Dopingverfahren gegen Contador: Schlag ins Gesicht
Der Dopingfall um den dreifachen Tour-de-France-Sieger Alberto Contador wird mehr und mehr zu einer Farce. Die Verhandlung vor dem Internationalen Sportgerichtshof ist erneut verschoben worden. Sehr viel nützen dürfte dies dem Spanier aber nicht.
Kurz vor Ende der Tour de France hatte Alberto Contador doch wieder allen anderen die Schau gestohlen. Zwar fiel am vergangenen Samstag beim Zeitfahren am vorletzten Tag der Rundfahrt die Entscheidung zwischen dem späteren Sieger Cadel Evans und Andy Schleck. Dennoch gehörten die Schlagzeilen Contador - im wahren Wortsinn. Der Spanier hatte tags zuvor auf der Etappe nach L'Alpe d'Huez einem als Arzt verkleideten Zuschauer, von dem er sich bedrängt fühlte, mit der Faust ins Gesicht gelangt. Dummerweise für ihn hielt ein Reporter diesen Moment fest. Das Foto vom um sich schlagenden Contador fand sich am Zeitfahrtag in fast allen französischen Zeitungen.
Ein Schlag ins Gesicht - das ist gar kein schlechtes Bild für das, was sich aktuell um den dreifachen Tour-de-France-Sieger abspielt. Denn als solchen empfinden viele den Umstand, dass die Verhandlung gegen den Spanier in Sachen Doping vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas nun bereits zum zweiten Mal verschoben wurde. Eigentlich sollte sich der 28-Jährige ab Montag vor dem Cas verantworten. Jetzt wird die Verhandlung frühestens im November beginnen, teilte das Gericht am Dienstagabend mit. Der Fall Contador gerät damit immer mehr zu einer Farce.
Es ist mittlerweile über ein Jahr her, dass Contador am zweiten Ruhetag der Tour de France 2010 positiv auf den verbotenen Wirkstoff Clenbuterol getestet wurde. Es dauerte damals bereits erstaunliche sechs Wochen, bis dieses Testergebnis öffentlich und Contador vorläufig gesperrt wurde. Der spanische Radsportverband wandelte diese Sperre wiederum vier Monate später in einen sofortigen Freispruch um.
Dagegen legten der Radsport-Weltverband UCI und die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada Einspruch ein und wandten sich an den Cas. Der wollte zunächst Anfang Juni verhandeln, dann im August, jetzt im November. Bis eine Entscheidung fällt, ist es 2012. Einen vergleichbaren Fall, wo es so lange vom Dopingtest zur Cas-Verhandlung dauerte, sucht man vergebens.
Verdacht konzentriert sich mehr und mehr aufs Thema Blutdoping
Das Gericht wolle beiden Parteien die Möglichkeit einräumen, "ihre Beweise zu vervollständigen", heißt es in der offiziellen Stellungnahme des Cas. Aus dem Contador-Lager verlautete, der Anwalt des Champions habe "neue Erkenntnisse" präsentiert. Die Gegenpartei, die Wada, muss dieses Material nun erst einmal sichten.
Die zeitliche Verzögerung muss dabei überhaupt nicht heißen, dass die Dinge im Sinne Contadors laufen. Immer wieder ist spekuliert worden, bei den Blutproben Contadors seien neben dem muskelbildenden Clenbuterol auch Spuren von Plastikweichmachern gefunden worden. Dies gilt gemeinhin als ein Hinweis auf Blutdoping, da die Weichmacher zum Beispiel bei der Produktion von Plastikbeuteln eingesetzt werden - Plastikbeutel, in denen sich konserviertes Blut hätte befinden können.
Wenn die Wada ihre Prozess-Strategie darauf aufbaut und Contador zusätzlich des Blutdopings bezichtigt, muss die Anklage erst recht wasserdicht sein. Eine gute Vorbereitung aber braucht Zeit. Insofern dürfte auch die Anklage gar nicht unglücklich über die Verschiebung sein.
Alle Rennen des Spaniers unter Vorbehalt
Dennoch: Je länger sich der Fall hinzieht, desto unglaubwürdiger werden die Bemühungen des Profiradsports, konsequent und ohne Ansehen der Person gegen Dopingsünder vorzugehen. So hatten die Veranstalter der Tour de France auch ohne den Urteilsspruch des Cas die Möglichkeit, Contador nicht zur Tour einzuladen. Das besagt die UCI-Regel 2.2.010, nach der ein Fahrer ausgeschlossen werden kann, wenn dessen Teilnahme der Reputation einer Veranstaltung abträglich sein könne. Bereits beim Giro d'Italia im Mai dieses Jahres war Contador ausgebuht worden.
Der Spanier, der die Tour de France 2010 gewonnen hatte, entschied nach seinem Freispruch weitere Rennen für sich, darunter auch den Giro. Alle Titel gelten nur unter Vorbehalt, Contador würde diese bei einer Verurteilung verlieren. Bei jedem Rennen, das der Spanier dieses Jahr noch bestreitet, fährt der Verdacht mit. Dass gezweifelt wird, hat sich der Radsport durch die zögerliche Behandlung des Falls Contador selbst eingebrockt.
Sollte Contador gesperrt werden, dann für zwei Jahre. Auf die Strafe angerechnet würden allerdings die fünf Monate (September 2010 bis Februar 2011), in denen er suspendiert war. Contador selbst hat stets seine Unschuld beteuert. Clenbuterol habe er durch ein verunreinigtes Steak aufgenommen. Mit Blutdoping habe er nichts zu tun.
Im Verlauf der am vorigen Sonntag zu Ende gegangenen Tour de France wurde Contador immer wieder zu den Anschuldigungen befragt. Der Saxo-Bank-Fahrer zeigte sich davon genervt. Bei der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt wirkte Contador fast wie ein Wiedergänger des ebenfalls hinlänglich verdächtigen Tour-Matadoren Lance Armstrong: müde, erschöpft, unkonzentriert.
Am Ende war Contador ein Geschlagener, er wurde nur Fünfter. Viele haben aufgeatmet. Sollte Contador eines fernen Tages verurteilt werden, müsste man ihm zumindest nicht auch noch den Tour-Sieg 2011 aberkennen.
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- Mittwoch, 27.07.2011 – 17:39 Uhr
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| Die Sieger der Tour de France | ||
| Jahr | Sieger | Land |
| 2012 | Bradley Wiggins | Großbritannien |
| 2011 | Cadel Evans | Australien |
| 2010 | Andy Schleck | Luxemburg |
| 2009 | Alberto Contador | Spanien |
| 2008 | Carlos Sastre | Spanien |
| 2007 | Alberto Contador | Spanien |
| 2006 | Óscar Pereiro | Spanien |
| 2005 | Lance Armstrong* | USA |
| 2004 | Lance Armstrong* | USA |
| 2003 | Lance Armstrong* | USA |
| 2002 | Lance Armstrong* | USA |
| 2001 | Lance Armstrong* | USA |
| 2000 | Lance Armstrong * | USA |
| *Aberkannt | ||
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