Badminton Zwieblers EM-Titel beseitigt die Zweifel

Marc Zwiebler hat zum ersten Mal seit 40 Jahren den EM-Titel nach Deutschland geholt. Nun hofft die Badminton-Szene auf ein Erweckungserlebnis. Zwieblers Erfolge sollen eine Kultur fördern, die "ansteckend wie eine Krankheit" ist.

Badmintonprofi Zwiebler: EM-Titel als Erweckungserlebnis
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Badmintonprofi Zwiebler: EM-Titel als Erweckungserlebnis

Von Cai-Simon Preuten


Hamburg - Jeder Sport braucht seine Helden. Vorbilder, die Grenzen überwunden und das Unmögliche möglich gemacht haben. Seit Fritz Walter weiß jedes Kind in Deutschland, dass es Fußball-Weltmeister werden kann. Seit dem 17-jährigen Leimener Boris Becker ist ein Wimbledonsieg überhaupt erst vorstellbar. Im Badminton fehlte es lange Jahre an diesen Aushängeschildern. Jetzt ist Marc Zwiebler Europameister und hofft, der Held einer ganzen Generation zu werden.

"Der Titel ist daher nicht nur für mich", sagt Zwiebler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Ich widme die Goldmedaille allen jungen Spielern in Deutschland, damit sie sehen, dass auch wir Weltklassespieler produzieren können." Der Zweifel war bislang stets der größte Gegner deutscher Badmintonspieler. "Ich hatte ja selbst kaum Vorbilder zu denen ich aufschauen konnte. Als deutscher Spieler wusste man nie so genau, ob man international überhaupt konkurrenzfähig ist", sagt Zwiebler.

Bundestrainer Jakob Høi, ein Däne, versucht seinen Spielern diese Zweifel auszutreiben. Er kommt aus der europäischen Top-Nation, die Weltmeister und Olympiasieger hervorgebracht hat. "Dänemark hat eine Siegermentalität, die ansteckend wie eine Krankheit ist", sagt Høi. "Kultur" nennt er dieses Selbstverständnis, das "dich wachsen und deinen Gegner schrumpfen lässt".

Hoffnungsträger werden in den Mühlen der Profitour zermürbt

Seit 1990 gewannen nur Dänen den EM-Titel im Herreneinzel. Zwiebler brach nun diese Dominanz, über sich hinausgewachsen ist der deutsche Serienmeister in Karlskrona allerdings nicht. Das Potential für einen Titel hatte das größte deutsche Talent immer schon, nur ist Badminton in Deutschland eher ein Geduldsspiel als eine märchenhafte Erfolgsgeschichte. Erst neun Jahre nach seiner EM-Goldmedaille bei den Junioren gewann Zwiebler seinen ersten großen Titel bei den Profis.

Juliane Schenk, Vize-Europameisterin in Karlskrona, musste den beschwerlichen Weg nach ihrer erfolgreichen Jugendzeit ebenso lange gehen, bis sie im vergangenen Jahr die WM-Bronzemedaille gewann. Der Satz vom Talent in die Weltspitze, wie damals bei Boris Becker oder heute beim Dortmunder Fußballer Mario Götze, ist kaum möglich. Erst wenn, "Technik, Kraft und Schnelligkeit stimmen und die Erfahrung dazu kommt", ist das deutsche Badminton konkurrenzfähig, erklärt Schenk.

Bis sie diesen Status erreicht haben, ist die Karriere vieler Hoffnungsträger jedoch bereits beendet. Zermürbt von den immensen körperlichen Anforderungen in einer der schnellsten Rückschlagsportarten der Welt, vom zähen brotlosen Leben auf der Profitour mit langen Reisen, wenig Anerkennung und noch weniger Preisgeld, lässt der Biss oft nach, ehe der Durchbruch geschafft ist. Auch Zwiebler und Schenk standen nach Verletzungen schon einmal vor den Trümmern ihrer sportlichen Hoffnungen.

"Dabei sein" ist längst nicht mehr alles

"Ohne die Unterstützung meiner Wegbegleiter hätte ich die Rückkehr nie geschafft und diesen Titel auch nie gewonnen", sagt Zwiebler heute. Mit gerade einmal 21 Jahren war seine Laufbahn eigentlich schon beendet. Sein Körper hatte die Umstellung auf das kraftvolle Spiel der Tour nicht verkraftet, die Diagnose lautete Bandscheibenvorfall. Erst eine Notoperation, kein ungefährlicher Eingriff, verschaffte Linderung der starken Schmerzen - ein Jahr später stand er wieder auf dem Feld. "Alles, was danach kam und noch kommt ist Bonus", sagt Zwiebler. Er wisse, wie schnell alles vorbei sein kann.

Mit einem Comeback, das im deutschen Sport seinesgleichen sucht, qualifizierte er sich 2008 mit einer Serie von sechs Turniersiegen doch noch für die Olympischen Sommerspiele in Peking und setzte damit das erste Zeichen, dass im deutschen Badminton manchmal Unmögliches doch möglich ist.

Auch für London ist Zwiebler qualifiziert. Mit dem ersten deutschen EM-Titel seit 1972 im Rücken sind auch die letzten Zweifel vor den Duellen mit den überragenden Asiaten verschwunden. "Dabei sein" ist nicht mehr alles. "Ich fahre dorthin, um zu gewinnen", sagt Zwiebler: "Und wenn schließlich eine Medaille herausspringt, weiß ich, dass ich etwas Außergewöhnliches geschafft habe."

Zwiebler hat in Karlskrona die Grenzen im eigenen Denken überwunden: "Ich habe jetzt zwei Jahre lang die europäische Krone auf dem Kopf. Diesen Titel kann mir niemand mehr nehmen." Von nun an spielt er auch um "Motivation für die kommende Generation". Er spielt um eine deutsche Badminton-Kultur.



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