Doping "Wer sich erwischen lässt, dopt ungeschickt"

Über 1500 Dopingkontrollen, aber kein positiver Fall. Das IOC feiert in Vancouver "saubere Spiele". Warum die Glaubwürdigkeit des Kontrollsystems dennoch in Frage gestellt werden muss und wie Athleten dopen können, erklärt Dopingexperte Klaus Pöttgen im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Hinweisschild zur Dopingkontrollstation
ddp

Hinweisschild zur Dopingkontrollstation


SPIEGEL ONLINE: Herr Pöttgen, bei den Winterspielen gab es bislang 1664 Dopingkontrollen, aber keinen positiven Fall. Das IOC feiert "saubere Spiele". Sind die Sportler vernünftig geworden?

Pöttgen: Wer sich bei Olympischen Spielen erwischen lässt, dopt ungeschickt.

SPIEGEL ONLINE: Also wird gedopt?

Pöttgen: Das ist möglich. Zum Beispiel kann man IGF1 nehmen, ein insulinähnliches Wachstumshormon. Wachstumshormone werden systematisch eingesetzt. Da gibt es, erst gerade gemeldet, wenige positiv getestete Sportler. Generell ist Doping auch eine Frage der Definition: Ist alles, was auf der Dopingliste steht, verboten, und alles andere erlaubt? Beispielsweise gibt es das Problem mit der nachweisbaren Substanz S107, die nicht untersagt ist, aber dennoch die Ermüdung der Muskulatur hinauszögert.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Sportarten, die besonders betroffen sind?

Pöttgen: Entscheidend ist Doping für die Ausdauersportarten in Vancouver. Athleten können versuchen, die erlaubten Grenzwerte knapp zu erreichen. Nur sind diese Grenzwerte in den jeweiligen Sportarten verschieden und lösen verschiedene Maßnahmen aus. Im Langlauf gibt es bei Männern einen erlaubten Grenzwert von 17,0 Gramm pro Deziliter Hämoglobin im Blut, bei den Biathleten sind es 17,5, bei Eisschnellläufern 18,0.

SPIEGEL ONLINE: Bei den Olympischen Spielen werden also unterschiedliche Grenzwerte herangezogen?

Pöttgen: Ja, die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada hat keine einheitlichen Grenzwerte eingeführt, dafür aber am 1. Januar 2009 eine sinnvolle Leitlinie zum biologischen Blutpass. Über Grenzwerte entscheiden nur die Verbände. Da wird doch die Glaubwürdigkeit des Kontrollsystems in Frage gestellt. In der Sportart selbst ist das noch fair, aber global gesehen kann man das nicht vermitteln. Evi Sachenbacher-Stehle erhielt bei Olympia 2006 für Blutwerte eine Schutzsperre, mit deren Werten sie im Eisschnelllauf hätte starten dürfen. Und das ist noch nicht einmal alles.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Pöttgen: Die unterschiedliche Dauer der sogenannten Schutzsperren im Falle eines erhöhten Hämoglobinwertes. Auch dafür gibt es keinen Grund. Bei den Radfahrern dauert die Schutzsperre zwei Wochen, beim Langlauf fünf Tage. Wie will man das erklären? Jeder macht, was er will. Das ist doch für die Athleten nicht mehr nachvollziehbar.

SPIEGEL ONLINE: Reicht aus medizinischer Sicht eine fünftägige Schutzsperre, um den Hämoglobinwert so weit zu senken, dass keine Thrombosegefahr mehr besteht?

Pöttgen: Da besteht in Wirklichkeit keine Thrombosegefahr. Die Schutzsperre ist doch wohl eher eingeführt worden, um einen fairen Wettkampf zu legitimieren, zumal es ja Ausnahmegenehmigungen für erhöhte Werte gibt.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Stellenwert hat für Sie die Schutzsperre?

Pöttgen: Es gibt das klassische Beispiel einer bekannten Wintersportlerin. Die hatte bei den Spielen in Turin 2006 einen Wert von 16,3 Gramm pro Deziliter, 0,4 mehr als erlaubt, und wurde mit einer fünftägigen Schutzsperre belegt. Die Athletin hat damals gesagt, sie habe noch nie in ihrem Leben so viel getrunken wie an diesem Vormittag, wahrscheinlich war es ein ganzes Fass, sagte sie, um den Hämoglobinwert zu senken. Nach den fünf Tagen durfte sie wieder starten, denn der Wert lag unter 16,0. Grundsätzlich kann man zudem nicht kontrollieren, ob Blut verbotenerweise in der Zwischenzeit manipuliert wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wie macht man das?

Pöttgen: Die Sportler bekommen eine Infusion mit einer Kochsalzlösung, deren verdünnende Wirkung bis zu sieben Stunden lang hält. 500 Milliliter Kochsalzlösung senken den Hämoglobinwert im Blut bis zu 0,7 Gramm pro Deziliter. Die Athleten wissen ja, dass sie nach Ablauf ihrer Sperre noch einmal kontrolliert werden und könnten das gut anpassen.

SPIEGEL ONLINE: Man muss also nur aufpassen, dass man die Beutel nicht findet.

Pöttgen: Ja, und man muss auch nicht die Ärzte finden, die die Infusionen anhängen. Denn einen Infusionsbeutel selbst anzuhängen ist ja keine Kunst. Und es gibt auch noch eine andere Möglichkeit, den Hämoglobinwert zu senken.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Pöttgen: Die Radfahrer hatten früher ihre Zentrifugen dabei. Wenn sie dann gesehen haben, dass ihr Hämatokritwert vor einer Kontrolle zu hoch war, haben sie sich einfach eine Kanüle in die Armvene gesteckt, Blut rauslaufen lassen und viel getrunken, bis sie unter dem Wert waren.

SPIEGEL ONLINE: Es wird den Athleten also zu leicht gemacht?

Pöttgen: Die Manipulation, um in fünf Tagen wieder startberechtigt zu sein, das ist Kinderkram, ein Witz. Das ist so einfach zu manipulieren, das kann ja nicht ernstgemeint sein. Und wenn man bei den Winterspielen ernsthaft sperren wollte, müsste die Schutzsperre auf den gesamten Zeitraum der Spiele ausgeweitet werden.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie noch an den sauberen Sport?

Pöttgen: Ich will nicht den Stab über jemanden brechen. Aber wenn man herausfindet, dass der Zweitplatzierte, Dritte und Vierte gedopt war, liegt doch die Frage nahe: Was ist mit dem Ersten?

Die Fragen stellte Jan Reschke

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Forum - Olympische Winterspiele - Sportlertreff oder Dopingsumpf?
insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
wolfman11 11.02.2010
1.
Zitat von sysopNoch vor der Eröffnungsfeier wurden 30 mutmaßliche Doper von den Winterspielen ausgeschlossen. Wie sauber sind die Spiele von Vancouver?
Bevor Ex-Tennis-Profis mit dem Verbreiten von Schmutz anfangen: Die Spiele werden natürlich nicht sauber sein. Es bleibt aber zu hoffen, dass möglichst viele Sünder erwischt werden - zu hoffen auch für die vielen sauberen Athleten. Und es bleibt zu hoffen, dass die Nachweise zweifelsfrei und sauber geführt werden. Wenn dies gelingt, kann man sich an den Leistungen bestimmt erfreuen.
Medien-Kritiker, 11.02.2010
2. Es nervt!
Zitat von sysopNoch vor der Eröffnungsfeier wurden 30 mutmaßliche Doper von den Winterspielen ausgeschlossen. Wie sauber sind die Spiele von Vancouver?
Mir geht es ganz gewaltig auf den Keks, dass Fußball im Prinzip die einzige Sportart ist, über die man hier wirklich fachsimpeln kann.Threads zu allen anderen Sportarten (vielleicht mit Ausnahme von F1 oder Handball) werden früher oder später zu reinen Doping-Threads. Ist es denn zu viel verlangt, das Thema Doping erst dann auf die Tagesordnung zu heben wenn es mal wieder aktuell ist?
Robert Rostock, 11.02.2010
3.
Zitat von sysopNoch vor der Eröffnungsfeier wurden 30 mutmaßliche Doper von den Winterspielen ausgeschlossen. Wie sauber sind die Spiele von Vancouver?
*++++Riesen-Skandal!!! 30 (DREISSIG!!!) Doping-Verbrecher überführt und von den Olympischen Spielen ausgeschlossen!! Riesen-Erfolg für die unerschrockenen Aufklärer der WADA!!!! Sonder-Pressekonferenz!!!++++* Blub! Ballon geplatzt, war nurn PR-Gag. Haben einfach alle längst bekannten Fälle des letzten Jahres zusammengezählt... (http://www.spiegel.de/sport/wintersport/0,1518,677377,00.html) So ist das halt bei der Inquisition. Es muss immer skandalöser, immer schlimmer werden, die Zahl der Verdächtigen muss immer größer werden, schließlich muss der Apparat ja in Schwung bleiben, der riesige Finanzaufwand irgendwie gerechtfertigt werden. Aber langsam kommen auch bei den Medien die Zweifel. Die Meldungen über die heutige Pressekonferenz sind jedenfalls nicht besonders freundlich mit der WADA. Und letzte Woche erschien in der Berliner Zeitung ein bemerkenswerter Artikel von Jens Weinreich, bisher als besonders engagierter und schonungsloser Doping-Jäger bekannt (u.a. Grimme-Preisträger) zum Fall Pechstein: (http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0127/sport/0038/index.html) "... Dabei steht das Cas-Urteil inhaltlich auf tönernen Füßen. Die Blutdoping-Vorwürfe mittels indirekten Nachweises (ohne positive Probe, aufgrund eines auffälligen Blutparameters) sind wissenschaftlich höchst umstritten. Streit der Experten Vor wenigen Tagen erklärte Wolfgang Jelkmann, weltweit anerkannter Epo-Forscher von der Universität Lübeck, "aus Frau Pechsteins Messwerten der vergangenen zehn Jahre lässt sich Epo-Doping nicht belegen". Jelkmann unterstützt die jüngste Expertise des Siegener Hämatologen Winfried Gassmann, der unabhängig agiert und sich auf 41 Seiten mit dem Fall auseinandersetzt. Gassmann wirft dem Cas "verfälschende und irreführende Darstellung" vor. "Entlastende Fakten" seien unterdrückt worden: "Da die Dopingsperre wegen erhöhter Retikulozyten ausgesprochen wurde, kommt hier kein Eigenblut-Doping in Betracht", sagt Gassmann. Seine Arbeit ist ernst zu nehmen, weil er sich - anders als andere vermeintliche Experten - umfassend mit den Daten auseinander gesetzt hat. Kein Epo-Doping? Kein Eigenblut-Doping? Derlei Grundsatzfragen werden vom Bundesgericht nicht verhandelt. Es prüft, aber es sucht nicht nach der Wahrheit."
ray4901 12.02.2010
4. stimmt schon, ist aber erklärbar
Zitat von Medien-KritikerMir geht es ganz gewaltig auf den Keks, dass Fußball im Prinzip die einzige Sportart ist, über die man hier wirklich fachsimpeln kann.Threads zu allen anderen Sportarten (vielleicht mit Ausnahme von F1 oder Handball) werden früher oder später zu reinen Doping-Threads. Ist es denn zu viel verlangt, das Thema Doping erst dann auf die Tagesordnung zu heben wenn es mal wieder aktuell ist?
Es hängt mit der (vermeintlichen) Kompetenz der Forumteilnehmer zusammen. Ihr Beispiel mit dem Doping steht nicht allein. Wenn es um die Rechte der Tibeter, die Trinkwasserversorgung in Indien oder die Behandlung von Oppositionellen im Iran geht, kommen so sicher wie das Amen in der Kirche, die CIA, Mossad, Palaestina und die geopolitischen Ziele der USA ins Spiel, garniert mit ein paar alten und neuen VTs. Da meinen eben die Foristen, Bescheid zu wissen und treffen jede Menge Gleichgesinnte an. Die ursprüngliche Frage ist ab Beitrag 20 vergessen. Beim Sport muss es ähnlich sein. Da Fussball und Formel 1 die "Expertise" des deutschen Sportpublikums zu 90% auslasten, können viele Vielschreiber andernorts nur mit Doping punkten. Viel macht dabei die Reaktion der Wintersportbegeisterten und der Radlerfans aus, die sofort einschnappen, wenn wer die Dopingkeule hervorholt. Ignorieren wäre besser oder aber: Ein Vorschlag: alle Anhänger von Langlauf, Biathlon, Radsport, Eisschnellauf, Leichtathletik, etc. blockieren die unzähligen Fussball- Handball- und Automobilthreads mit wüsten Anschuldigungen betreffend Wettbetrug, unfähigen Schiedsrichtern, Reglementschaos und überhaupt ungenügenden Dopingkontrollen. Auch wenn danach überhaupt nicht gefragt wird. Vielleicht hilfts?
Björn Borg 12.02.2010
5. Hals und Beinbruch!
Zitat von wolfman11Bevor Ex-Tennis-Profis mit dem Verbreiten von Schmutz anfangen: Die Spiele werden natürlich nicht sauber sein. Es bleibt aber zu hoffen, dass möglichst viele Sünder erwischt werden - zu hoffen auch für die vielen sauberen Athleten. Und es bleibt zu hoffen, dass die Nachweise zweifelsfrei und sauber geführt werden. Wenn dies gelingt, kann man sich an den Leistungen bestimmt erfreuen.
Da sind wir doch endlich mal einer Meinung. Leider kann es aber nicht gelingen, wie der Artikel ja ausführt. Gut aber dennoch, dass einige etwas weniger professionelle Doper schon in der Vorbereitung beim Doping erwischt und überführt wurden und daher, abgesegnet durch ordentliche Gerichte, gar nicht erst zu den Olympischen Spielen fahren durften!
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