Deutsche Handball-Teams in Europa In die Breite gegangen

Deutsche Handball-Klubs waren über Jahre Dauergast im Finale der Champions League. Inzwischen bleibt nur die Chance auf den zweitklassigen EHF-Pokal. Wo ist die Dominanz hin?

Berlins Steffen Fäth (l) und Berlins Paul Drux
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Berlins Steffen Fäth (l) und Berlins Paul Drux

Von Michael Wilkening


Drei von vier Teams kommen aus Deutschland. Wenn am Wochenende das Finalturnier des EHF-Pokals steigt, ist vom "Cup der Deutschen" die Rede. Ein Sieg dort wäre sicher schön, ein großer Prestigeerfolg wäre er nicht.

Das Final Four von Göppingen entscheidet nur über den kleinen europäischen Vereinspokal, vergleichbar mit der Europa League im Fußball. In der Champions League werden die Klubs der Handball-Bundesliga dagegen abgehängt: Beim Final Four in Köln Anfang Juni wird erstmals keine deutsche Mannschaft dabei sein. Wie konnte das passieren?

Die Verantwortlichen der Rhein-Neckar Löwen wehrten sich nach Kräften. Sie sprachen mit Sponsoren, besorgten zusätzliche Mittel, doch der Kampf war nicht zu gewinnen: Gemeint ist der Kampf des Deutschen Meisters um seinen Superstar Uwe Gensheimer. Der Kapitän der Nationalmannschaft wechselte im vergangenen Sommer zu einem Klub, dem dreimal mehr Geld als den Löwen zur Verfügung steht: Gensheimer wirft seit knapp einem Jahr Tore für Paris Saint-Germain.

Scheichs, Mäzene und Co. - so finanzieren sich die internationalen Top-Klubs

Und dort ist alles möglich: Paris wird finanziell von einer Investorengruppe aus Katar unterstützt und verfügt - dem Vernehmen nach - über annähernd 20 Millionen Euro Budget pro Jahr. Im Handball ist das sehr viel Geld. Und deswegen können Gensheimer und seine Teamkollegen im Juni auf den Triumph in der Champions League hoffen.

Beim Treffen der europäischen Elite in Köln sind neben den Franzosen der FC Barcelona, RK Vardar Skopje aus Mazedonien und der ungarische Top-Klub KC Veszprém vertreten. Diese Teams verfügen über ein Budget von etwa 15 Millionen Euro. Das Geld fließt durch Mäzene in die Klubs. Beim FC Barcelona agieren die Fußballer als Geldgeber und subventionieren die Handballer mit mehreren Millionen pro Jahr.

Dagegen liest sich der Etat der Löwen von knapp sechs Millionen Euro nicht nur mickrig. Er ist es auch. Selbst dem deutschen Schwergewicht THW Kiel stehen nur rund zehn Millionen Euro zur Verfügung. Aus diesem Grund verließen in den vergangenen Jahren viele Stars die deutsche Liga (HBL). Gensheimer war einer der bekanntesten Spieler, aber er wird nicht der letzte bleiben.

"Da sind Summen im Umlauf, die sprengen den Rahmen der deutschen Spitzenklubs, das ist Wahnsinn", sagt Bob Hanning. Der Manager der Füchse Berlin hofft darauf, mit seinem Klub am Wochenende den EHF-Pokal zu gewinnen. Die Berliner treffen im Halbfinale am Samstag auf Saint Raphael aus Frankreich, das im Viertelfinale die MT Melsungen rauswarf und damit ein rein deutsches Final Four verhinderte.

Frisch Auf Göppingen und der SC Magdeburg bestreiten das andere Semifinale. "Wir sind sicher die stärkste Liga der Welt in der Breite", sagt Hanning mit Blick auf die Dominanz der HBL-Klubs im zweiten europäischen Wettbewerb. In der Spitze sind andere Nationen mittlerweile besser.

"Andere Klubs eindeutig besser"

"Es ist noch kein Trend feststellbar, weil zum ersten Mal kein deutscher Klub im Champions-League-Finale dabei ist, aber die Top-Klubs aus Europa waren eindeutig besser. Wir sind ja nicht mit Pech ausgeschieden", sagt Frank Bohmann. Der Geschäftsführer der Handballliga weist auf den "höheren Etat" der Konkurrenz hin und warnt: "Wir müssen sehen, dass wir nicht abgehängt werden."

Bohmann hofft auf Besserungen durch Mehreinnahmen aus dem neuen TV-Vertrag. Dank des Wechsels von Sport1 zum Bezahlsender Sky erhält die Liga künftig knapp drei Millionen Euro pro Jahr. Mit zusätzlichen Verwertungsrechten im öffentlich-rechtlichen Programm will Bohmann durch "gesteigerte Präsenz" die Attraktivität für Sponsoren erhöhen.

Für Hanning reicht das nicht aus. "Wir haben jetzt zwar die drei Millionen, es müssten aber 30 Millionen sein, damit wir eine andere Ebene erreichen", sagt der Funktionär, der auch Vizepräsident des deutschen Handball-Bunds (DHB) ist. Von der Idee, sich wie die besten Klubs aus dem Ausland Investoren zu suchen, hält Hanning nichts. "Vor fünf Jahren haben wir das Final Four erreicht, genauso wie Atlético Madrid und AG Kopenhagen. Aber diese Klubs gibt es inzwischen nicht mehr, weil sie von einzelnen Personen abhängig waren."

Hanning will sich auf kein Vabanquespiel einlassen - und dann doch lieber dem Final Four im EHF-Pokal entgegenfiebern. Aber den Sieg in der Champions League machen die millionenschweren Klubs aus dem Ausland unter sich aus.

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insgesamt 4 Beiträge
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Crom 19.05.2017
1.
Is halt so, man muss nicht überall dabei sein und dafür die eigene Seele verkaufen.
dollenschmiere 19.05.2017
2. Nicht Elitär genug
Handball ist keine elitäre Sportart, die Eintrittspreise familienfreundlich, die Hallen mit begrenzter Kapazität. Die Breitenwirkung ist überschaubar - in den Medien dominiert Fußball. Mit Werbung ist also auch kein Reichtum zu erwarten. Lehnt man also Mäzene aus den Emiraten ab muss man also kleinere Brötchen backen. Ob der Handball damit auf Dauer überleben kann?
mauerfall 19.05.2017
3.
Ein weiterer Aspekt kommt noch hinzu. In den ausländischen Ligen gibt es wenige Topteams. Die erste Reihe kann sich also für die CL schonen.
monilia 25.05.2017
4.
Ich glaube Geld muss nicht alles sein. Die Ausrede von Rhein-Neckar Löwen ist auch ein bisschen lächerlich, weil sie unter anderem von Szeged (zweitbeste Mannschaft Ungarns) geschlagen worden sind, die aber über das gleiche Budget (oder sogar weniger) und keine Top-Spieler verfügen. Dass der Final 4-Teilnehmer Veszprém 15 Millionen Euro hätte, stimmt auch nicht. Sie haben rund 9 Millionen Euro zur Verfügung (also weniger, wie Kiel), trotzdem schaffen sie seit 4 Jahren ins Final 4. Dagegen schaffte PSG letztes Jahr zum ersten Mal nach Köln, davor wurden sie zweimal (von Veszprém, damals noch mit einem deutlich niedrigeren Budget) im Viertelfinale geschlagen. Und zum vorigen Kommentar: es stimmt nicht unbedingt, dass im Ausland die besten Spieler nur im CL spielen. Gerade Veszprém und Vardar Skopje nehmen auch an der Seha-Liga teil, was zusätzlich zur nationalen Liga weitere ~20 Spiele bedeutet. Das heißt, die Top-Spieler müssen auch teilnehmen, um die Ergebnisse zu holen.
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