Kommentar zur Olympiabewerbung Besser Hamburg als Katar

Mit der Entscheidung für Hamburg und gegen Berlin haben die Sportfunktionäre den bequemeren Weg gewählt. Doch die Olympiabewerbung der Hansestadt böte auch eine Chance: Den Gigantismus solcher Events zu stoppen.

Ein Kommentar von

Jubelnde Hamburger: Die kleinmütigere Lösung
DPA

Jubelnde Hamburger: Die kleinmütigere Lösung


Es ist Hamburg geworden, es ist also die sichere Nummer geworden. Die Angst der Sportfunktionäre davor, dass ein schon auserkorener Olympiabewerber Berlin beim Bürgerentscheid im September durchfällt, war offenbar so beherrschend, dass sie zum entscheidenden Faktor bei der Abstimmung geworden ist. Dass man damit die Chancen auf Spiele in Deutschland eher verschlechtert als verbessert hat, weil Berlin international erheblich mehr Strahlkraft hätte, hat der DOSB damit in Kauf genommen.

Es ist in jeder Form die kleinere Lösung. Das hat angesichts der Kritik am olympischen Gigantismus erst einmal Charme. Wenn Hamburg das umsetzt, was jetzt an wohlklingenden Plänen in Sachen Nachhaltigkeit vorgesehen ist, wäre dies durchaus im Sinne eines Rückbaus des Olympia-Wahnsinns, wie wir ihn in Peking oder Sotschi kennengelernt haben.

Es ist allerdings auch die kleinmütigere Entscheidung. Mit einem Kandidaten Berlin hätte sich der DOSB noch weit offensiver mit der Kritik an einer deutschen Olympiabewerbung auseinandersetzen müssen. Es hätte eine offenere, härtere, aber vermutlich auch ehrlichere Debatte darum gegeben, welchen Sinn, welchen Mehrwert es hat, ein solches Großereignis überhaupt nach Deutschland zu holen.

Fotostrecke

9  Bilder
Deutsche Olympia-Bewerbungen: Berlin, München, Leipzig
Abgesehen davon hätte Berlin den deutschen Sport auch gezwungen, mit der historischen Belastung der Nazi-Spiele von 1936 aktiv und vor aller Weltöffentlichkeit umgehen zu müssen. Auch das hätte sicher nicht geschadet.

Die Gründe gegen eine Bewerbung sind nicht vom Tisch

Mit Hamburg und seiner angefachten Begeisterung über ein Ereignis, das es in dieser Größenordnung in der Stadt noch nicht gab, tut sich der DOSB leichter, sich um solche Debatten herumzumogeln.

Es gibt schließlich immer noch genug gute Gründe, Olympischen Spielen in Deutschland grundsätzlich skeptisch gegenüber zu stehen. Die Kosten natürlich, das Geld, das dann möglicherweise woanders fehlt, bei Bildung, Kinderbetreuung oder Sozialprojekten, die einseitige Gewinnbilanz zugunsten des IOC, die Veränderung ganzer Stadtviertel mit dem dann folgenden Anstieg der Lebenshaltungskosten. Deutschland würde sein Glück sicherlich auch ohne eine Olympiabewerbung finden.

Olympische Spiele in Hamburg, aber auch in Paris oder in Rom - das bedeutet auf der anderen Seite jedoch auch, das solch ein Großereignis dort ausgetragen wird, wo Zivilgesellschaft und Sporttradition noch zusammenkommen. Dort, wo solche Spiele eigentlich hingehören.

Wer nicht will, dass Olympia künftig nur noch in autokratischen Ländern wie China, Russland, Katar oder Kasachstan stattfinden, wer nicht will, dass Olympische Spiele oder Fußball-Weltmeisterschaften allein nach der Maßgabe vergeben werden, neue Märkte für IOC und Fifa zu erschließen, der muss dann auch in Kauf nehmen, dass die Spiele mal in seinem Vorgarten abgehalten werden.

Und die Funktionäre aus Politik und Sport müssen dann den für sie unangenehmen Job erledigen, sich auch aktiv mit Widerstand, mit Opposition, mit Kritik zu beschäftigen. Und dagegen Argumente zu suchen.

Nur so kann die olympische Idee, diese an sich immer noch faszinierende Illusion vom größten Sportfest der Welt, noch einigermaßen gerettet werden. Sponsoren-Wahn, Kommerz bis zur Schmerzgrenze - das wird man Olympia ohnehin nicht mehr austreiben können, dazu sind die Spiele ein viel zu großes Geschäft geworden. Das ist bei der Fußballbundesliga, bei der Champions League übrigens auch nicht anders.

Aber Spiele, die im Herzen einer einigermaßen funktionierenden zivilen Öffentlichkeit mit einer einigermaßen offenen Debattenkultur stattfinden, Spiele, die sich der Diskussion stellen müssen - das wäre zumindest ein kleiner Fortschritt.

Von daher hat Hamburg eine Chance verdient.

Vote
Olympische Spiele 2024

Ist die Entscheidung für Hamburg als deutscher Bewerber richtig?



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hansa54 16.03.2015
1. Gigantismus
wollte schon Leipzig bekämpfen! Netter Versuch!
damp2012 16.03.2015
2. Wenn Hamburg es schafft...
... ernsthaft nachhaltig aus der Elbphilharmonie zu lernen, dann hat diese Bewerbung und ggf. sogar die Austragung der Spiele auch einen positiven Nachhall für die Stadt und ihre Entwicklung. Ganz sicher ist richtig, dass es nicht immer höher, schneller und weiter gehen kann - aber schöner! Und da hat diese Stadt einiges zu bieten. Ich - als gebürtiger und geborener Hamburger - freue mich sehr und habe mich bereits als ehrenamtlichen Helfer registrieren lassen - dabei sein ist alles und dieser olympische Gedanke sollte auch wieder mehr Früchte tragen! Allerdings ist auch sicher, dass dies nur geht, wenn die Organisationen nicht immer über das Ziel hinausschießen; aber wer weiß, vielleicht können auch alle Sportverbände noch lernen...
Dengar 16.03.2015
3. Naja
Es hätte eine offenere, härtere, aber vermutlich auch ehrlichere Debatte darum gegeben, welchen Sinn, welchen Mehrwert es hat, ein solches Großereignis überhaupt nach Deutschland zu holen." Zitatende. -------------- Bei den ersten beiden Attributen gebe ich Ihnen recht. - Aber ehrlicher? Niemals! Seit der Kanzlerettenschaft der Merkelösen finden ehrliche Debatten einfach nicht mehr statt, egal in welchem Bereich.
dazent20 16.03.2015
4. warum nicht...
die spiele auf mehrere städte oder sogar länder aufteilen wie z.b die EM. würde sogar mehr sinn machen als im fussball. dann müsste man auch nicht mehr unnötige stätten aufziehen um diese dann verroten zu lassen
McMacaber 16.03.2015
5.
freue mich sehr, daß die entscheidung für hamburg fiel. das konzept, sofern es auch umgesetzt wird, trägt doch deutlich besser als das berliner modell. nachhaltigkeit ist schon etwas mehr als ein "nazi-stadion" zu recyceln.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.