Dopingopfer Krieger Vom Staat missbraucht

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3. Teil: Kampf gegen Doping


Andreas Krieger bekommt im selben Jahr Post von der Zerv, der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität, die auch Unrechtstaten des DDR-Sports aufzuklären versucht. Krieger soll als Zeuge aussagen, die Zerv will prüfen, ob die Geschlechtsumwandlung mit den extrem hohen Dosen Anabolika in Zusammenhang steht. Erst jetzt fängt Krieger an zu glauben, dass er systematisch gedopt worden ist. Er liest Berendonks Buch noch einmal, er ruft Werner Franke an: "Liegt es am Doping, dass ich Andreas bin?"

Franke antwortet, eine Vermännlichung auf hormonellem Wege sei bei weiblichen Teenagern möglich, die geschlechtlich nicht eindeutig festgelegt sind, die eine Veranlagung hätten zum männlichen Geschlecht. Später wird er deutlicher: "Das war schon kein Doping mehr, das war eine schwerwiegende sexuelle Transformation."

Andreas Krieger wird 1999 Beirat des Vereins Doping-Opfer-Hilfe, er stiftet ihm seine Goldmedaille, die er bei der Europameisterschaft 1986 gewonnen hat. Die Medaille wird in eine Plastik eingeschweißt und seit 2000 als Heidi-Krieger-Preis verliehen - an Menschen, die sich im Kampf gegen Doping besonders engagieren.

"Benutzt wie eine Maschine"

Am 30. Mai 2000 sagt Krieger in Berlin vor Gericht aus, im Prozess gegen Manfred Höppner und Manfred Ewald. Er zeigt dem Richter ein Foto, von sich als Heidi: kurze Haare, spitze Nase, kräftiges Kinn. "Sie haben mich benutzt wie eine Maschine", sagt er. Erzählt, dass er seinen Körper gehasst habe.

Andreas Krieger erhält als staatlich anerkanntes Dopingopfer vom Bund eine Entschädigung. Rund 10.000 Euro.

Es gibt ehemalige DDR-Trainer, frühere Funktionäre, die behaupten, sie hätten Heidi Krieger mit den blauen Pillen einen Gefallen getan, weil sie sowieso immer ein Mann werden wollte. "Das ist so, als würde ich einem Menschen das Bein abhaken und danach sagen: Ich wusste, dass sie es schon immer loswerden wollten", sagt Krieger. "Diese Leute haben mir keine Chance gegeben, über mein Leben selbst zu bestimmen."

An einem Sommerabend sitzt Andreas Krieger mit seiner Frau in Magdeburg im Biergarten. Die beiden überlegen, wie sie zusammen mit der Doping-Opfer-Hilfe während der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin auf das Schicksal der DDR-Dopingopfer aufmerksam machen können. Sie fordern eine Rente für Dopingopfer, sie wollen vor dem Olympiastadion eine Mahnwache halten, wollen mit dem Internationalen Olympischen Komitee reden und mit dem Internationalen Leichtathletikverband, mit der Welt-Anti-Doping-Agentur, sie wollen eine Pressekonferenz geben, wollen die Heidi-Krieger-Medaille verleihen.

Die WM als Freak-Show

Andreas Krieger guckt sich die WM nicht an, keinen Wettkampf, selbst wenn der Deutsche Leichtathletik-Verband ihn eingeladen hätte.

"Was soll ich da?", fragt er. "Ich will mich nicht vorführen lassen, es gibt keinen Schulterschluss, die Inszenierung mache ich nicht mit." Es geht ihm nicht um Show-Effekte, sondern um die Aufarbeitung von Geschichte.

"Die Weltmeisterschaft ist eine Freak-Show", sagt Krieger. "Vielleicht tue ich ein oder zwei Menschen Unrecht, aber ich denke, ohne Doping kann man nur in ganz wenigen Disziplinen unter die ersten sechs kommen." Er hockt zusammengesunken auf einer Bierbank, er sieht müde aus, seine Frau auch. "Ich habe Mitleid mit den Athleten", sagt Andreas Krieger. "Die Vorbilder von heute, das sind die Patienten von Morgen."



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