Doping-Aufarbeitung: Schwere Vorwürfe gegen ehemaligen Rektor der Universität Freiburg

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Eine Kommission sollte die Doping-Vergangenheit der Freiburger Universität aufarbeiten. Nun erhebt die Arbeitsgruppe schwere Vorwürfe: Altrektor Wolfgang Jäger soll die Recherchen systematisch behindert und manipuliert haben. Auch sein Nachfolger habe eine Aufarbeitung verhindert.

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Ex-Rektor Jäger: Hat die Vorwürfe stets dementiert

Hamburg - Im Sommer 2007 versprachen Verantwortliche des Universitätsklinikums in Freiburg die Aufarbeitung eines Jahrzehnte währenden systematischen Dopings. Dazu ist seither in unterschiedlicher personeller Zusammensetzung eine Evaluierungskommission tätig. Die beiden Chefs dieser Kommission, die Kriminalistin Professor Letizia Paoli (Universität Leuven) und ihr Vorgänger, der ehemalige Richter Hans-Joachim Schäfer, urteilen jetzt: Die Leitung der Freiburger Universität hat eine Aufarbeitung systematisch behindert und den Arbeitsauftrag manipuliert.

Letizia Paoli legte am Mittwoch gemeinsam mit den verbliebenen sieben anderen Mitgliedern ihrer Gutachterkommission ein 87 Seiten umfassendes Schreiben vor. Der vielsagende Titel des Dokuments: "Manipulierter Arbeitsauftrag. Die Evaluierungskommission sieht sich getäuscht und hintergangen."

Minutiös wird anhand von Schriftwechseln, Gesprächsprotokollen und Stellungnahmen dokumentiert, wie der ehemalige Rektor der Albert-Ludwigs-Universität, Professor Wolfgang Jäger, im Juni 2007 offenbar eine große Täuschung gestartet hat, als er zwar öffentlich eine lückenlose Aufarbeitung des Dopingsystems versprach, dies aber nie in einen korrekten Arbeitsauftrag gemäß der Geschäftsordnung umsetzen ließ.

Jäger hatte nach den schlagzeilenträchtigen Dopingenthüllungen um das damalige Profi-Radteam Telekom, das von den Freiburger Dopingärzten Lothar Heinrich und Andreas Schmid betreut wurde, die Öffentlichkeit beruhigen wollen. Laut des Dokumentes habe Jäger den Kommissionsmitgliedern allerdings nie den offiziellen Arbeitsauftrag vorgelegt, der auf einem Beschluss des Rektorats basierte: "Dabei hat er drei entscheidende Bestimmungen der Rektorats-Definition unterdrückt: den präzis definierten Untersuchungszeitraum von 50 Jahren, die explizit festgehaltene Aufarbeitung einer mutmaßlichen Doping-Historie aller Einrichtungen der gesamten Freiburger Sportmedizin als zentraler Teil der wissenschaftsmethodischen Analyse und samt deren Begründung die beratende Einbeziehung des Medizinhistorikers Prof. Leven."

Jäger hat die Vorwürfe stets dementiert

Der Untersuchungsauftrag der Kommission, die bis 2009 von Schäfer und seither von Paoli geleitet wurde, sei damit entscheidend limitiert worden. Jägers Nachfolger, der amtierende Rektor Hans-Jochen Schiewer, habe die offensichtliche Manipulation der Arbeitsaufträge trotz Versprechen nicht untersucht und damit Jäger gedeckt.

Die renommierten Wissenschaftler und Doping- und Korruptionsbekämpfer Professor Britta Bannenberg und Professor Werner Franke hatten die Kommission bereits 2010 (Bannenberg) beziehungsweise 2012 (Franke) verlassen. Die verbliebenen Kommissionsmitglieder stellen sich geschlossen hinter Paoli und tragen die Erklärung einstimmig mit. Dazu gehören zum Beispiel der schwedische Dopingforscher Bengt Saltin und Professor Gerhard Treutlein, Experte für Dopingprävention. Sie betrachten den ehemaligen Rektor Jäger als "persönlich verantwortlich für ihre Nichtinformation über den offiziellen Arbeitsauftrag" und für ihre "manipulative Des- und Falschinformation".

Jäger hat diese dokumentierten Vorwürfe dementiert und stets behauptet, der Arbeitsauftrag sei weder in Bezug auf den zu untersuchenden Doping-Zeitraum noch auf Personen und Forschungsarbeiten eingeschränkt gewesen. Dabei können sämtliche Kommissionsmitglieder aus der Praxis das Gegenteil belegen. Der amtierende Rektor Schiewer habe sich durch Untätigkeit, eine Untersuchung einzuleiten, den Behauptungen seines Vorgängers Jäger "ohne Einschränkung angeschlossen".

Jäger und Schiewer unterstellten wiederum dem ersten Kommissionsvorsitzenden Hans-Joachim Schäfer, er sei für die Einengung des Arbeitsauftrages rein auf die Abteilung Sportmedizin zuständig. Dagegen stellt die Paoli-Kommission fest: Schäfer sei "der offizielle Arbeitsauftrag in seiner Originalfassung oder Wortwahl niemals übergeben respektive mündlich bekannt gemacht worden".

Die Wahrheit über das Dopingsystem soll offenbar nicht ans Licht kommen

Was sind das für Zustände an der Uniklinik Freiburg, dem einstigen medizinischen Vorzeigeunternehmen des deutschen Sports, das von Dopingprofessoren wie Armin Klümper und Joseph Keul geprägt wurde?

Die Wahrheit über dieses Dopingsystem, das auch mit Steuermitteln finanziert wurde, soll offenbar nicht ans Tageslicht kommen. Wenngleich im Laufe der Jahrzehnte von unabhängigen Wissenschaftlern und Journalisten eine erschreckende Beweislast recherchiert wurde und die Schäfer-Kommission in ihrem Bericht 2009 das Telekom-Doping von 1995 bis 2006 dokumentierte, wehren sich die Granden der Universitätsklinik (und ihre Hintermänner in Sportverbänden, Bundes- und Landespolitik) bis heute vehement gegen eine umfassende Aufarbeitung.

Wie absurd ist es, dass Letizia Paoli drei Jahre nach ihrem Amtsantritt als Chefin der Evaluierungskommission die Originale der Arbeitsaufträge recherchieren muss? Dazu hatte es im Juni 2007 drei Beschlüsse des Vorstandes des Universitätsklinikums, des Fakultätsvorstandes der Medizinischen Fakultät und des Rektorats gegeben. Schäfer hat von diesen Beschlüssen erstmals im Frühjahr 2012 nach Befragung durch Paoli "Kenntnis erlangt".

Erst kürzlich hatte Jörg Rüdiger Siewert, Leitender Ärztlicher Direktor am Universitätsklinikum, Paoli in einem Interview scharf kritisiert und persönlich angegriffen. Die Universitätsleitung behauptete vergangene Woche per Pressemeldung, der Auftrag an die Kommission sei jederzeit klar gewesen und nie limitiert worden, weder zeitlich noch personell. Paoli wehrte sich gegen die Falschdarstellungen und Unterstellungen mit einer 18 Seiten umfassenden öffentlichen Stellungnahme. Nun legt sie 87 Seiten nach.

Paoli musste sich noch Jahre nach ihrem Amtsantritt Basisdokumente erarbeiten. Der ehemalige Rektor Jäger machte im Sommer 2012 sogar die Bemerkung, er könne den "inquisitorischen Fragenkatalog" von Paoli "nicht beantworten".

Der erste Evaluierungschef Schäfer indes beteiligt sich an der Aufklärung der entlarvenden Vorgänge am Universitätsklinikum Freiburg. Er schreibt an Paoli: "Ich habe das Hickhack um den Arbeitsauftrag an die Kommission, bei dem Sie keinesfalls Täter sondern das Hauptopfer waren, ziemlich satt. (...) Schade, dass die kleine Genugtuung darüber, in der Dopingkommission ordentlich gearbeitet zu haben, inzwischen wieder dem Frust über die Geschehnisse im Zusammenhang mit der Evaluierungskommission weicht."

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1. Herr Weinreich stochert in einen Ameisenhaufen
derandersdenkende 06.02.2013
Zitat von sysopEine Kommission sollte die Doping-Vergangenheit der Freiburger Universität aufarbeiten. Nun erhebt die Arbeitsgruppe schwere Vorwürfe: Altrektor Wolfgang Jäger soll die Recherchen systematisch behindert und manipuliert haben. Auch sein Nachfolger habe eine Aufarbeitung verhindert. Doping: Universität Freiburg soll Kommission manipuliert haben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/doping-universitaet-freiburg-soll-kommission-manipuliert-haben-a-881860.html)
in dem die fleißigen Bienchen Ihre Eier zu verstecken suchen. Die Vogel-Strauß-Politik bei der Aufarbeitung des deutschen Dopings können Freunde des Sports auch kaum noch mit ansehen. Bestraft man nun die Wasserträger, weil nun den Trinkern und deren Protagonisten der Konsum immer unbekömmlicher wird? Die Eier gehören an die Öffentlichkeit und ein Wegschauen und Totschweigen dürfen wir nicht mehr dulden und schon gar nicht dürfen wir uns mit Bauernopfer zufriedengeben. Dafür hat man uns zulange belogen!
2.
msw04 06.02.2013
Zitat von sysopEine Kommission sollte die Doping-Vergangenheit der Freiburger Universität aufarbeiten. Nun erhebt die Arbeitsgruppe schwere Vorwürfe: Altrektor Wolfgang Jäger soll die Recherchen systematisch behindert und manipuliert haben. Auch sein Nachfolger habe eine Aufarbeitung verhindert. Doping: Universität Freiburg soll Kommission manipuliert haben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/doping-universitaet-freiburg-soll-kommission-manipuliert-haben-a-881860.html)
Und sie funktioniert mal wieder... die brutalstmögliche Aufklärung. Überfall das gleiche Spiel.
3. Leute, konzentriert Euch!
cherrydoc 06.02.2013
Das ist wirklich extrem wichtig, diese Geschichte öffentlich zu machen und zu halten aber mit schlampigen Artikeln tut man der Angelegenheit keinen Gefallen. Unikliniken haben keinen Rektor und das Durcheinander zwischen Uniklinikum und Universität am Anfang dieses Artikels ist haarsträubend und für Nicht-Insider, die darüber hinweg sehen mögen, sehr verwirrend!.
4. alles lügen, doping gab es
viceman 06.02.2013
Zitat von sysopEine Kommission sollte die Doping-Vergangenheit der Freiburger Universität aufarbeiten. Nun erhebt die Arbeitsgruppe schwere Vorwürfe: Altrektor Wolfgang Jäger soll die Recherchen systematisch behindert und manipuliert haben. Auch sein Nachfolger habe eine Aufarbeitung verhindert. Doping: Universität Freiburg soll Kommission manipuliert haben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/doping-universitaet-freiburg-soll-kommission-manipuliert-haben-a-881860.html)
doch nur in der ddr. und bei sportlern die aus dem osten kommen - also niemals bei denen aus dem westen....
5. sagen wir mal so
autocrator 06.02.2013
sagen wir mal so: ich "kenne" rektor Jäger noch aus meiner eigenen studienzeit in FR ein bißchen ... nur so als "stimmungsbild": Er war mir damals schon ziemlich zuwider, eine "fiese type", ausgestattet mit einem ego und einem weltbild, das ihn auch nicht gerade sympathischer machte, ein charakter, mit dem man als anständiger mensch nichts zu tun haben wollte. gut, das ist alles subjektiv, andere halten ihn vielleicht für den ersten besten tollsten schönsten .... aber ungeachtet objektiver beweise und der natürlich geltenden unschuldsvermutung: jepp, diesem fiesen möpp traue ich die aktive verschleierung in der doping-geschichte zu. - wobei das i.m.h.o. noch eine der lässlicheren sünden während seines rektorats gewesen ist. Der mann hat in und um der Uni Freiburg so viel verbockt ... gefälligkeitslehrstühle, AStA-bekämpfung, aushungern der philosophischen fakultäten, unterminierung jeglichen studentischen kulturellen engagements, völlig sinnlose einrichtung einer 9. fakultät am anderen ende der stadt, finanzielle ausplünderung der studenten, und als fachprofessor alles andere als eine wissenschaftliche leuchte ... ich hoffe, diesen "sauberen charakter" kriegt man mal so richtig dran. - meine meinung.
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Dopingsubstanzen und ihre Wirkung
Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)