Doping: Wada besorgt über Kontroll-Lücken

Zahlreiche Sportverbände testen ihre Athleten nach ARD-Recherchen nur selten auf Blutdoping. Auch Eisschnellläuferin Claudia Pechstein sei bei ihrer auffälligen Probe nicht auf Epo untersucht worden. Lücken gibt es aber auch in anderen Sportarten.

Eisschnellläuferin Pechstein: Keine Untersuchung auf Epo-Doping Zur Großansicht
AFP

Eisschnellläuferin Pechstein: Keine Untersuchung auf Epo-Doping

Hamburg - Zahlreiche Dopingkontrollen großer internationaler Sportverbände weisen anscheinend gravierende Lücken auf. Nach Recherchen der ARD-Sportschau und des WDR-Magazins "Sport Inside" lassen mehrere Dachorganisationen Dopingproben in Laboren gar nicht oder nur in geringem Maße auf klassische Dopingmittel wie Epo und Wachstumshormone untersuchen.

Unter anderem ließ der Eislauf-Weltverband Isu im Februar 2009 bei der Eisschnelllauf-WM in Hamar eine Urinprobe von Claudia Pechstein nicht auf Epo testen. Das bestätigte die Vorsitzende der Medizinischen Kommission der Isu, die Kanadierin Jane Moran. Am selben Tag wurden bei Pechstein erhöhte Blutwerte gemessen, die später eine zweijährige Sperre durch die Isu und endlose juristische Rangeleien nach sich zogen. Epo ist direkt nur in Urinproben nachweisbar, Pechstein wurde anhand des indirekten Nachweises wegen überhöhter Blutwerte gesperrt.

Moran sagte, dass die Isu nur "in ein bis zwei Prozent" der Urinproben bei Wettkämpfen auf Epo suchen lässt: "Wir vermuten, dass Athleten so intelligent sind, die Epo-Einnahme kurz vor dem Wettkampf zu stoppen. Wir fanden daher nicht, dass wir unser Geld richtig einsetzen, wenn wir während der Wettkämpfe auf Epo testen", sagte die Isu-Funktionärin.

Wada ist empört über die nachlässige Kontrollpraxis

Der Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), David Howman, sagte, er halte die Praxis von Sportverbänden, nur wenige Epo-Tests durchzuführen, für " besorgniserregend. Es gibt einen Freifahrtsschein für die, die mit Epo dopen wollen", sagte Howman. Auch andere Verbänd offenbarten Lücken im Kontrollsystem. So räumte Jim Carrabre, Vizepräsident Medizin der Internationalen Biathlon-Union (Ibu), ein, dass ein Test auf Wachstumshormone in "weniger als ein Prozent" der bei Biathleten abgenommenen Blutproben erfolge. Als Begründung führte der Ibu-Funktionär an, dass Wachstumshormone vermutlich kaum leistungssteigernden Effekt bei Biathleten haben.

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF hat im Jahr 2010 laut eigener Statistik keine der in Wettkämpfen genommenen Blutproben auf Wachstumshormone oder das Blutdopingmittel Cera untersuchen lassen. Jiri Dvorak, Chef der Medizinischen Kommission des Weltfußballverbandes Fifa, sagte, dass die Fifa den für den Nachweis von Wachstumshormonen notwendigen teuren Dopingtest mit Blutserum kaum durchführe.

Wada-Generaldirektor Howman fordert nun, dass seine Agentur Einblick in die von Sportverbänden mit Laboren abgeschlossenen Verträge erhalte: "Wir wissen gar nicht, welcher Sport was für Kontrollen macht. Wir bekommen keinen Einblick in die Verträge, die die Sportverbände mit den Laboren haben. Das Problem gehen wir jetzt an."

aha/sid

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Scheinheiliges Ablenkungsmanöver
Das Auge des Betrachters 13.03.2011
Die Wada ist ein scheinheiliger Haufen, der Ablenkungsmanöver vom Fussball fördert.
2. Zuviel Kontrolle besiegelt den eigenen Untergang
weltoffener_realist 13.03.2011
Zitat von sysopZahlreiche Sportverbände testen ihre Athleten nach ARD-Recherchen nur selten auf Blutdoping. Auch Eisschnellläuferin Claudia Pechstein sei bei ihrer auffälligen Probe nicht auf Epo untersucht worden. Lücken gibt es aber auch in anderen Sportarten. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,750696,00.html
Jeder Sportverband, der sich ernsthaft dem Kampf gegen Doping verschreibt, betreibt seinen Untergang. Bestes Beispiel ist der Radsport: Mit steigendem Kontrollaufwand und damit zunehmendem Erfolg wendet sich die Öffentlichkeit entrüstet ab - und den Sportarten mit lückenhaften Kontrollen zu.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles zum Thema Doping
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
Epo und Epo-Doping
Erythropoetin (Epo)
Die Ausdauerleistungsfähigkeit ist wesentlich vom Sauerstoffaufnahmevermögen abhängig. Erythropoetin (Epo) ist ein Eiweißhormon, das die Produktion roter Blutkörperchen (Erythrozyten) im Körper stimuliert. Je mehr Erythrozyten im Blut, desto mehr Sauerstoff kann aufgenommen und zu den Körperzellen transportiert werden - die Leistungsfähigkeit steigt.
Struktur und Wirkung
Natürliches Erythropoetin ist ein komplexes Eiweißmolekül aus 165 Aminosäuren, an das noch Zuckermoleküle angelagert sind. Es wird hauptsächlich in der Niere gebildet und bewirkt im Knochenmark die Bildung von Erythrozyten.
Künstliches Epo
Seit den achtziger Jahren kann Epo gentechnisch hergestellt werden. Seither gibt es eine große Zahl von Epo-Präparaten. Sie müssen injiziert werden, in der Regel mehrmals pro Woche. Zahlreiche Pharmakonzerne haben Epo-Präparate entwickelt, in denen das natürliche Epo-Molekül chemisch abgewandelt wurde - mit dem Ziel, die Verträglichkeit, die Wirksamkeit und die Wirkdauer zu steigern. Eines der lang wirksamen Epo-Präparate ist CERA des Konzerns Hoffmann-La Roche. Es muss nur einmal im Monat verabreicht werden.
Nebenwirkungen
Bei Überdosierung nimmt die Anzahl der roten Blutkörperchen im Blut zu hohe Werte an. Das Risiko von Blutgerinnseln steigt, Herzinfarkt, Lungenembolie oder ein Hirnschlag können die Folge sein.
Epo-Mimetika
Statt des Originalmoleküls oder den chemisch leicht abgewandelten Formen gibt es auch sogenannte Epo-Mimetika - Präparate, die sich chemisch vom Erythropoetin-Molekül unterscheiden, im Körper aber dieselbe oder eine sehr ähnliche Wirkung entfalten.
Epo-Doping und Nachweis
Seit Beginn der industriellen Produktion von Epo Ende der achtziger Jahre wird es zur Leistungssteigerung genutzt. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet seit vielen Jahren den Gebrauch von Epo. Unerlaubt zugeführtes Epo kann mit speziellen Methoden im Urin nachgewiesen werden. Allerdings wird der Nachweis aufgrund der mittlerweile riesigen Anzahl an Epo-Präparaten, die abgewandelte Epo-Moleküle oder Epo-Mimetika enthalten, immer schwieriger.