Eishockey Das Wunder vom Pferdeturm

Ein Eishockey-Zweitligist, der teilweise mehr Zuschauer anzieht als ein erfolgreicher Erstligist - und das auch noch in der selben Stadt. "SPONSORS"-Autor Florian Oediger erklärt, wie es zu dem hierzulande wohl einmaligen Fall "Scorpions gegen Indians" kommen kann.

Treue Indians-Anhänger: Zuschauerschnitt wie ein Erstligist
Stefan Zwing

Treue Indians-Anhänger: Zuschauerschnitt wie ein Erstligist


Es sind nicht einmal sieben Kilometer, die in Hannover zwischen der modernen Multifunktionsarena auf dem ehemaligen Expo-Gelände und dem maroden Eisstadion am Pferdeturm liegen. Trotzdem sind es Welten, die die zwei Eishockeyclubs der niedersächsischen Landeshauptstadt trennen, die in den beiden Sportstätten ihr sportliches Zuhause haben.

Die Hannover Scorpions, eine etablierte Größe in der Deutschen Eishockey Liga (DEL), setzen in der wohltemperierten Multifunktionsarena beim Werben um Zuschauer auf eine Mischung aus Sport und Show - und tun sich schwer dabei. Der 1997 aus dem Stammverein ESC Wedemark hervorgegangene Club kämpft seit seinem Umzug nach Hannover im Jahr 2001 um Anerkennung.

Die Spiele der Scorpions in der über 10.000 Besucher fassenden Arena lockten in der laufenden Saison durchschnittlich gerade einmal knapp 3800 Fans. Glaubt man DEL-Insidern, ist das Team zudem finanziell stark von den Zuwendungen des Eigentümers Günter Papenburg und Firmen aus dessen Dunstkreis abhängig. Der Bauunternehmer ist gleichzeitig auch Besitzer und Betreiber der Heimspielstätte. In der vergangenen Saison geriet sogar kurzzeitig die DEL-Lizenz in Gefahr, erst ein Gehaltsverzicht der Spieler stellte die Weichen für den Verbleib in der Eliteklasse. Der Etat schrumpfte zur neuen Spielzeit von 7,5 auf 4,4 Millionen Euro.

Rahmenbedingungen bei den Indianern eher dürftig

Ein paar Straßen weiter bei den Hannover Indians liest sich die Geschichte anders: Auch in der Saison 2009/10, nach dem Aufstieg in die Zweite Bundesliga, ist das Eishockey hier noch puristisch - was bei vielen Hannoveranern offensichtlich gut ankommt. Rund 4600 Fans fasst das liebevoll als "Wigwam" titulierte Stadion am Pferdeturm. Die Playoff-Heimspiele in der drittklassigen Oberliga waren in den letzten beiden Jahren stets ausverkauft. Zum Vergleich: Der Besucherschnitt des großen DEL-Bruders nebenan, der Scorpions, lag in der entscheidenden Phase der vergangenen Saison mit etwa 4900 Zuschauern nur geringfügig höher.

Dabei sind die Rahmenbedingungen bei den Indianern eher dürftig. Der Club spielt in einer zugigen Halle, deren Luft von Glühwein, Wunderkerzen und Schweiß geschwängert ist. Doch das hindert die Fans nicht daran, dem Club, der seit über 60 Jahren in der Stadt beheimatet ist, die Treue zu halten. "Hannover ist Indianerland" lautet der Schlachtruf der Anhänger, für sie sind die Indians Kult.

Die breite Fanbasis brachte dem Club - trotz Oberligazugehörigkeit - in den vergangenen drei Jahren alleine über das Ticketing fast zwei Millionen Euro. Gleichwohl standen die Indianer, hohen Investitionen in den Spielerkader geschuldet, wirtschaftlich lange auf dünnem Eis. Ein wichtiger Schritt, um nachhaltig professionellere Strukturen im Verein zu schaffen, war der Verkauf der Gesellschafteranteile an die Hannover-Sport- und Management-Beteiligungsgesellschaft (HSM) im Juni 2008.

Die Anhänger zahlen es dem Verein mit Treue zurück

In der Folge wurde unter der Führung von Mitgesellschafter und Indians-Geschäftsführer Dirk Wroblewski ein noch stärkerer Fokus auf die Markenbildung des Clubs gelegt. "Die Fans sind unser wichtigster Partner, deshalb stehen sie immer im Fokus unserer Aktionen", sagt Wulf von Borzyskowski, Leiter Marketing und Vertrieb beim Club.

Die Anhänger zahlen es dem Verein mit Treue zurück: In der Oberliga-Saison 2008/09 belegten die Indians nach eigenen Aussagen den 87. Platz im bundesweiten Zuschauerranking - über alle Sportarten und Ligen hinweg. Mehr als 3000 Fans sahen das letzte Finalspiel via Public Viewing in Hannover. Zur Auswärtspartie nach Halle an der Saale begleiteten die "Rothäute" unter dem Motto "Alle nach Halle" knapp 2000 Fans in zwei Sonderzügen. In der aktuellen Zweitligasaison gibt es sogar einen Charterflug zum Gastspiel in München.

Die Fanbegeisterung schlägt sich auch beim Merchandising nieder. Ein durchschnittlicher DEL-Club bringt es hier saisonal auf rund 380.000 Euro. Beim Fanartikelverkauf kommt der Zweitligist inzwischen auf beinahe eine halbe Million Euro pro Spielzeit. Über 4000 Fantrikots wurden allein in der Aufstiegssaison verkauft, eine Sonder-DVD konnte mehr als 1000-mal im eigenen Fanshop abgesetzt werden. Zu der Premieren-Vorführung des Indians-Films strömten über 1300 Besucher in die Hannoverschen Kinosäle. Neuestes Produkt der Fanbegeisterung ist ein eigenes Club-TV. Dies sorgt dafür, dass die treuen Anhänger kein Auswärtsspiel verpassen, und findet bislang über 200 regelmäßige Zuseher. Unter dem Strich konnte der Gesamtumsatz des Clubs in drei Jahren annähernd verdoppelt werden. Zwei Millionen Euro wurden 2009/10 budgetiert.

Bei den Indians sieht man sich gerne als FC St. Pauli des Eishockeys. "Wir wollen in sämtlichen Geschäftsbereichen der Benchmark der 2. Liga werden", gibt von Borzyskowski die Richtung vor. Und ergänzt stolz: "Wir sind und bleiben die geilste Marke der Stadt."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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IceBembel 18.01.2010
1. Hannover ist Indianerland
Na ja, so erfolgreich ist der Wedemarker Eishockeyclub auch nicht. Aber was glaubt der Autor? Unterstütze ich als Hannoveraner einen zugereisten Club aus dem Umland oder stehe ich hinter dem alt eingessenen aus Hannover? Keine Frage, Hannover ist und bleibt Indianerland. Übrigenes ich bin gebürtiger Hesse und Fan der Frankfurt Lions, aber ich habe es mir nicht entgehen lassen, die Finalspiele in der Oberliga gegen Bad Nauheim anzusehen. Die Indians sind Kult. So freut es mich auch, das unser BackUp Goalie Thomas Ower als Föli ab und an bei den Indians im Tor steht. Indians forever. Gruß an die Indians aus Hessen :-)
fucus-wakame 18.01.2010
2. totes Expo-Gelände
Nicht zu vergessen: das Expo-Gelände liegt fernab der Stadt. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist es nicht so optimal zu erreichen. ... und nachts kommen die Ratten raus. Bei den Indians paßt hingegen alles. Die Stimmung ist - mit kurzen Worten - Supi
nickson 18.01.2010
3. Scorpions vs. Indians
Ich als Scorpionsfan finde es schade, dass in Hannover so eine Rivalität herrscht, denn wenn man nur ein wenig mehr kooperieren würde, würde es für beide Seiten Vorteile haben und man wäre definitiv die Eishockeyhochburg Nr. 1. Hannover zieht jedes Wochenende knapp 10.000 Besucher zum Eishockey, jedoch aufgeteilt auf 2 Vereine, die teilweise an einem Tag sogar parallel spielen. Dies ist sicherlich eine Schwierigkeit, die kein anderer Eishockeystandort so nachvollziehen kann, auch wenn behauptet wird, dass sich die Vereine keine Fans wegnehmen, da man andere Zielgruppen anspricht. Ich denke das Problem ist, dass die Indiansanhänger uns nicht als Hannover sehen aufgrund der Vergangenheit in der Wedemark, wobei man 2001 dann endgültig umgezogen ist und nun seit fast 10 Jahren in der TUI Arena Hannover spielt und den Trainigsstandort auch aus Mellendorf nach Langenhagen (Flughafen z.B) verlegt hat. Klar ist die Expo Plaza am Stadtrand (Laatzen) wobei die Anbindung alles andere als schlecht ist(Aufgrund der Expo 2000), denn vom Kröpcke (Hannover Zentrum) fährt regelmäßig eine Linie zum Expo Plaza. Und wie im Beitrag schon erwähnt, trennen Pferdeturm und TUI gerade mal 7 km... Ich denke die Scorpions sind in Hannover im Moment der einzige Verein, der diese Stadt sportlich halbwegs gut vertritt (4. Platz) und ich denke das sollte der Grund sein, warum man sich Sport anguckt. Unumstritten ist der Kult am Pferdeturm doch ich denke dieses Zitat trifft am besten zu: "Mit der Änderung des sportlichen Kräfteverhältnis durch den Abstieg des EC in Hannover aus der DEL und dem gleichzeitigen Aufstieg der Wedemark Scorpions in die höchste deutsche Eishockeyklasse 1996 sowie dem Umzug der Scorpions nach Hannover wurde diese Rivalität weiter verstärkt, da sich die Anhänger der Indians bis heute als wahrer „Hannoverscher Eishockeyclub“ sehen und in der Bildung des stark kommerzialisierten DEL-Teams einen Identitätsverlust für die Sportart in Hannover sehen. Dies führt dazu, dass alljährliche Vorbereitungsspiele im Vorfeld der Saison trotz des zwischenzeitlichen Klassenunterschieds von 3 Ligen von beiden Seiten stark emotional geprägt sind." Es bleibt anzumerken, dass sich die Rivalität ausschließlich auf die Fans bezieht, denn die Spieler bestätigen regelmäßig auch in den jeweils anderen Stadien zuzuschauen, da sie dort u.a. Freunde haben und der Wechsel von Ziffzer als Förderlizenz zum ECH bestätigt dies. Ich denke auch, dass immer mehr Brisanz in das eh schon angespannte Verhältniss gekommen ist, durch Aussagen des aktuellen Scorpions GF Marco Stichnoth (Bratwürste), welches von den Indians geschickt aufgezogen und vermarktet wurde, wir jedoch über einige Aussagen selber nicht glücklich sind. Es gibt mitlerweile auch Fans, die respektieren das es 2 Clubs in Hannover gibt und man sich mit diesen wunderbar und sachlich unterhalten kann, wie ich es im Rahmen einiger Besuche am Turm schon getan habe, leider ist dies jedoch die Minderheit an Fans. Zum Bericht bleibt zusagen das dieser sicherlich sehr gute Indianswerbung ist und ich ein wenig die Fakten vermisse in Bezug auf den Schnitt und die Playoffs etc. Respektabel bleibt das Merchandising des ECH anzumerken, welches wirklich erstklassig ist und auch im Umsatz anscheinend absolout mächtig ist. Schade das einige Fans, wie z.B mein Vorredner nicht die Höhe und Sachlichkeit besitzen, dies spiegelt jedoch sehr schön wieder, was ich in meinem Beitrag erwähnt habe.
zilancer 18.01.2010
4. ..
Nur eine Verständnisfrage. In deinem ersten Absatz sprichst du dich für eine Kooperation aus.Später sagst du, dass nur die Scorpions Hannover aufgrund ihrer sportlichen Leistung repräsentieren. Ist dein "Wille" das sich die Indians quasi bei den Scorpions eingliedern und die Pferdeturmpilger sich der ESV Wedemark anschließen? NEVER EVER ! Es gibt nur EIN Hannover man kann sich nich einfach in eine Stadt verlagern und "Herrschaftsanspruch" bekunden. Meine Meinung dazu.
Kurti23 18.01.2010
5. ...
Vielleicht ist es ja auch einfach die Art und Weise wie sich die Scorpions nach Hannover geschlichen haben, daß da keine Fan-Freundschaft aufkommt. Ich erinnere mich, daß es ohne irgendwelche Absprachen zwischen den beiden Vereinen abgelaufen ist. Außerdem ist eine Rivalität ja auch lustig. Es ist nun mal einfach so, daß man als eingesessener Fan nicht mal ben seinen Verein wechselt, oder glaubt wirklich jemand, daß 96-Fans mal eben nach Braunschweig zum Fußball gehen würden? Ich persönlich kann übrigens dieser sterilen Halle am Expogelände gar nichts abgewinnen. Es kommt halt einfach keine Stimmung auf. Na gut vielleicht bei 10000 Fans aber die wird der ehemalige Dorfverein, für mich wird er das immer bleiben, nun mal nicht anlocken, da es halt noch einen Verein gibt, der etwas mehr Stimmung rüberbringt. Und mal ganz ehrlich, die meisten Leute gehen doch nicht zum Sport nur um guten Sport zu sehen. Die Stimmung macht es und die ist halt in einer wenn überhaupt halbleeren Halle nicht wirklich zu erreichen. *Provokation an* Vielleicht reicht ja der Tank der Traktoren aus der Wedemark nicht bis nach Hannover *Provokation aus* ;-)
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