es war von der heimischen Couch aus zu erkennen das Schumacher und vor ihm auch Kohl gdeopt waren. Wenn Holczer tatsächlich nichts bemerkt hätte, wäre er so dämlich das er alleine dafür hinter Gitter gehört. Davon abgesehen halte ich das Thema doping für maßlos überbewertete. Keine gute Show ohne Drogen, das gilt für den Sport genau so wie für Kultur, Musik oder Wirtschaft. Auch der Kneipenabend entwickelt mit ein paar Bierchen mehr Dynamik.
Carlo Nappo 19.04.2013
5. Och Joh!
Wenn der ehemalige Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer nach eigener Aussage, angeblich über Dopingpraktiken seiner Fahrer nicht informiert war, läßt dies seine Qualifikation als "Chef" sehr zweifelhaft erscheinen. Ich habe in meinem Berufsleben so einige Chefs erlebt, vom Träumer bis hin zum Choleriker, alle wussten jedoch immer zumindest ansatzweise, was "ihre Truppe" so machte - auch die "Schweinereien"!
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