DOSB-Reform So ändert sich die Sportförderung in Deutschland

Bei Olympia blieb Deutschland wieder hinter den Erwartungen zurück. Um das zu ändern, hat der DOSB am Fördersystem gefeilt. Für die Vorbereitung auf die Winterspiele aber kommen die Änderungen zu spät.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann
DPA

DOSB-Präsident Alfons Hörmann


Nach knapp zwei Jahren interner Beratungen, weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit, liegt ein Eckpunktepapier für die Reform des olympischen Hochleistungssportsystems vor. Das für die Spitzensportförderung zuständige Bundesinnenministerium (BMI) und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) stellen das Konzept am Mittwoch hinter verschlossenen Türen im Sportausschuss des Bundestags vor. Ziel der Neustrukturierung seien "Podiumsplätze bei Olympischen, Paralympischen und Deaflympischen Spielen, Weltmeisterschaften und World Games". Die dazugehörigen Buzzwörter lauten: "deutlichere Athletenfokussierung, mehr Effizienz durch höhere Konzentration und bessere Steuerung".

Zu den Kernpunkten des neuen Fördersystems zählen eine Aufwertung der Rolle des DOSB gegenüber den Fachverbänden, die Reduzierung der Olympiastützpunkte (von 19 auf 13), der Bundesstützpunkte (von 204 auf etwa 160) und die Einrichtung zwei neuer zentraler Gremien, die der "potenzialorientierten Fördersystematik" gerecht werden sollen. Momentan erhalten 33 Sportverbände Bundesmittel für die Projektförderung. Bezuschusst werden aktuell 103 Disziplingruppen im Sommer- und 27 im Wintersport. Das wird sich spätestens ab 2018 deutlich ändern.

Ab Mitte Oktober soll das Konzept mit den Spitzenverbänden noch einmal im Sportausschuss und auch mit der Sportministerkonferenz der Bundesländer diskutiert werden. Die DOSB-Mitgliederversammlung Anfang Dezember in Magdeburg wird die Pläne absegnen. Erst danach werde ein Finanzkonzept erstellt, 2017 sei ein Übergangsjahr, bis ab 2018 schrittweise alle Maßnahmen umgesetzt werden. Für die Vorbereitung auf die Winterspiele 2018 kommen die Änderungen zu spät. Entscheidende Einwände der mehr als 60 olympischen und nichtolympischen Fachverbänden sind kaum zu erwarten.

Das neue Zauberwort: "potenzialorientiert"

In der Sportförderung ist sich jeder selbst der Nächste, mit Ausnahme des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hängen fast alle am Tropf der Bundes-Sportförderung, die etwa eine Viertelmilliarde Euro jährlich beträgt. Insgesamt, also auch aus den Töpfen von Ländern und Kommunen, wird der Sportbereich in Deutschland mit mehreren Milliarden Euro finanziert, nur ein Teil davon fließt in den Elitebereich.

"Potenzialorientiert" lautet das neue Zauberwort der deutschen Sportförderung, die sich mehr denn je an den Sportlern orientieren soll. Dazu wurde ein "Potenzialanalysesystem" (Potas) entwickelt, ein computerbasiertes Berechnungsmodell, das derzeit Daten aus 20 Bereichen verarbeitet und daraus eine "erfolgsorientierte Bewertung der Zukunftschancen" in den nächsten zwei Olympiazyklen vornehmen soll. Es müsse "einen messbaren Zusammenhang zwischen Potenzial, Förderung und Erfolg geben", heißt es in den Unterlagen, die der DOSB am Montag an alle Fachverbände verschickt hat. "Da sich die Kosten im Sport einerseits zunehmend dynamisieren, die staatlichen Fördermittel andererseits begrenzt sind", sei "Priorisierung unerlässlich".

Künftig soll sich vor allem "auf die perspektivreichsten Athleten und Disziplinen mit einem Erfolgspotenzial vier bis acht Jahre zum Podium konzentriert werden". Das ist nicht neu, schon seit einiger Zeit wird weniger rigoros als noch in den Neunzigerjahren nach Medaillenausbeute gefördert, stattdessen werden die Perspektiven von Disziplinen und Sportarten stärker berücksichtigt.

Sportarten und Disziplinen werden in Cluster eingeteilt

Die sogenannte Potas-Kommission, besetzt etwa mit Vertretern des DOSB, des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, der Trainerakademie (Köln) und des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT, Leipzig) soll künftig aus dem umfangreichen Datenmaterial alle Sportarten und Disziplingruppen in drei Bereiche einteilen, die Cluster genannt werden. Dazu heißt es im Eckpunktepapier im Wortlaut:

  • Exzellenzcluster: Hier werden sich gut aufgestellte Sportarten/Disziplinen mit konkretem Medaillenpotenzial wiederfinden. Sie sollen möglichst optimal, also mit grundsätzlich 100 Prozent des geprüften Bedarfs gefördert werden. Der Mitteleinsatz wird in Individualvereinbarungen konkretisiert und durch jährliches Controlling begleitet.
  • Potenzialcluster: Hier zugeordnete Disziplinen bewegen sich im Mittelfeld der Bewertungen. Im Rahmen einer Individualvereinbarung wird für sie festgelegt, in welchem Bereich und in welcher Höhe gefördert wird. Es können sowohl Mittel für einzelne Athleten (Individualförderung) und/oder für Nachwuchsmaßnahmen (Aufbauförderung) als auch für Strukturverbesserungen (Strukturförderung) festgelegt werden.
  • Cluster mit wenig oder keinem Potenzial: Hier zugeordnete Disziplinen können grundsätzlich nicht mit einer Spitzenförderung rechnen. Gegebenenfalls erforderliche Einzelfallbetrachtungen können Ausnahmen begründen.

Die sich der Potas-Auswertung anschließenden Strukturgespräche laufen ebenfalls unter der Hoheit des in die Kritik geratenen DOSB und sollen besser als bisher individuelle Fördermaßnahmen mit infrastrukturellen Maßnahmen verbinden. Sämtliche Planungen sollen schließlich von einem zweiten neuen Gremium festgelegt und abgesegnet werden: der Förderkommission, in der neben DOSB und BMI gelegentlich Vertreter der Bundesländer und deren Sportministerkonferenz mitdiskutieren dürfen, sofern deren Mitwirkung mit einem finanziellen Beitrag unterlegt ist.

Vieles ist nicht neu, erhält nur neue Namen

Etliche Vorschläge in den Unterlagen sind nicht neu. Manches erhält nur neue Namen. Statt A- bis D-Kader heißt es beispielsweise künftig: Olympia-, Perspektiv-, Nachwuchs- und Ergänzungskader. Viele Bereiche werden nur vage behandelt. Dazu zählen die Situation der Trainer, die Nachwuchsförderung und die duale Karriere der Hochleistungssportler. Einige Bemerkungen in den Unterlagen bergen enormes Konfliktpotenzial. So heißt es, die Stellen in den Sportfördergruppen von Bundeswehr und Bundespolizei seien nicht optimal besetzt. "Zugang und Verbleib" zu Sportförderstellen solle nur noch für "die perspektivreichsten Sportler" möglich sein.

Einige klare Aussagen enthalten die Unterlagen allerdings. "Für alle Akteure des Leistungssports in Deutschland ist unabdingbar, dass Spitzenleistungen nur dann anerkannt und gefördert werden können, wenn sie doping- und manipulationsfrei erbracht werden", heißt es. "Diese Grundvoraussetzung, keine Leistung um jeden Preis, gilt es jederzeit, von der Nachwuchs- bis zur Spitzenförderung, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln durchzusetzen." Ähnliche Postulate gab es auch in der Vergangenheit, nur haben sich Sport und Politik nicht rigoros daran gehalten.

In einem aber ist man sich beim DOSB schon jetzt einig: Bereits 2017 sollen zusätzliche Gelder für eine "Anschubfinanzierung" aus Steuermitteln bereitgestellt werden.

PDF-Download


insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
BettyB. 27.09.2016
1. Sinnvoll wäre wohl anderes
Und dann so: Alle öffentliche Gelder gehen ausschließlich in den Schulsport, der Amateursport bleibt steuerbegünstigt und die Sportler, die bei den kommerziellen Spielen mitspielen wollen, lassen sich durch Sponsoren fördern. Es würde der Gesundheit der Bevölkerung dienen und die kommerzielle Seite dem Kommerz überlassen - natürlich auch beim Sieg mit Sponsorenfahnen und -Hymnen...
rambazamba1968 27.09.2016
2. Schule
Der Schlüssel liegt im Schulunterricht. Talent und Potential finde ich komplett überbewertet. Es geht um Quantität. Ein Beispiel. Wenn ich die richtige Technik beim Basketballwurf anwende und 2.000000 auf den Korb werfe und der andere nur 20000mal wird der andere besser sein. Förderung muss früh Sportler die Möglichkeit bieten auf hohe Umfänge zu kommen. Die Schule ist da leider oft ein Hindernis. Im Fussball hat man es geschafft ein Konzept zu entwickeln und viele Schulen einzubinden. Hier liegt der Schlüssel des Erfolgs. Viele Schulen müssen den talentierten Sportler Freiraum lassen, um seinem Sport täglich oft und lange nachzugehen. Am besten vor der Schule, während und abends. Hört sich krass an, ist es auch.
Lankoron 27.09.2016
3. Und wieviele Funktionärsstellen
werden endlich aus der Förderung rausgenommen?
pr8kerl 27.09.2016
4. Ich verstehe den Beitrag nicht
Wieso blieb Deutschland hinter den Erwartungen zurück? Wurde denn erwartet, dass Deutschland den Medaillenspiegel anführt? Das Team hat in Rio 16 (in Worten: sechzehn) Goldmedaillen gewonnen, fünf mehr als in London. Das bedeutet, es hat mehr Siegertypen gegeben. Was will dieses unzufriedene Land eigentlich noch?
fortelkas 27.09.2016
5. Sportförderung in Deutschland
"Für alle Akreure des Leistungssports in Deutschland ist unabdingbar, dass Spitzenleistungen nur dann anerkannt und gefördert werden können, wenn sie doping- und manipulationsfrei erbracht werden". Jeder am Sport interessierte Mensch weiß, dass das gar nicht möglich ist, also steckt in diesem Postulat bereits die Lüge und der Selbstbetrug. Die Methoden des Manipulierens (natürlich nicht nur in Russland) werden von Tag zu Tag verfeinert und unangreifbarer gemacht. Und das Ganze nur, damit man mehr "Podiumsplätze" erobert? Ich weiß, dass der folgende Wunsch nicht in Erfüllung gehen wird: Hoffentlich wenden sich immer mehr Menschen von den "sportlichen Großereignissen" ab. Über die "Fußballweltmeisterschaftsfarce" in Katar und alles, was damit zusammenhängt, will ich erst gar nicht reden. Letzte Bemerkung: Auch im Fußball wird mehr und mehr gedopt, nur darüber wird natürlich in Öffentlichkeit nicht gern geredet. Erwin Fortelka
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.