Nach Rücktritt der DSV-Präsidentin "Ihr macht unseren Sport kaputt"

Chaos beim Deutschen Schwimmverband: Eine aufgeschobene Diskussion über geplante Beitragserhöhungen führte zum Rücktritt der Präsidentin. Sportler sprechen vom Boykott notwendiger Veränderungen.

Ex-DSV-Präsidentin Gabi Dörries (2016)
DPA/ Klaus-Dietmar

Ex-DSV-Präsidentin Gabi Dörries (2016)


Die Präsidentin des Deutschen Schwimmverbands (DSV) Gabi Dörries ist auf dem Verbandstag in Bonn überraschend zurückgetreten. Auch ihre Vizepräsidentin für den Bereich Finanzen, Andrea Thielenhaus, legte mit sofortiger Wirkung ihr Amt nieder.

Beide Funktionärinnen zogen damit die Konsequenzen aus dem Verlauf der Sitzung, bei der die von Dörries vorangetriebene Reform mit der Erhöhung der Mitgliedsbeiträge als zentralem Bestandteil vorerst gestoppt worden war. "Durch die heutigen Beschlüsse sehe ich keine Basis für eine weitere Arbeit in der Position der Präsidentin", sagte Dörries.

Worum ging's?

Sie hatte erst vor zwei Jahren die Nachfolge von Christa Thiel angetreten. Schon damals war die als Reformerin geltende Dörries beim Bestreben nach mehr Finanzmitteln ausgebremst worden. Ihr Wahlprogramm bestand aus drei großen Themen: eine neue Satzung, ein neues Finanzkonzept und ein neues Marketingkonzept. Um den Verband stärker mit Eigenmitteln auszustatten, hatte sie eine Erhöhung des DSV-Anteils an den jährlichen Mitgliedsbeiträgen um 60 Cent auf 1,40 Euro vorgesehen.

Auf die neue Satzung konnten sich die Landesverbände mithilfe einiger Zusatzanträge noch einigen. Die Diskussion um die geplante Beitragserhöhung wurde hingegen nach einem Antrag des Badischen Schwimmverbands und des Schwimmverbands Württemberg auf die nächste ordentliche Mitgliederversammlung im Mai 2019 verschoben.

Erst nach Vorliegen eines umfassenden Abschlusses für das Jahr 2018 und dem Einblick in den Gesamthaushalt könne der Verbandstag sachkundig über Anpassungen der Beitragseinnahmen diskutieren, hieß es in dem Antrag. Manche Landesverbände befürchten mögliche Verluste von Zuschüssen durch die Landespolitik. Zudem fürchtet man, auf den Kosten durch die Beitragserhöhung sitzen zu bleiben. Der DSV kämpft im Zuge der Leistungssportreform mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und dem Innenministerium um jeden Euro.

Wie geht es weiter?

Im Verband werden die Geschäfte kurz vor Beginn der Kurzbahn-Weltmeisterschaft ab dem 11. Dezember in China zunächst von den Vizepräsidenten Uwe Brinkmann und Wolfgang Hein, dem Direktor Leistungssport Thomas Kurschilgen sowie dem Vorsitzenden der Deutschen Schwimmjugend, Kai Morgenroth, geleitet.

Wie fallen die Reaktionen aus?

Aus dem Leistungssport gab es deutliche Kritik. "Ich bedauere es sehr, dass Gabi Dörries zurückgetreten ist. Sie hat sehr viel Gutes bewirkt und immer ausschließlich im Willen der Athleten gehandelt", sagte Athletensprecher Jacob Heidtmann dem SPIEGEL. Heidtmann ist als Schwimmer beim Swim-Team Stadtwerke Elmshorn groß geworden, dem Verein, in dem sich Dörries schon lange vor der Präsidentschaft engagiert hat.

Die frühere Athletensprecherin Dorothea Brandt schrieb unter der Überschrift "Ihr macht unseren Sport kaputt!" auf ihrer Facebook-Seite, die Entscheidungen seien "ein Schlag ins Gesicht des deutschen Schwimmsports". Die Wahlberechtigten hätten "den Grundstein für das Ende des Leistungssports im DSV gelegt" und "die Vorbereitungen der Nationalmannschaften auf die Olympischen Spiele akut gefährdet."

Zwei Jahre habe Dörries versucht, den Verband neu zu strukturieren, um ihn auf die Zukunft vorzubereiten, so Brandt. Es werde immer wieder gefragt, warum der deutsche Schwimmsport gegenwärtig so erfolglos ist. "Heute haben die Fragenden eine Antwort erhalten", schrieb die zweimalige Kurzbahn-Europameisterin.

"Die Stimmung war sehr bedrückend", sagte Präsident Wolfram Sperling vom Sächsischen Schwimmverband. "Was das für ein Bild beim Deutschen Olympischen Sportbund DOSB und Bundesministerium des Innern abgibt, mag ich mir gar nicht vorstellen."

ngo/sak/dpa/sid

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
whitewisent 09.12.2018
1.
Man kann davon ausgehen, daß in der Bundesregierung und den Ländern sowie nachrangigen Behörden die Zustände im DSV als auch die Beteiligten sehr gut bekannt sind. Und es ist ein schlechtes Zeichen, wenn nun der Amateursport herangezogen werden soll, um die Finanzmittel für den Leistungssport aufzustocken. Das dort hatte nichts mit "Reformen", sondern plumpen Machterhalt und -ausbau der Zentrale auf Kosten der Regionen zu tun. Schwimmen gehört zu den beliebtesten Sportarten in Deutschland, nur das man davon nichts in den Medien mitbekommt. Was nicht eine Schwäche von denen ist, sondern sich dort immer noch Strukturen halten, besser einsam 100 km Trainingsbahnen je Woche zu absolvieren, als gemeinsam mit Zuschauern und Anhängern Events zu gestalten, welche die Politik in die Lage versetzt, Zuschüsse zu rechtfertigen. Denn internationale sportliche Erfolge sind auf Jahre nicht mehr in früheren Umfang zu erwarten.
swandue 09.12.2018
2.
Ach, die Schwimmer streiten? Eine Meldung wäre wohl: Sie streiten nicht. Vor über 30 Jahren las ich nach einer internationalen Meisterschaft, es wird wohl die WM 1986 gewesen sein, den Satz: "Michael Groß und Rainer Henkel führen den heillos zerstrittenen DSV zum größten Erfolg seiner Geschichte."
rast66 09.12.2018
3. Peinlich und verheerend
Schwimmerischer Breitensport braucht Vorbilder = funktionierenden Leistungssport. Die vom Vorstand gewünschte Erhöhung macht weniger als 1% des typischen Jahresbeitrags aus. Jeder einzelne Schwimmbadbesuch kostet in meiner Region das 6-7-fache. Und darüber kann man streiten? Wie soll der DSV jemals professionelle Strukturen aufbauen?
whitewisent 10.12.2018
4.
Zitat von rast66Schwimmerischer Breitensport braucht Vorbilder = funktionierenden Leistungssport. Die vom Vorstand gewünschte Erhöhung macht weniger als 1% des typischen Jahresbeitrags aus. Jeder einzelne Schwimmbadbesuch kostet in meiner Region das 6-7-fache. Und darüber kann man streiten? Wie soll der DSV jemals professionelle Strukturen aufbauen?
Wenn der DSV bis heute keine derartigen Strukturen hat, liegt das sicher nicht an der Zahlungsbereitschaft des Breitensports! Man könnte auch die Kosten der Vergangenheit hinterfragen, wo auf Verbandskosten Sportler und Stabmitglieder ohne Aussicht auf Erfolg zu Großereignissen geschickt wurden, nur um deren zu erwartende Ergebnisse anschließend als Mißerfolge darzustellen. Zu Professionellen Strukturen gehört vor allem die positive Vermarktung und Darstellung des Vorhandenen. Nicht Träumereien, alte Erfolge wiederzuerlangen, als ob sich nicht die Welt verändert hätte. Wo ist der DSV gewesen, als in Deutschland massenhaft Schwimmhallen und kommunale Bäderbetriebe plattgemacht wurden? Man konzentrierte sich stattdessen lieber auf den Ausbau von "Leistungszentren" und die Schaffung von Planstellen, als ob man wie Fußball oder Handball eine entsprechende Sportart wäre. Simple Frage an Jedermann, wo fand die Deutsche Meisterschaft 2018 statt? Wieviele aktuelle Deutsche Meister kann man benennen? Übrigens findet die Deutsche Kurzbahnmeisterschaft am kommenden Wochenende statt. Da kann man ja mal vergleichen, wie sich der Verband in der Öffentlichkeit präsentiert, und vor allem, wie mies er die erfolgreichen Sportler und Sportlerinnen darstellt. Sowas fängt schon bei der eigenen Website an.
sh.stefan.heitmann 10.12.2018
5.
Zitat von whitewisentMan kann davon ausgehen, daß in der Bundesregierung und den Ländern sowie nachrangigen Behörden die Zustände im DSV als auch die Beteiligten sehr gut bekannt sind. Und es ist ein schlechtes Zeichen, wenn nun der Amateursport herangezogen werden soll, um die Finanzmittel für den Leistungssport aufzustocken. Das dort hatte nichts mit "Reformen", sondern plumpen Machterhalt und -ausbau der Zentrale auf Kosten der Regionen zu tun. Schwimmen gehört zu den beliebtesten Sportarten in Deutschland, nur das man davon nichts in den Medien mitbekommt. Was nicht eine Schwäche von denen ist, sondern sich dort immer noch Strukturen halten, besser einsam 100 km Trainingsbahnen je Woche zu absolvieren, als gemeinsam mit Zuschauern und Anhängern Events zu gestalten, welche die Politik in die Lage versetzt, Zuschüsse zu rechtfertigen. Denn internationale sportliche Erfolge sind auf Jahre nicht mehr in früheren Umfang zu erwarten.
Haben sie dafür irgendwelche Belege oder haben sie das einfach mal so in den Raum gestellt?
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