Doping-Vergangenheit Die schwere Last mit dem System Ost

2. Teil: "Das Doping-System hat den Mauerfall überlebt"


Vor gut einem Jahr berichtete der SPIEGEL über sechs Leichtathletik-Bundestrainer, die in den Akten der Berliner Staatsanwaltschaft als Verteiler von Anabolika erwähnt würden - darunter auch Goldmann.

Geipel beklagt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, dass der Fall nun "seit mindestens acht Jahren auf dem Tisch liegt, aber nichts passiert". Die Versäumnisse liegen jedoch noch weiter zurück. Vor nun fast zwanzig Jahren, nach dem Zusammenbruch der DDR, verpasste es der gesamtdeutsche Sport, sich von seiner belasteten Vergangenheit samt ihrer Protagonisten frei zu machen. Statt Aufarbeitung gab es Mitarbeit.

"Anfang der Neunziger wäre die Aufgabe des DSB und des NOK gewesen, mehr Klarheit zu schaffen und auch die Geschädigten in den Raum zu nehmen - aber das hat es bis heute nicht gegeben", sagt Geipel, Autorin des Buches "Verlorene Spiele", das den Prozess gegen die Hauptverantwortlichen des DDR-Dopings Ende der neunziger Jahre beschreibt.

Viele Mittäter wurden weiterbeschäftigt, obwohl der Hauptausschuss des Deutschen Sportbundes 1991 eine Empfehlung verabschiedete, in der gefordert wurde, dass ohne "den Nachweis fehlender Beteiligung am Dopingsystem der DDR", der Ausstieg "aus der Organisation des Sports in Deutschland" folgen müsse. Aber war auch der Wille da? "In Ost und West war man sich einig, wie Erfolge entstehen - durch Doping", sagt Geipel.

"Kalkuliert" sei die Analyse der Schäden des Doping-Systems ausgeblieben, so Geipel: "Erfolge waren wichtiger, obwohl es für den Sport überlebensnotwendig gewesen wäre, da einen Bruch zu machen", so die ehemalige Spitzenathletin, die selbst 1984 mit der 4x100-Meter-Staffel der DDR einen Weltrekord aufgestellt hatte. Von dem sie inzwischen aus Doping-Gründen nichts mehr wissen will.

Ab 1974 war in der DDR Doping durch den Staatsplan "14.25" als nationales Interesse definiert worden. Knapp 12.000 Athleten wurden bis zum Fall der Mauer flächendeckend gedopt, illegale medizinische Tests zu Dopingzwecken durchgeführt und Minderjährige hochgezüchtet. Laut Geipel wurde nirgends auf der Welt so skrupellos, umfangreich und effizient ein konspiratives Steroidsystem aufgebaut wie in der DDR. Dass in diesem gut strukturierten Gebilde nicht jeder den Mut hatte, nein zu sagen, ist verständlich. Solle man "diese Menschen ein Leben lang verteufeln?", fragt deswegen van Almsick.

Die Schuld bleibt jedoch, die Folgen des Tuns sind teilweise lebenslang. So entstanden durch die Verabreichung exzessiver Steroiddosen bei Dutzenden Athleten Gesundheitsprobleme teils irreversibler Art wie Leberschäden, dauerhafte Störung des Hormonhaushalts oder auch Fehlgeburten. Angesichts dessen sei es auffällig, wie wenig die Geschädigten ins Blickfeld rücken würden, so Geipel.

Teichler, Experte für Sportgeschichte der DDR, spricht von einem "unglaublichen Skandal", dass beispielsweise Sportärzten, die durch die Doping-Abgabe Menschen geschadet hätten, nicht die Approbation entzogen wurde. Auch er weiß: "Das Doping-System hat den Mauerfall überlebt."

620 Mitarbeiter - Mediziner, Biochemiker und Sportwissenschaftler - arbeiteten im Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) in Leipzig, der sogenannten "Giftküche des DDR-Sports", in dem Doping-Substanzen und -Methoden entwickelt wurden. Bis heute gibt es keine fundierte Studie, die sich mit dem FKS befasst.

Trainer im Dilemma

Zusätzlich arbeiteten allein in der Leichtathletik "etwa 600 hauptberufliche Trainer", so Teichler. Nach der Wende fanden viele von ihnen eine Beschäftigung im vereinten Deutschland oder anderswo. Die Erfahrung aus dem Osten erfreute sich nach der Wende einer großen Beliebtheit. "Das Wissen über Doping war in der ganzen Welt bekannt und gewollt", sagt Geipel. "Man hatte gutes Material. Von dem Know-how wird jetzt noch profitiert."

Doch nicht nur Teichler macht deutlich, dass auch im Westen gedopt wurde. "In der alten Bundesrepublik hat es Doping gegeben", sagt Danckert, es dürfe nicht sein, dass dies im Halbdunkel bleibe. Die "FAZ" zitierte unlängst einen Olympiasieger von 1984 zum Thema Doping-Praktiken in der Bundesrepublik: "Es war klar, dass es nicht ohne Pillen ging. Bei denen im Osten schien es etwas kontrollierter gewesen zu sein. Im Grunde waren wir auf gleichem Niveau. Was die Pillen betraf", so der ehemalige Leistungssportler.

Eine umfassende Aufklärung wird es zumindest im Westen nicht geben. Denn in einem Fall gab es nachweislich Unterschiede: In der DDR wurde Doping vom Staat geplant, durchgeführt - und akribisch aufgezeichnet. Diese Beweise fehlen im Westen. Und deswegen die Aufarbeitung, die auch im Westen nötig wäre.

Mitarbeit: Bernd Friedmann



insgesamt 51 Beiträge
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DJ Doena 06.02.2009
1.
Wie lange wird ein Sportler heutzutage für Doping gesperrt? 2 Jahre?
exilant2 09.02.2009
2.
Zitat von sysopIn Deutschland ist eine Diskussion entbrannt, ob Trainer, die in der DDR in Doping-Machenschaften verstrickt waren, im deutschen Spitzensport arbeiten dürfen. Sollte vergessen sein, was vor 20 Jahren geschehen ist? Sollte Reue ein wichtiger Maßstab bei der Bewertung sein? Welche Rolle spielt die verpasste Aufarbeitung nach der Wende?
Es ist ja schön, das sich Deutschland über den Osten Gedanken macht, warum entbrennt aber keine Diskussion zum folgenden Artikel: http://www.faz.net/s/RubCBF8402E577F4A618A28E1C67A632537/Doc~E95E9EF3325BA4B72B4342D6C4F402982~ATpl~Ecommon~Scontent.html Bester Satz: "Die Stasi macht den Unterschied aus." Hierzu stellen sich mir folgende Fragen:
sitiwati 09.02.2009
3. im Prinzip
Zitat von exilant2Es ist ja schön, das sich Deutschland über den Osten Gedanken macht, warum entbrennt aber keine Diskussion zum folgenden Artikel: http://www.faz.net/s/RubCBF8402E577F4A618A28E1C67A632537/Doc~E95E9EF3325BA4B72B4342D6C4F402982~ATpl~Ecommon~Scontent.html Bester Satz: "Die Stasi macht den Unterschied aus." Hierzu stellen sich mir folgende Fragen:
sollte man dei Jungs u Mädels wieder in Trainerstelen einsetzen, dei bringen das nötige nauhau mit, die westler sind in dieser Beziehung vielleicht noch etwas rückständig! Möglicherweise ???!!!
Adran, 09.02.2009
4.
Zitat von sitiwatisollte man dei Jungs u Mädels wieder in Trainerstelen einsetzen, dei bringen das nötige nauhau mit, die westler sind in dieser Beziehung vielleicht noch etwas rückständig! Möglicherweise ???!!!
Sehe ich mir de Tour de Dope an, wage ich daran zu zweifeln..
Filzsucher 09.02.2009
5. Prof. Joseph Keul
Zu Prof. Joseph keul http://www.cycling4fans.de/index.php?id=4472 Auszug: "Prof. Joseph Keul leitete die Abteilung Sportmedizin an der Universitätklinik Freiburg seitdem sie 1974 eine selbstständige Einrichtung wurde. Seit 1960 fungierte Joseph Keul Sportarzt bei den Olympischen Spielen, bis 1980 als Assistenzarzt, danach als Chefarzt. Er war Mitglied des NOK und ab 1998 bis zu seinem Tod im Jahr 2000 dessen Vorsitzender, war Anti-Doping-Beauftragter des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), des Deutschen Sportbundes (DSB) und des Bundesinstituts für Sportwissenschaft und war Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse." eine Beschäftigung mit dieser Figur: Prof. Joseph Keul bringt einem im Verständnis über die die ganze Gesellschaft + Politik durchziehenden Netzwerkstrukturen des Dopings näher. Eine Schlüsselfigur ist Keul. Dieser hat anscheinend (mutmaßlich) seine einflussreichen Jobs während seines beruflichen Lebens seiner Doping-Kompetenz zu verdanken. Im Rahmen seiner Forschungstätigkeiten hat er um Doping herum geforscht. Im wesentlichen wurden Studien mit falschen Absichten deklariert, dies geht aus o.g. Artikel anschaulich hervor: sie sollten Dopinggaben legalisieren helfen. Er hat anscheinend in größerem Umfange Ergebnisse gefälscht. Seine aktive Rolle im Umgang mit Sportlern (was Doping angeht), geht aus dem Artikel auch gut hervor. Es soll keiner aus der Politik sagen, man habe dies nicht gewußt. Alle wissen es und Alle wissen um die derzeitgen Hintermänner in den Universitätszentren. Also "Alle" meint: die wichtigen, relevanten Leute in der Politik und in den Sport-Organisationen. ein Auszug: "Der Zwischenbericht der Expertenkommission zur Aufklärung von Dopingvorwürfen gegenüber Ärzten der Abteilung Sportmedizin, aus dem die letzten Zitate stammen, hält abschließend fest, dass es derzeit nicht auszuschließen ist, "dass Professor Keul aktiv in die damaligen Dopingaktivitäten involviert war. Nach den der Kommission nun zur Verfügung stehenden Unterlagen war er bei Veranstaltungen des und um das „Team Telekom“ häufig präsent." " Noch so ein Name: Prof. Manfred Donike: auch er hat anscheinend eine irreführende Positionsbeschreibung gehabt: er nahm nach Presseartikeln und Zeugenaussagen seine Job so wahr: Erkenntnisse über das Doping gewinnen, um die Sportler vor positiven Befunden zu bewahren. Solange diese - ja schon nachgewiesenen Strukturen und Taten - nicht weitere Konsequenzen nach sich ziehen, solange ist ja schon ein Foren-Text "harmlos" undn irreführend, weil er den Kern nicht trifft. Wenn nun schon (wieder) klar wird, dass Organisationen wie Nat.Olympisches Komittee oder die Telekom "Doping-Koryphäen" wie Keul beschäftigen, dann muss man doch beständig auf diese Organisationsstrukturen abheben, was Diskussionen wie obige angeht. Im luftleeren Raum kann man solche Fragen nicht diskutieren "sollten sie wieder eingestellt werden...?"
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