Freiburger Dopingskandal Spritzen aus der Schwarzwaldklinik

Radfahrer, Leichtathleten, Fußballer: Freiburg galt jahrzehntelang als Zentrum der Sportmedizin - und des Dopings. Lange Zeit wurde dies mindestens stillschweigend geduldet. Auch die Politik gab ihren Segen.

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Es könnte solch ein Idyll sein. Die schöne Landschaft, die Menschen in ihren weißen Kitteln, die sich bemühen, Gutes für die Gesundheit zu tun. Es fällt schwer, nicht an die Schwarzwaldklinik zu denken.

Doch die heimelige Umgebung des Schwarzwaldes und das idyllische Freiburg waren jahrzehntelang Kulisse für den größten Missbrauch sportmedizinischer Arbeit.

Wer sich mit Doping in (West-)Deutschland beschäftigt, der landet ganz schnell bei Armin Klümper, bei Joseph Keul, bei Andeas Schmid, bei Lothar Heinrich. Alle vier gehörten zu den renommiertesten Sportärzten im Lande, alle vier waren vom Standort Freiburg aus tätig. Und alle vier haben ihren Anteil daran, dass Freiburg als Doping-Zentrale berüchtigt wurde.

Die neuen Vorwürfe, in Freiburg seien in den Siebziger- und Achtzigerjahren auch Fußballer des VfB Stuttgart und des SC Freiburg gedopt worden, passen sich ein in eine Geschichte, die schon kurz nach dem Krieg anfängt.

Keul war ab 1960 deutscher Olympia-Arzt

Die Geschichte vom Doping-Standort Freiburg beginnt bereits in den Fünfzigerjahren. Schon damals wurde in der dortigen Sportmedizin mit leistungssteigernden Mitteln experimentiert. Aber erst als Klümper und Keul das Regiment übernahmen, begann die systematische Forschung und Erprobung mit Dopingmitteln.

Keul, ein begnadeter Netzwerker, stieg bereits 1960 zu den Olympischen Spielen in Rom zum deutschen Olympia-Arzt auf, er blieb es bis zu seinem Tod im Jahr 2000. Bundesweit bekannt wurde er zudem als Arzt des deutschen Davis-Cup-Teams in dessen großer Zeit mit Boris Becker an der Spitze. Keul war überall dort, wo es um sportmedizinische Belange in Deutschland mitzureden galt. 1998 wurde er noch zum Präsidenten des Deutschen Sportärztebundes gewählt, zwei Jahre später zum Ehrenpräsidenten.

Keul begann in den Siebzigerjahren, Anabolika an Gewichthebern zu erproben. Die Unterstützung durch die Politik war ihm dabei gewiss. Am 21. Oktober 1976 hielt der damalige Ministerialrat im Bundesinnenministerium, Gerhard Groß, eine Festrede in Freiburg und sprach Keul dabei direkt an: "Wenn keine Gefährdung oder Schädigung der Gesundheit herbeigeführt wird, halten Sie leistungsfördernde Mittel für vertretbar. Der Bundesminister des Inneren teilt grundsätzlich diese Auffassung. Was in anderen Staaten erfolgreich als Trainings- und Wettkampfhilfe erprobt worden ist und sich in jahrelanger Praxis bewährt hat, kann auch unseren Athleten nicht vorenthalten werden." Ein Freibrief für Keul.

Prominente Patienten auch aus der Politik

Politische Rückendeckung genoss auch Klümper, Leiter der sporttraumatologischen Spezialambulanz in Freiburg. Zu seinen Patienten zählten nicht nur Sportler. Auch Politiker wie Erich Schaible, langjähriger Abteilungsleiter Sport im Bundesinnenministerium, gehörte zu Klümpers Kundschaft. In Sportlerkreisen genoss der Mediziner in seiner Hochzeit Ende der Siebzigerjahre einen nahezu legendären Ruf. Er war derjenige, der den Gesundungsprozess verletzter Athleten auf Rekordtempo beschleunigen konnte. Wer konnte, ging zu Klümper. Leichtathleten, Fußballer, Turner.

Dass er auch die Mehrkämpferin Birgit Dressel über Jahre behandelt hatte, die 1987 an einem toxischen Schock starb, dass man bei der Untersuchung ihres Todes in ihrem Körper Rückstände von 78 Medikamenten fand, das hat Klümpers Ruf beschädigt.

Als die Hürdenläuferin Birgit Hamann ihm dann 1997 noch vorwarf, er habe ihr ohne ihr Wissen Wachstumshormone verabreicht, räumte er seinen Stuhl und emigrierte nach Südafrika. Wo er heute lebt. Und sich mit dem Thema Heilfasten beschäftigt.

Der größte Imageschaden des Sportmedizin-Standorts Freiburg ist allerdings mit den Namen Schmid und Heinrich verbunden. Die beiden Ärzte stehen für den Radsport-Dopingskandal des Telekom-Teams. Enthüllungen des SPIEGEL aus dem Jahr 2007 zufolge hatten Schmid und Heinrich das Team mit dem Sauerstoff-Doping Epo versorgt.

Telekom beendete daraufhin die langjährige Zusammenarbeit mit den beiden Medizinern, die Universität Freiburg schloss sich dem an, auch der Deutsche Olympische Sportbund beschloss, jede Kooperation mit den beiden bis mindestens 2020 einzustellen.

Die Staatsanwaltschaft Freiburg hat fünf Jahre gegen die Ärzte ermittelt, zu einer Anklage kam es jedoch nie. Das Verfahren wurde eingestellt, nachdem Schmid vor der Staatsanwaltschaft ein umfassendes Geständnis abgelegt hatte.

Belangt wurde auch Keul nie, obwohl sein Kollege, der Heidelberger Anti-Doping-Experte Werner Franke, schon 1977 schwere Vorwürfe gegen den Arzt erhoben hatte.

Im Gegenteil: Auf Vorschlag des damaligen baden-württembergischen CDU-Ministerpräsidenten Lothar Späth erhielt der Mediziner 1990 das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Verliehen wurde es ihm vom damaligen Sportminister des Landes, Gerhard Meyer-Vorfelder. Der auch Präsident des VfB Stuttgart war.

Zusammengefasst: Der Freiburger Sportmedizin-Standort hat eine jahrzehntelange Doping-Geschichte. Schon in den Fünfzigerjahren wurden erste Experimente mit Aufputschmitteln gemacht. Die Politik hat dies jahrelang geduldet.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
KarlRad 03.03.2015
1. Guter Artikel,
der mal etwas Licht ins Dunkel der Verstrickungen von Sport, Politik und Medizinern bringt.
axelmueller1976 03.03.2015
2. Plötzlich kommen alle aus der Deckung
In den Printmedien findet man jetzt überall Berichte über Doping. Ihre Sportreporter kannten das Problem doch schon lange und haben nicht reagiert,nur weil man am Sport gut verdient. Noch schlimmer treiben es die TV -Moderatoren in dem sie dem Zuschauer erklären ,daß der Sportler heute super Material unter den Füßen hat und deshalb so schnell ist. In Wirklichkeit wissen sie sehr genau woher die super Leistung kommt.
derpolokolop 03.03.2015
3. Es juckt niemand mehr.
Solange ein Deutsche oben auf dem Podest steht ist es die Leute vollkommen egal.
angieanylesss 03.03.2015
4. Mannschaftsarzt
Von wann bis wann war Andreas Schmidt eigentlich Mannschaftsarzt beim SC Freiburg? Doch auch nachdem er vom Team Telekom suspendiert worden war, oder?
mijaps 03.03.2015
5. Ja, früher
...und erst im Mongolensturm, da war was los. Und die haben doch tatsächlich in der Steinzeit Drogen aus Pilzen konsumiert. Da muß doch mal der Staatsanwalt tätig werden...
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