DSV-Debakel bei WM: "Wer gibt mir 'ne Knarre? Erschießt mich bitte"

Aus Barcelona berichtet

Enttäuschende deutsche Schwimmer: Im Tal der Tränen Fotos
DPA

Katastrophal fällt die Halbzeitbilanz der deutschen Schwimmer bei der WM in Barcelona aus. Bundestrainer Henning Lambertz kündigt einen drastischen Umbau des Trainingsplans an und warnt: "Viele werden das nicht erfüllen können."

Henning Lambertz hatte sich schon bemüht, seine Erwartungen vor der Schwimm-WM möglichst niedrig zu halten. Spaß zu haben, die Leistungen der Deutschen Meisterschaften zu verbessern, dazu mit etwas Glück ein, zwei Medaillen mitzunehmen - diese Ziele hatte der Chefbundestrainer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE vor der WM formuliert. Und dabei die Hoffnung geäußert: "Wir wollen nicht herumlaufen wie ein paar lebende Tote."

Tot sind die deutschen Beckenschwimmer nicht. Doch Lambertz reichte die erste Halbzeit im Palau Sant Jordi von Barcelona, um einzusehen: Seine Abteilung ist kränker als gedacht.

Schon am ersten Finalabend nannte sich Britta Steffen, Doppel-Olympiasiegerin von 2008, nach der 4x100-Meter-Freistilstaffel die "Einäugige" im DSV-Quartett. Am nächsten Morgen flossen bei Selina Hocke, der großen nationalen Nachwuchshoffnung, nach dem Vorlauf-Aus über 100 Meter Rücken die Tränen. Am Mittwoch, als sie auch über die halbe Distanz vorzeitig gestrandet war, weinte die 16-Jährige erneut. Und Marco di Carli, im Vorlauf über 100 Meter Freistil mit indiskutabler Zeit als 36. ausgeschieden, begrüßte die Journalisten mit der drastischen Aufforderung: "Wer gibt mir 'ne Knarre? Erschießt mich bitte."

Den Heimtrainern auf die Finger schauen

Der 28-Jährige von der SG Frankfurt grübelt nun, ob er die Badehose womöglich komplett einmotten soll. Lambertz wollte di Carli das auch gar nicht ausreden, der Trainer empfahl ihm kühl: "Entweder aufhören - oder sich wirklich mal konsequent vier Jahre lang vorbereiten. Mit seiner Zeit hier wäre er nicht mal bei den Jugendeuropameisterschaften ins Finale gekommen."

Dabei ist Freistilspezialist di Carli nur ein Beispiel für ein grundsätzliches Problem, das Lambertz in seinem Team ausgemacht hat: Schon die Basis ist bei fast allen so rudimentär ausgeprägt, dass der Bundestrainer den Heimtrainern ab sofort nicht erst in den Monaten vor einem großen Event, sondern auch schon von September bis April ganz genau auf die Finger schauen will.

"Bisher haben wir immer nur den letzten Abschnitt vor einer WM, EM oder vor Olympia betrachtet", sagt Lambertz und deutet damit indirekt verschärfte Inspektionen in den Vereinen an. Offenbar dämmert dem neuen Chef gerade, dass die Freiheiten, die er den Coaches bei der Trainingssteuerung vor der WM eingeräumt hat, ihre erhoffte Wirkung komplett verfehlt haben. Parallel dazu will er den Stellenwert der Kurzbahnsaison herunterschrauben, auf die sich viele DSV-Schwimmer im Herbst und Winter konzentrieren.

Freiwasserschwimmer als Vorbild

"Wir schaffen es immer nur einmal pro Jahr, bei den Deutschen Meisterschaften, ein hohes Level zu erreichen. Und danach fallen wir runter, immer wieder", sagt Lambertz. Völlig einerlei, wie lang oder kurz die Vorbereitung vor dem jeweiligen Saisonhöhepunkt ist. Egal, wie hart oder weich die gesetzten Normen. Gleichgültig, ob Routiniers oder Newcomer auf den Startblöcken stehen.

Das Zwischenergebnis in Barcelona, wo es Franziska Hentke (200 Meter Schmetterling) und Markus Deibler (200 Meter Lagen) immerhin ins Halbfinale schafften, wo sie dann als Neunte jeweils knapp ausschieden, ist für den Bundestrainer "unbefriedigend". Weil für die zweite Hälfte - mit Ausnahme von Steffen Deibler, der als Weltjahresbester über 100 Meter Schmetterling antritt - kaum Besserung in Sicht ist, richtet sich der Blick des 42-Jährigen mehr denn je in die Zukunft.

"Die Konzentration muss sich nun auf den Perspektivkader richten", sagt Lambertz. "Wir müssen mehr und intensiver trainieren. Sonst werden wir es nie hinkriegen, ein gewisses Level in einer Saison häufiger zu erreichen."

Als Vorbild dieses Grundsatzplans dient ihm Stefan Lurz. Der Coach der sehr erfolgreichen deutschen Freiwasserschwimmer lässt auch seine Nachwuchsleute schon 2500 oder 3000 Kilometer pro Jahr trainieren. "Das verlange ich auch von den Beckenschwimmern", sagt Lambertz, der auf dem Weg zu Olympia 2016 einen natürlichen Selektionsprozess prophezeit: "Viele werden das, was ich einfordere, gar nicht erfüllen können."

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insgesamt 62 Beiträge
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1. 2112
rudolf_mendt 01.08.2013
Ach, das ist doch alles kein Problem. Entweder noch jede Menge Absurd-Distanzen à la 10 Meter oder 15 Meter in die Wettkämpfe aufnehmen oder ganz einfach das Freiwasserschwimmen zum eigentlichen Maß aller Dinge erklären. Dann stimmt's wieder.
2. Optional
jueho47 01.08.2013
Wie so oft gibt es hier wohl zwei Varianten: 1. Die deutschen Schwimmer sind tatsächlich sauber und greifen nicht zu Dopingmitteln. Dann sind Ergebnisse und Zeiten absolut OK. Man kann mit fairen Mitteln halt nicht dagegen halten. 2. Die deutschen Schwimmer dopen ebenfalls - schwimmen aber trotzdem nur hinterher. In diesem Fall sollte man dringend den Pharma-Beratern und den behandelden Dopingspezialisten in den Allerwertesten treten.
3. Alles schon mal gehört!
mein_standpunkt 01.08.2013
Bei den Olympischen Spielen war es doch fast genau so gruselig. Die Sprüche sind identisch. Die Änderungsankündigungen ebenso. Wenn es wirklich so gewesen sein sollte, dann ist der Schuß nach hinten losgegangen. Wenn nicht umso schlimmer. Inkompetenz im DSV wohin man schaut. Oder dopen die anderen geschickt? Könnte auch sein, wenn man die pickeligen Gesichter und Schultern aus dem Wasser auftauchen sieht. Nicht so arg wie rumänische Kugelstoßerinnen; man hat sich ja pharmazeutisch weiterentwickelt. Der DSV muß sich seine Unfähigkeit auch selbst eingestehen und auf ausländisches Know How setzen. Unsere deutschen Trainer können es nicht. Punkt!
4.
Maya2003 01.08.2013
Zitat von sysopKatastrophal fällt die Halbzeitbilanz der deutschen Schwimmer bei der WM in Barcelona aus. Bundestrainer Henning Lambertz kündigt einen drastischen Umbau des Trainingsplans an und warnt: "Viele werden das nicht erfüllen können". DSV-Debakel bei der Schimm-WM in Barcelona - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/dsv-debakel-bei-der-schimm-wm-in-barcelona-a-914209.html)
Und am Ende werden doch wieder Leute zur Olympiade oder WM mitgeschleppt die einen Endlauf NIE erreichen können. Es wird ja niemand gezwungen profihaft zu trainieren, aber von denen die bei einer Olympiade/WM antreten - für Deutschland - darf man das schon erwarten. Sonst hören wir demnächst wieder die schönsten Ausreden - "das Wasser war heute einfach zu naß."
5. Der DSV
HaPeGe 01.08.2013
Zitat von sysopKatastrophal fällt die Halbzeitbilanz der deutschen Schwimmer bei der WM in Barcelona aus. Bundestrainer Henning Lambertz kündigt einen drastischen Umbau des Trainingsplans an und warnt: "Viele werden das nicht erfüllen können". DSV-Debakel bei der Schimm-WM in Barcelona - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/dsv-debakel-bei-der-schimm-wm-in-barcelona-a-914209.html)
Die Schuld ist nicht bei den Schwimmerinnen und Schwimmern zu suchen. Hier sind die Trainerinnen/Trainer und die Damen und Herren Funktionäre gefragt. Es wird Zeit, dass der DSV ein Erneuerung an Kopf und Gliedern erfährt.
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