Profi in der NBA-E-Sport-Liga "Du wirst der virtuelle Nowitzki"

Noch sitzt Jannis Neumann vor seiner Konsole in einem Dorf am Niederrhein und wirft virtuell Körbe - bald wird er das für einen der großen US-Basketballvereine tun: als Profi in der neuen E-Sport-Liga der NBA.

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Ein Interview von Catrin Zander und Michael Klitzsch


Ein bisschen aufgeregt ist Jannis Neumann schon: Der 21-Jährige ist der einzige Deutsche, der für die neue E-Sport-Basketballliga der NBA ausgewählt wurde. Er ist jetzt einer von 102 professionellen E-Sportlern, die ab Mai für 17 US-Top-Klubs auf dem virtuellen Court punkten sollen - darunter die Dallas Mavericks, die Golden State Warriors und die Boston Celtics. In der Basketballsimulation "NBA 2K" wird er auf der Center-Position eines Fünfmannteams Fehlwürfe vom Brett pflücken und Dunks in Körbe stopfen.

Für seinen Traumjob sitzt Neumann seit einem Jahr jeden Abend vor der Konsole. Unter dem Gamer-Namen "JLB" hat er in vielen Spielen gegen andere Top-Spieler bewiesen, dass er mit seinem 2,16 Meter großen virtuellen Basketballer zu den besten der Welt gehört. Im Auswahlverfahren der NBA konnte sich der gelernte Hotelfachmann gegen rund 72.000 Bewerber durchsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Neumann, wie haben Sie erfahren, dass Sie für die virtuelle NBA ausgewählt wurden?

Jannis Neumann: Diesen Moment werde ich nie vergessen. Es war ein Samstag im März, ich saß mit meiner Mutter im Auto, wir fuhren durch die Eifel. Mein Handy klingelte, ich habe eine amerikanische Nummer auf dem Display gesehen. Ich wusste gleich, was das zu bedeuten hat, normalerweise bekomme ich keine Anrufe aus New York. Es war jemand aus dem NBA-Office, er hat mir gratuliert. Ehrlich gesagt habe ich den Rest des Telefonats vergessen. Ich war so aufgeregt und superhappy, dass ich es unter die 102 Besten geschafft habe.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das geschafft?

Neumann: Alle Bewerber mussten in mindestens 40 Spielen zeigen, was sie können. Ich wurde jedes Mal mit neun anderen Spielern zufällig in ein Match geworfen. Die Spiele wurden aufgezeichnet und Statistiken zu Rebounds, Assists und vielem mehr gesammelt. Zusätzlich gab es einen Multiple-Choice-Test mit 30 Fragen zu Basketballwissen, zum Beispiel, was eine Motion Offense ist. Aber ich musste mich der NBA auch als Person präsentieren, mich als Spieler einschätzen und erklären, warum ich zu den besten der Welt gehöre.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gesagt?

Neumann: Ich bin seit Jahren mit meinen Teams in den Ranglisten ganz oben dabei und habe mich immer wieder mit den besten Gegnern in Europa gemessen. Im Januar 2017 war ich mit meinem Team im Finale eines europäischen Turniers in London, wir haben gewonnen. Da war mir klar, dass ich zu den Besten gehöre und gute Chancen habe, es in die NBA-Liga zu schaffen.

Zur Person
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    Jannis Neumann, 21, spielt seit acht Jahren die Basketballsimulation "NBA 2k". Jetzt hat er es als einziger deutscher Gamer in die E-Sport-Liga der NBA geschafft. Für welchen der 17 Klubs er ab Mai mit seinem Spieler "JBL" dribbeln und werfen wird, entscheidet sich beim Draft in New York.

In ein paar Tagen wird Neumann aus dem 2400-Einwohner-Dorf Burlo bei Duisburg in ein Team-Haus in die USA ziehen, täglich mit seinen neuen Mitspielern trainieren und Spiele vor Publikum bestreiten. Seinen Arbeitsvertrag mit der NBA hat Neumann schon unterschrieben. Mindestens 26.000 Euro verdient er in den nächsten sechs Monaten, Siegprämien nicht eingerechnet. Nur: Für wen er spielen und wo in den USA er wohnen wird, weiß er noch nicht.

Die Entscheidung fällt am Mittwoch, beim sogenannten Draft im Hulu Theatre im Madison Square Garden in New York (4. April, ab 19 Uhr, MESZ, Livestream twitch). Dann picken die NBA-Klubs nach und nach ihre Wunschspieler aus den 102 Kandidaten, bis alle verteilt sind. Neumann wird den Event in seinem Heimatort mit alten Schulfreunden am Bildschirm verfolgen.

SPIEGEL ONLINE: Am Mittwoch ist der Draft. Haben Sie einen Wunschklub?

Neumann: Ich bin Boston-Celtics-Fan. Es wäre natürlich cool, wenn ich da lande. Aber im Endeffekt bin ich über jeden Klub glücklich. Gerade bekomme ich täglich Anrufe von den Verantwortlichen der Vereine. Die führen Draft-Interviews mit mir, eine Art Bewerbungsgespräch. Mehr als zehn Klubs haben mich schon kontaktiert. Der Teammanager der New York Knicks hat auf dem Handy angerufen, der von den Dallas Mavericks hat mich per Skype-Anruf befragt. Und auch die Boston Celtics haben sich gemeldet.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen die Klubs von Ihnen wissen?

Neumann: Die wollen mich näher kennenlernen, auch meinen Playstyle, und hören, wo ich meine Stärken sehe. Es wird aber auch einfach geplaudert. Der Teammanager der Washington Wizards hat mir seine Deutschkenntnisse demonstriert. Und er hat mir ein deutsches Restaurant empfohlen, in der Nähe des Team-Hauses, in dem die Spieler untergebracht sind. Viele vergleichen mich auch mit Dirk Nowitzki. "Du wirst der virtuelle Nowitzki werden", höre ich oft.

SPIEGEL ONLINE: Für Ihre neue Karriere als Profi-Gamer werden Sie in die USA ziehen. Wissen Sie schon, wie Sie da wohnen?

Neumann: Wir kriegen die Unterkunft von den Klubs gestellt. Die meisten haben sehr luxuriöse Team-Häuser oder Apartments vorbereitet. Einige Vereine haben auf Twitter schon Fotos und Videos gepostet, da sieht man Pools, Billardtische und Fitnessräume. In Dallas gibt es ein großes Heimkino.

SPIEGEL ONLINE: Organisieren Sie Ihr neues Leben als E-Sportler ganz selbstständig?

Neumann: Bei mir haben sich E-Sport-Agenten gemeldet, die mich unterstützen wollten. Das habe ich aber erst mal abgelehnt, weil die NBA und die Vereine sich sehr gut um uns kümmern. Ich weiß, dass die E-Sportler in Cleveland einen strikten Ernährungsplan bekommen und richtige Workout-Programme, um sich fit zu halten. Bei einigen Klubs gibt es Ernährungsberater, mit denen wir arbeiten können. In vielen Städten dürfen die Gamer auch die gleichen Trainingseinrichtungen wie die NBA-Spieler nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie werden den NBA-Stars bei der Arbeit über den Weg laufen?

Neumann: Davon gehe ich aus, ja.

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E-Sport-Basketballliga: Plötzlich NBA-Profi

SPIEGEL ONLINE: Müssen E-Sportler Ahnung vom realen Basketball haben?

Neumann: Das hilft sehr. Ich habe schon in der Schule gern Basketball gespielt, und draußen mit Freunden. Außerdem schaue ich mir rund 200 NBA-Spiele im Jahr an. Da kann man sich Laufwege und Spielzüge abschauen. Dieses Spielverständnis kann ich bei "NBA 2K" direkt anwenden. Danach analysiere ich die Spiele mit meinem Team. Wir sind während der Matches über Headsets verbunden, reden viel miteinander wie im realen Basketball. Kommunikation ist auch auf dem virtuellen Court sehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie angefangen, Videospiele zu spielen?

Neumann: Ich hatte lange nicht mal eine eigene Konsole. Ich bin immer zu einem Freund gegangen. Erst mit 13 habe ich mir eine Playstation 3 gekauft. Ich hatte nur dieses eine Basketballspiel "NBA 2K11", habe nur das gespielt. So bin ich immer besser geworden und habe immer mehr Zeit reingesteckt.

SPIEGEL ONLINE: Und Schule und Beruf?

Neumann: Das war kein Problem. Ich habe meinen Realschulabschluss gemacht, dann einen Bundesfreiwilligendienst in einem Altenheim. Dort konnte ich Senioren in Internetkursen ein wenig mit der Onlinewelt vertraut machen. Dann kam die Ausbildung zum Hotelfachmann. Ich wurde übernommen und habe in einem Hotel in Köln gearbeitet. Da mir neben der Arbeit nur drei bis vier Stunden zum Spielen blieben, habe ich Anfang des Jahres meinen Job gekündigt. Ich wollte mich intensiver auf den Auswahlprozess vorbereiten und acht, neun Stunden am Tag spielen können.

SPIEGEL ONLINE: Was ist, wenn es mit der E-Sport-Karriere nicht klappt?

Neumann: Ich habe meinem Chef erzählt, dass ich als Profi-Gamer Karriere machen möchte. Er hat gesagt, ich kann jederzeit zurückkommen, wenn es nicht klappt.

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insgesamt 2 Beiträge
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db661 04.04.2018
1. Respekt...
...vor der Leistung. E Sport als Sport zu bezeichnen bleibt aber albern
Wohngebietsuwe 04.04.2018
2. schnelles Geld, Perspektive danach?
Bleibt zu hoffen, dass er genug Weitsicht behält, um sich etwas für die Rente o.ä. zurückzulegen. Die großen Zahlen, die er verdienen soll, sind eben leider nur das schnelle Geld ohne Einzahlungen in Rentenkasse u.ä., wie bei den ganzen Youtubern. Denn selbst wenn er ein paar Jahre durchhalten sollte und die E-NBA ihn so lange für würdig hält, ist bestimmt mit Ende 20 oder so Schluss. Ob ihn dann in DE ein "normaler" Arbeitgeber gern zurücknimmt, ist offen. Dennoch bin ich verwundert, welche Energie und welches Geld die NBA-Klubs da reinstecken.
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