Handballhoffnung Emily Bölk Im Schaufenster

Emily Bölk ist eine der Hoffnungsträgerinnen der deutschen Auswahl bei der Handball-EM in Frankreich. Mit ihrem Vereinsteam will sie zudem Erfahrungen in der Champions League sammeln - und dann ins Ausland wechseln.

Emily Bölk (Archiv)
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Emily Bölk (Archiv)

Von Anna Paarmann


Für Emily Bölk läuft es gerade ausgezeichnet: Sie steht mit dem Thüringer HC auf Platz eins der Bundesligatabelle, im Viertelfinale des DHB-Pokals und in der Hauptrunde der Champions League. Eines Tages in der Königsklasse zu spielen, das war schon immer der Traum der 20-jährigen Handballerin. Dafür hat sie ihre Heimat Buxtehude hinter sich gelassen und ist zum Deutschen Meister nach Erfurt gewechselt. Eine Endstation soll das nicht sein.

Sie hat eine steile Karriere hingelegt, zählt zu den Besten ihres Sports. Experten sprechen von ihr als "Jahrhunderttalent". Deshalb werden auch heute wieder alle Augen auf Bölk gerichtet sein. Für das deutsche Team startet die EM in Frankreich, der erste Gegner heißt Norwegen (15 Uhr, TV: Eurosport). "Ein härteres Los hätten wir nicht ziehen können", sagt sie. "Aber wenn man einen Topfavoriten schlagen kann, dann gleich zu Beginn des Turniers, wenn sie noch nicht im Flow sind."

Dass man auch gegen Supermächte nicht chancenlos ist, hat die junge Sportlerin erst vor wenigen Wochen erfahren. Sie bestritt eines ihrer ersten Champions-League-Spiele gegen Györ. Der ungarische Klub gilt seit einigen Jahren als das Nonplusultra im Frauenbereich. Dem Thüringer HC wäre fast die Riesenüberraschung gelungen. "Wir waren 58 Minuten lang auf Augenhöhe, konnten die richtig ärgern."

Der Wettbewerb, in dem sich die besten europäischen Teams messen, ist der Grund dafür, dass sie im Mai dem Buxtehuder SV den Rücken gekehrt hat. Der Verein hat sie groß gemacht, als B-Jugendliche gehörte sie schon dem Bundesliga-Kader an. Mit 16 Jahren war Bölk die jüngste Spielerin der Liga.

Emily Bölk (r.) im Nationalteam
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Emily Bölk (r.) im Nationalteam

Den Wechsel zu dem Verein, der seine Spielstätte in Bad Langensalza hat, bezeichnet sie als "nötigen Entwicklungsschritt" - sowohl auf sportlicher als auch auf privater Ebene. Hotel Mama ist passé, Bölk lebt das erste Mal allein. Auf 65 Quadratmetern im Herzen Erfurts. Eine von vielen Herausforderungen: "Ich muss mich erst mal dran gewöhnen, dass die ganze Post im Briefkasten auch für mich ist."

Beeindruckt von Györ

Mit dem Thüringer HC möchte sie so viel in der Königsklasse lernen, wie es nur geht. "Das ist ein ganz anderes Niveau, viel härter und schneller als Ligaspiele." Sie blickt mit Hochachtung nach Györ - ein Team, in dem alle Spielerinnen über mehrere Jahre Erfahrung in der Champions League verfügen. "Diese Abgezocktheit, die die Topstars auf dem Niveau mitbringen, möchte ich mir auch aneignen."

Dass es ihr Traum ist, eines Tages da zu spielen, wird klar, als sie von der Arena erzählt, "einem von außen beleuchteten Koloss". In den Kabinen beeindrucken die 1,50 Meter breiten Spinde, am Spielfeldrand stehen keine Bänke, sondern Autositze. 5500 Leute passen in die Halle, 5000 haben das Spiel gegen Bölks Team verfolgt. Zum Vergleich: Die Salza-Halle, Bölks Heimstätte in der Bundesliga, fasst 1100 Zuschauer. "Die Fans waren fast alle mit grünen Fahnen und Hemden ausgestattet, wahnsinnig professionell."

In Deutschland fehlt das Geld

Bölk weiß, dass sich viele Handballerinnen eine Karriere in Ungarn erträumen. Die Spiele werden im Fernsehen übertragen, ein großer Anreiz für Sponsoren. "In Györ zu spielen, wäre ein Mega-Privileg. Viel mehr geht nicht", sagt sie, ärgert sich aber auch darüber, dass es so viele Talente ins Ausland zieht. Das könnte anders sein, wenn der Frauen-Handball in Deutschland einen höheren Stellenwert genießen würde. Wie in vielen anderen Bereichen scheitert es am Geld. "Wer in der Champions League weit nach vorn kommen möchte, braucht gewisse finanzielle Möglichkeiten. Die sind in Deutschland in dem Ausmaß nicht vorhanden."

Emily Bölk gegen Chinas Qiao Ru
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Emily Bölk gegen Chinas Qiao Ru

Um in ihrem Heimatland auf dem höchstmöglichen Niveau spielen zu können, hat sich Bölk nach langem Hin und Her für Thüringen entschieden. "Ich hatte echt tolle Angebote." Anfragen aus Handball-Hochburgen wie Skopje und Bukarest seien nicht darunter gewesen, räumt sie ein. Auch aus Györ habe sie nichts gehört. "Das ergibt momentan auch noch keinen Sinn." Dafür fehle ihr die Spielpraxis aus internationalen Wettbewerben.

In Thüringen nicht alt werden

Dafür wurde Bölk lange von einem dänischen Verein umworben. "Da stimmte das Gesamtpaket. Leider war bis zum letzten Spieltag nicht klar, ob sie Champions League spielen würden." Letztlich war das ein Argument, was sie dazu brachte, abzulehnen. Eine Rückkehr in die dänische Liga schließt sie trotzdem nicht aus. 2012 war Bölk an der Sportakademie in Viborg und hat als Jugendliche in der ersten dänischen Division gespielt.

Bei all den Zukunftsplänen liegt ihr Fokus zurzeit aber beim Thüringer HC. Auch für Trainer Herbert Müller hat sie nur lobende Worte, die beiden kennen sich schon eine Weile. "Er hat mir deutlich vermittelt, dass er gerne mit mir arbeiten und mich weiterbringen möchte. Aber er hat mich nicht geholt, damit ich in Thüringen alt werde."



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