Dopingermittlungen Das letzte Duell für Armstrong und Ullrich

Auf dem Rad haben sie sich legendäre Zweikämpfe geliefert. Heute sind Jan Ullrich und Lance Armstrong von Dopingvorwürfen belastet, der Starruhm ist dahin, beiden drohen Ermittlungen. Trotzdem ist es wie früher: Armstrong ist erheblich besser gerüstet.

AFP

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Der 17. Juli 2001 schien ein großer Tag für den Sport zu sein, ein Tag für die Ewigkeit. Es war der Showdown der Tour de France, es ging hinauf zum mythischen Zielort L'Alpe d'Huez. Der US-Amerikaner Lance Armstrong hatte sich beim Anstieg demonstrativ nach dem direkt hinter ihm fahrenden Ullrich umgeschaut und war ihm dann einfach davongefahren. "The Look", wurde Armstrongs Aktion fast ehrfürchtig genannt. Gerne würde man diese Szene als bleibenden Augenblick der Tour-Historie in Erinnerung behalten, als einen, vielleicht sogar den Höhepunkt im Duell zweier großer Athleten. Doch so einfach ist es nicht, es sei denn, man ist unerschütterlicher Radsportfan.

Was danach kam, hat diesen Moment zerstört. All die Dopingvorwürfe, die Verdächtigungen, die Beschuldigungen, all das, was den Profiradsport in Misskredit gebracht hat. Ullrich und Armstrong sind rechtskräftig nicht überführt worden, sie haben Doping stets bestritten, und dennoch gelten beide heute als Symbolfiguren eines schmutzigen Sports. Deren Sportkarriere ist zum juristischen Fall geworden. Gegen Armstrong wird in den USA wegen Betrugs ermittelt, Ullrich droht ebenfalls ein Verfahren. Zwei der größten Sport-Ikonen der vergangenen anderthalb Jahrzehnte sind schwer ins Trudeln geraten. Folgt nun der Absturz?

Fast wirkt es, als seien Armstrong und Ullrich und ihre Karrieren immer noch irgendwie miteinander verwoben:

Beide waren Helden in ihrem Metier, die zu Vorbildern für ganze Generationen wurden, und darunter waren nicht nur Sportfans.

Beide wurden Mitte der Neunziger von Dopingbeschuldigungen eingeholt.

Beide haben es nicht geschafft, ihre Karriere auf dem sportlichen Höhepunkt zu beenden.

Beiden drohen jetzt schwerwiegende juristische Konsequenzen.

Für beide, Ullrich und Armstrong, gilt: Was bleibt, ist nicht der Ruhm. Was bleibt, ist der Verdacht.

Vom Liebling der Massen zum Eremiten

Tiefer zu fallen als Ullrich, für einen Sporthelden ist das kaum möglich. Er war die Lichtgestalt des deutschen Sports, mittlerweile ist er aus der Öffentlichkeit komplett abgetaucht, er hat sich wegen eines Burn-out-Syndroms abgemeldet, das Bundeskriminalamt hat ein Dossier über ihn erstellt, in einem Umfang, als sei Ullrich der Staatsfeind Nummer eins. Die Ermittlungsakte in Sachen Ullrich und Doping ist 2219 Seiten dick. Zuletzt spekulierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" öffentlich über Alkoholprobleme Ullrichs. Der 36-Jährige sah sich daraufhin genötigt, auf seiner Web-Seite dazu Stellung zu nehmen und dies heftig zu dementieren.

Ullrich, bislang einziger deutscher Sieger bei der Tour de France (1997), hat sich stets auf die Aussage zurückgezogen, er habe niemanden betrogen. In einem Feld, wo sämtliche Spitzenfahrer mit Doping in Verbindung gebracht wurden, mag diese Aussage gar stimmen. Vom Italiener Marco Pantani, der die Manipulation seines Körpers gar am Ende mit dem Leben bezahlte, über den US-Amerikaner Floyd Landis bis hin zum Dänen Bjarne Riis sind drei Fahrer, die sportlich die Tour de France für sich entschieden haben, des Dopings überführt worden. Oder sie haben den Dopinggebrauch eingestanden.

Ullrich hat das nie getan. Er hat nichts zugegeben. Über das Warum lassen sich nur Deutungen anstellen. Vielleicht war es aus Sorge um seine Sponsoren, die dann abgesprungen wären. Oder aus einer Selbsteinschätzung heraus, die zum Schluss mit der Realität fast nichts mehr zu tun hatte?

Genützt hat es ihm nichts. Ullrich ist heute isoliert, eine öffentliche Persona non grata, kaum einer von denen, die sich vor zehn Jahren noch um ihn drängten, lässt sich mehr mit ihm sehen. Betrachtet man Ullrich nur als Menschen, als irdisches Wesen mit überirdischem Talent fürs Radfahren, man könnte Mitleid mit ihm haben. Der heute 36-Jährige hat sich in die Schweiz zurückgezogen - von Everybody's Darling zum Eremiten.

Dominator nimmt den Kampf auf

Hier hören die Gemeinsamkeiten mit Armstrong auf. Der US-Amerikaner ist keiner, der sich verbarrikadiert, wenn es ernst wird. Armstrong ist immer Kämpfer gewesen, er hat in den neunziger Jahren den Krebs besiegt, er hat auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn die Gegner sportlich gedemütigt, er hat Rivalen klein gemacht, er war der Dominator im Peloton. Wer nicht für ihn war, war gegen ihn. Unvergessen, wie er den italienischen Fahrer Filipo Simeoni, der Armstrong des Dopings bezichtigt hatte, während der Tour de France 2004 abstrafte, indem er jeden Ausreißversuch des Italieners konterte oder kontern ließ.

Armstrong hat sich während seiner Karriere auch durch Gegnerschaft definiert und motiviert. Er brauchte das Duell, um zur Hochform aufzulaufen. Er brauchte einen Ullrich, den er durch einen einzigen längeren Schulterblick am Berg hinauf nach L'Alpe d'Huez erniedrigen konnte.

Sein jetziger Gegner heißt Jeff Nowitzky, der US-Chefermittler in Sachen Dopingbetrug. Einer, der fast ein Geistesverwandter Armstrongs ist. Genauso akribisch, genauso besessen, genauso fokussiert auf ein Ziel. Armstrong und Nowitzky - das ist ein Duell auf Augenhöhe. Der Ermittler hat sich gut vorbereitet, hat ehemalige Mitfahrer Armstrongs zur Aussage vor der Grand Jury bewegen können. Jetzt munitioniert sich der siebenfache Tour-Sieger. Er stellt ein Team von Helfern zusammen, so wie er es früher bei US Postal als Champion auch gemacht hat.

Armstrong liebt solche Situationen

Neben seinem Stamm-Anwalt Tim Herman und dem renommierten Strafverteidiger Bryan Daley hat er auch Mark Fabiani in sein juristisches Team geholt - sozusagen sein Edelhelfer. Fabiani hat schon den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton in der Whitewater-Affäre um dubiose Grundstückskäufe Mitte der neunziger Jahre beraten, er hat die Kampagne des Präsidentschaftsbewerbers Al Gore 2000 mitbetreut. Fabiani gilt als Krisenmanager, den wenig erschüttern kann.

Armstrong liebt solche Herausforderungen, aber er weiß: Der Kampf vor den US-Gerichten wird härter werden als jede Bergetappe. L'Alpe d'Huez 2001 war dagegen eine leichte Übung. Dieses Mal könnte er abgehängt werden.

insgesamt 88 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 26.08.2010
1. Ulrich.....
Zitat von sysopAuf dem Rad haben sie sich legendäre Zweikämpfe geliefert. Heute sind Jan Ullrich und Lance Armstrong von Dopingvorwürfen belastet, der Starruhm ist dahin, beiden drohen Ermittlungen. Trotzdem ist es wie früher: Armstrong ist erheblich besser gerüstet. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,713265,00.html
...scheint total abzuschmieren...es wird von Alkoholproblemen und Burn Out gemunkelt...ich kann echt nicht verstehen wie ein mehrfacher Millionär der nie wieder arbeiten muss sich so hängen lassen kann. Er hat Familie, eine gesicherte Existenz...kann ihm doch Wurscht sein was die Presse oder sonst wer über ihn schreibt. Bei LA sieht das anders aus...der will einfach nicht aufhören ob nun aktiv als Radfahrer oder als Manager...wahrscheinlich verdient er immer noch zu gut...und hat entsprechend vorgesorgt was Anwälte und Co. angeht. Letztlich ist ihm nix zu beweisen...Aussage steht gegen Aussage...Pech für Landis und Co. ... aber die wollen auch nur noch nen Schnitt machen mit Büchern und Interviews. Hakt die beiden ab...es lohnt den Aufwand nicht mehr. Lieber einen kritischen Blick auf die aktuelle Szene werfen...Contador, Schlecks und Konsorten...aber da fehlt wohl die Motivation.
BouvardPecuchet 26.08.2010
2. das wird man sehen
Zitat von fatherted98...scheint total abzuschmieren...es wird von Alkoholproblemen und Burn Out gemunkelt...ich kann echt nicht verstehen wie ein mehrfacher Millionär der nie wieder arbeiten muss sich so hängen lassen kann. Er hat Familie, eine gesicherte Existenz...kann ihm doch Wurscht sein was die Presse oder sonst wer über ihn schreibt. Bei LA sieht das anders aus...der will einfach nicht aufhören ob nun aktiv als Radfahrer oder als Manager...wahrscheinlich verdient er immer noch zu gut...und hat entsprechend vorgesorgt was Anwälte und Co. angeht. Letztlich ist ihm nix zu beweisen...Aussage steht gegen Aussage...Pech für Landis und Co. ... aber die wollen auch nur noch nen Schnitt machen mit Büchern und Interviews. Hakt die beiden ab...es lohnt den Aufwand nicht mehr. Lieber einen kritischen Blick auf die aktuelle Szene werfen...Contador, Schlecks und Konsorten...aber da fehlt wohl die Motivation.
Das Verfahren gegen Armstrong ist nicht öffentlich. Wir wissen also nicht, welche Beweise zur Verfügung stehen. Mein Tipp: Man folge der Spur des Geldes. Dopingmittel werden illegal erworben und sind entsprechend teuer. Irgendwo werden sich sicher Hinweise und Belege für Zahlungen finden. Welchen Sinn soll es haben, die aktuellen Doper zu verfolgen? Meines Wissens haben zumindest Contador und einer der Schleckbrüder nachweislich Kontakte zu Fuentes unterhalten. Bei einem solchen Arzt kauft man keinen Traubenzucker. Bei der Tour wird das weiterhin keine Rolle spielen. Wer sich selbst kontrolliert, wie die UCI, der wird den Teufel tun und Dopingfälle nachweisen. So etwas ist schlecht für das Geschäft. PS: Gegen Armstrong wird gar nicht wegen Dopings ermittelt. Doping ist in den USA nicht strafrechtlich verboten. Es wird ermittelt, weil er verdächtigt wird, Bundesgelder seines Arbeitgeber US-Postal für Doping unterschlagen zu haben. Ihm droht weit mehr als bloß eine Sperre. Für Verbrechen im Rahmen von Bundesgesetzen geht man in den USA in der Regel in den Knast.
Chinesenhenry 26.08.2010
3. Persona Non Grata
Na, da fehlen einem die Worte. 2219 Seiten Akten --> Das ist schon Allerhand. Und die Presse, wie auch hier der Spiegel wieder zeigt, versteht immer noch nicht, dass ein Mensch, der sich 10 Jahre oder 15 Jahre lang im Profi-Sport bis auf's letzte buckelt auch ein anrecht auf richtige Bezahlung hat. Dass die Erfolge kommen muessen. Ein zweiter Platz und die Medienpraesenz von einer Lichtgestalt wie einem Jan Ullrich genauso wichtig ist wie ein Sieg. Auch wenn JU was genommen hat - wen interessiert das eigentlich? Warum regen sich so viele Leute darueber auf was gestern gewesen ist? Gestern ist gestern - und das kann man nimmer aendern. Die Gluecksgefuehle die jeder betrachter bei den Rennen und sportlichen Erfolgen von einem JU gehabt hat - wird derjenige nicht sagen: Oh, die Gluecksgefuehle sind ja absolut Scheisse, weil der war ja gedopt. In jedem anderen Land, wird ein Sportler dann als Mensch dargestellt. Nur in Deutschland, sein das nicht moeglich zu sein. In Deutschland ist man eine Persona Non Grata. Lieber Autor des Berichts: Wenn sie je zu Informationen gekommen sind, ohne dass sie wo nachhelfen haben muessen um tolle Berichte zu schreiben - sind sie dann auch eine Persona Non Grata? Dann duerften sie auch nix mehr hier schreiben.
l.augenstein 26.08.2010
4. Peinlich ...
Zitat von sysopAuf dem Rad haben sie sich legendäre Zweikämpfe geliefert. Heute sind Jan Ullrich und Lance Armstrong von Dopingvorwürfen belastet, der Starruhm ist dahin, beiden drohen Ermittlungen. Trotzdem ist es wie früher: Armstrong ist erheblich besser gerüstet. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,713265,00.html
Schon der Titel des Artikel ist Unfug und Sensationsgeheische. Was soll das mit dem "letzten Duell"? Nur in einem Punkt hat der Autor recht: Jan Ullrich scheint es tatsächlich vom kritiklos bejubelten Superstar, von der Lichtgestalt, zum "Staatsfeind" geschafft zu haben! Mehr als 2000 Aktenseiten gegen ihn! Geht's nicht noch größer und nicht noch peinlicher?
cs09 26.08.2010
5. Unter gleichen Bedingungen war es noch so schön
Ulle bleibt unvergessen - 2006 wäre der zum zweiten Mal Toursieger geworden ... aber nja. Ob Doping oder nicht, Ulle seine Ritte über die Berge, die Geschichten rund um den Radsport. Die unvergessenen Duelle und Mythen wie "The Look", bleiben unvergessen. Und richtige Radsportfans erzählen sich auch in Jahren noch davon.
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