Eklat bei Leichtathletik-WM Harting beleidigt Dopingopfer

"Wenn der Diskus auf dem Rasen aufspringt, soll er gleich gegen eine der Brillen springen": Diskuswerfer Robert Harting hat sich nach seiner geglückten Qualifikation für das Finale abfällig über eine Aktion von Dopingopfern geäußert, die Brillen verteilt hatten.

Diskuswerfer Harting: "Will nur, dass sie nichts mehr sehen"
dpa

Diskuswerfer Harting: "Will nur, dass sie nichts mehr sehen"


Hamburg - Robert Harting hat nach seiner Qualifikation für das Diskus-Finale der Leichtathletik-WM in Berlin Dopingopfer beleidigt. "Wenn der Diskus auf dem Rasen aufspringt, soll er gleich gegen eine der Brillen springen, die die Dopingopfer hier verteilt haben. Aber ich bin kein Mörder, ich will nur, dass sie wirklich nichts mehr sehen", sagte Harting am Dienstag und spielte damit auf die Aktion des Doping-Opfer-Hilfe-Vereins (DOHV) an. Dieser lässt während der WM 20.000 Pappbrillen verteilen, um plakativ auf den im Verborgenen weiter stattfindenden Missbrauch verbotener Mittel aufmerksam zu machen.

"Ich finde diese Äußerungen unsäglich", sagte Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes DLV. Zu möglichen Konsequenzen wollte sich am Dienstag nicht äußern.

Bei den Dopingopfern der DDR ist diese Äußerung Hartings auf heftige Ablehnung gestoßen. "Es wundert mich nicht, was Harting da ablässt. Es zeigt wieder, wessen Geistes Kind er ist. Auch in seinen Äußerungen zur Freigabe von Doping ist er ja schon zurückgerudert", sagte Uwe Trömer, der durch Doping schwer geschädigte frühere DDR-Bahnradsportler.

Umstrittene Forderung nach Freigabe von Dopingmitteln

"Ich wünsche Harting, dass er am Mittwoch Weltmeister wird, aber ich wünsche mir auch, dass er mal über ein paar seiner Äußerungen nachdenkt. Außerhalb des Diskusringes zeichnete er sich nicht durch sportlicher Fairness aus", so Trömer, der am Mittwoch im Stadion in der DOHV-Aktion "Stand up clean heroes" selbst die Brillen mit erklärendem Flyer verteilen wird.

"Das ist ein offizieller Angriff gegen Geschädigte", sagte Andreas Krieger, selbst Dopingopfer: "Wenn so die neuen Helden im deutschen Sport aussehen, ist es um den deutschen Sport schlecht bestellt."

Bereits unmittelbar vor den Titelkämpfen hatte Harting mit seinen umstrittenen Forderungen über eine eingeschränkte Freigabe von Dopingmitteln im Verband für Kopfschütteln gesorgt. Später räumte er ein, "leichtgläubig gehandelt" zu haben. "Es ist offensichtlich, dass ich natürlich nicht für Doping stehe." Er habe lediglich den Sinn des Anti-Doping-Kampfes in Relation von Aufwand und Nutzen in Frage gestellt, erklärte er auf seiner Homepage derharting.de.

Angespannte Situation um Harting-Trainer Goldmann

Der Frust Hartings auf den DLV rührt unter anderem von der angespannten Situation um seinen Trainer Werner Goldmann her, dessen Vertrag im Winter vom Verband nicht verlängert worden war. Goldmann war durch Aussagen seines Ex-Schützlings Gerd Jacobs wegen seiner Verwicklungen in das DDR-Doping belastet worden, hatte dies aber immer geleugnet. Inzwischen deutet aber vieles auf eine Weiterbeschäftigung von Goldmann hin. Dagegen hatten sich die DDR-Dopingopfer vehement gewehrt. Das Verfahren vor dem Arbeitsgericht ist aber noch nicht abgeschlossen. Goldmann durfte im Vorjahr nicht zu Olympia nach Peking reisen.

Bereits vor der Entscheidung im Diskus hatte Harting mit provozierenden Äußerungen DLV-Funktionäre wie Präsident Prokop scharf attackiert und ihnen Untätigkeit vorgeworfen. Im Trainingslager Kienbaum hatte der 2,01 Meter große Athlet angedeutet, dass dies nur das Vorgeplänkel einer Generalabrechnung nach der WM-Entscheidung sein könnte. "Ich genieße nicht die Wertschätzung, die ich verdiene", reklamierte er.

Harting relativiert Aussagen

Am Dienstag räumte Harting jedoch ein, die Resonanz seiner Sprüche nicht richtig eingeschätzt zu haben. "Ich habe die Wirkung des Wortes unterschätzt. Aber die Leute, die das an den Kopf kriegen, sollten sich ruhig mal Gedanken machen", sagte er und räumte zugleich ein: "Ich pushe mich natürlich mit solchen Sachen." Er habe jetzt die "richtige Dosis Adrenalin", sagte er mit Blick auf das Finale.

Fünf Stunden nach seiner Verbalattacke habe Harting in einem Gespräch mit DLV-Vizepräsident Eike Emrich versichert, "dass die Anspannung des Qualifikations-Wettkampfes nachgewirkt und zu unakzeptablen Äußerungen geführt hatte", teilte der DLV mit. Harting habe die Aussagen bedauert.

jar/dpa

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