Schach-Giganten Kasparow und Carlsen Meine Duelle mit Feuerkopf und Boa Constrictor

Garri Kasparow war der Temperamentvolle, sein Schüler Magnus Carlsen ist der Kühle: Stimmen diese Vorurteile? SPIEGEL-Autor Erich Follath beschreibt seine Partien gegen den früheren und den heutigen Weltmeister. Er kam einmal immerhin in "Strafraumnähe".

SPIEGEL-Autor Follath, Weltmeister Carlsen: Partie in Oslo
Rasmus Kongsøre / DER SPIEGEL

SPIEGEL-Autor Follath, Weltmeister Carlsen: Partie in Oslo


Das Schöne am Journalistenberuf ist ja, dass man sich auch ungewöhnliche Träume erfüllen kann. Beispielsweise den Traum, die beiden besten Schachspieler der letzten Jahrzehnte um eine Partie zu bitten. Mann gegen Mann, ohne jede Störung am Brett, je zehn Minuten Bedenkzeit. Ein Selbstversuch. Klar, ich habe keine Chance, aber wie nutze ich sie?

Für Nicht-Schachspieler: Den Ex-Weltmeister Garri Kasparow und den derzeitigen Champion Magnus Carlsen auf den 64 Feldern herauszufordern, das ist in etwa so wie für einen leidlich begabten Tennis-Fan gegen Federer und Nadal anzutreten; für einen Hobby-Rennfahrer gegen Alonso und Vettel auf dem Nürburgring Runden zu drehen, für einen Freizeit-Golfer gegen Langer und Woods einzulochen.

Die Frage ist nicht, ob man gewinnt. Die Frage lautet vielmehr: Wie lange kann man sich gegen die Übermächtigen halten - und wie profitiert man am besten von der Erfahrung? Und lässt sich so auch etwas über die Kontrahenten erfahren? Stimmt das Bild vom Feuerkopf Kasparow, von Carlsen, dem Supercoolen? Oder ist das nur ein Klischee?

Rückblick, Köln 2008. Kasparow ist da schon freiwillig vom Schach-Thron abgetreten, nach mehr als einem Jahrzehnt an der Weltspitze, und mit der bis dahin höchsten Wertung irgendeines Spielers: 2815 Elo-Punkte. Aber er macht noch gelegentlich Schaukämpfe. Am Rand eines solchen Auftritts spielt er gegen mich. Es wird eine erstaunliche Partie: Er überlässt mir die weißen Steine, ich opfere gegen seine königsindische Verteidigung einen Bauern, den er kampfeslustig annimmt. Das Brett steht nach 17 Zügen in Flammen. Ich bringe die Türme in Stellung und bereite mich vor auf einen Angriff gegen seine bedrängte Königsstellung.

Und Kasparow reagiert. Zieht die Stirn in Zornesfalten. Kratzt sich am Hinterkopf. Beugt sich drohend übers Brett, als wollte er Gegner und Gewitterwolken verscheuchen. Zeigte er etwa Nerven? Stehe ich gut, womöglich sogar auf Gewinn?

"Für einen Laien eine sehr bemerkenswerte Partie"

Er entschließt sich auf dem Damenflügel zur Gegenattacke. Ich tausche noch meinen Läufer, um auf der jetzt offenen h-Linie zum Schlag auszuholen. Und dann sehe ich plötzlich einen unglaublichen Zug - ein Springeropfer. Ich getraue mich nicht. Und trete den positionellen Rückzug an. Noch drei, vier Züge und es geht mit meiner Stellung deutlich abwärts. In schwieriger Position kann ich nicht so schnell und so weit rechnen wie er - und muss nach Zug 27 die Waffen strecken. Hab ich eine Glanzpartie durch Feigheit in den Sand gesetzt?

Er gratuliert mir zu der "für einen Laien sehr bemerkenswerten Partie", schätzt meine Elo-Zahl sehr freundlich und deutlich übertrieben auf 1900, das ist die eines starken Club-Spielers. Small Talk. Dann muss er leider schnell weg, kann nichts mehr zur Partie erklären. Einige Monate später grüßt ihn ein Kollege von mir, der ihn in St. Petersburg in Sachen russischer Oppositionspolitik interviewt, und beschreibt die Umstände unseres Zusammentreffens. "Na, denkt Ihr Kollege immer noch über das Opfer nach?", fragt Kasparow, der auch noch als "Freizeitsportler" mehrere tausend Partien im Kopf hat.

Carlsen als "Boa Constrictor des Schachs"

Kasparow widmet sich ganz der russischen Politik, muss feststellen, dass er den Winkelzügen eines Wladimir Putin nicht gewachsen ist. Er greift noch einmal in die große Schachwelt ein - als Trainer eines damals 18-jährigen norwegischen Talents, das er ein knappes Jahr lang coacht. Aus der Politik zieht sich Kasparow frustriert zurück. Heute bewirbt sich der schillernde Großmeister für den Präsidentenposten des Weltschachverbands Fide.

Oslo, Februar 2014, Treffen mit Magnus Carlsen. Er ist der junge Norweger, dem Kasparow noch den letzten Schliff gegeben hat. Inzwischen hat er seinen Lehrmeister sogar übertroffen, kein Mensch dürfte je das komplexe und anspruchsvolle königliche Spiel so durchdrungen haben wie er, die Elo-Zahl des 23-Jährigen liegt bei 2880. Im indischen Chennai ist Carlsen der Große Ende November ohne Niederlage Weltmeister geworden. Weit und breit ist derzeit keiner zu sehen, der ihm den Titel streitig machen könnte. Aber während Kasparow der Ruf eines Romantikers vorausgeht, der bei jeder Stellung an "unsterbliche" Züge gedacht hat, gilt Carlsen als "Boa Constrictor des Schachs", weil er seinen Gegnern auf dem Brett buchstäblich die Luft abschnürt. Eher kaltblütiger Vollstrecker als reiner Schöngeist. Der Ehrenpräsident des Deutschen Schachbundes geht gar so weit, dem Champion "seelenloses und blutleeres" Spiel zu unterstellen.

Ich wähle gegen Carlsen die Eröffnung mit dem Damenbauern, wie gegen Kasparow. Es entwickelt sich dann bald ein ganz anderer Kampf als der mit seinem Vorvorgänger auf dem Schach-Thron. Eine positionelle Partie, bei der ich fast unmerklich in Nachteil gerate. Langsam, nach und nach. Um mich aus der drohenden Umklammerung zu befreien, entschließe ich mich zur langen Rochade. Er zeigt keine Emotionen, bleibt stoisch gelassen. Pokerface. Was gegen Gleichstarke womöglich noch chancenreich gewesen wäre, erweist sich gegen Carlsen als der falsche Weg. Mit präzisem Spiel stürzt er sich auf meinen Schwachpunkt c3, der sich bald nicht mehr sinnvoll decken lässt. Ich muss Material abgeben. Als nach dem 22. Zug feststeht, dass ich seiner Dame nur mehr den Turm entgegenzusetzen habe, gebe ich auf.

Gegen Kasparow bin ich immerhin in "Strafraumnähe" gekommen

War das nun "seelenlos" - oder auf eine ganz andere, konsequent positionelle Weise spektakulär? Carlsen hat Schach auf seine Weise meisterhaft weiterentwickelt. Er verschafft sich auch gegen weitaus Stärkere als mich leichte Vorteile, weitet sie zu Gewinnstellungen aus. Das als unkreativ abzutun, zeugt von wenig Schachverständnis. Mit einer ähnlichen Argumentation könnte man auch den Fußball, den Bayern München spielt, mit hohem Anteil an Ballbesitz, geduldigem Warten und dann blitzschnellem Zuschlagen als seelenlos beschreiben. Carlsen, der als schwieriger Interviewpartner gilt, gibt sich nach der Partie ganz locker. "Ich nehme die Fehler meiner Gegner für mich in Anspruch", sagt er.

Bei ChessBase in Hamburg, dem Eldorado der Spitzenspieler und Heimat des stärksten Schachcomputers weltweit, analysiert der Internationale Meister Oliver Reeh mit mir die Carlsen-Partie - und dann auch die Kasparow-Stellung. Denn ja, zugegeben, es hat mich lange und immer mal wieder beschäftigt, ob ich da meine eigene Traum-Fortsetzung für eine "Jahrhundertpartie" ausgelassen habe. Während ich bei Carlsen laut Meister Reeh "kaum aus der eigenen Hälfte gekommen" bin, sieht er mich in der Kasparow-Partie zumindest in "Strafraumnähe". Und selbst er muss bei der komplizierten Stellung mal den Computer nach der besten Fortsetzung befragen. Beruhigend und enttäuschend zugleich - mein angedachtes Springeropfer, es hätte sich widerlegen lassen.



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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Rumo75 05.03.2014
1.
Der Artikel enthält folgende Fehler und Fehlschlüsse: 1. Kasparovs höchste Elozahl belief sich auf 2851. 2. Nummer 1 der Weltrangliste war er von Januar 1984 bis März 2005. Nur 1996 zog Kramnik einmal kurzzeitig mit ihm gleich. Das ist ein bisschen mehr als ein Jahrzehnt. 3. Daraus dass 2880 mehr sind als 2851 geht keineswegs hervor, dass Carlsen das Schachspiel "tiefer durchdrungen" habe. Erstens weil die FIDE Elozahlen einer ständigen Inflation unterliegen. Aussagekraft hat die Differenz zwischen der Nr.1 und beispielsweise der Nr.2, der Nr.10 und der Nummer 100. In dieser Hinsicht dürften Fischers 2780 und Kasparovs 2851 Carlsens Bestmarke kaum nachstehen. Zweitens ist dieses "Durchdringen" (der Fachausdruck lautet "Positionsverständnis") nur eine von vielen Fähigkeiten, die ein guter Schachspieler benötigt. Und davon hat vermutlich ein Kramnik oder ein Ivanchuk noch ein bisschen mehr als Magnus Carlsen. Carlsen verfügt allerdings auch über viele andere Stärken, die bei anderen weniger ausgeprägt sind: Er hat zum Beispiel starke Nerven, eine gute Physis, und ihm unterlaufen nur ganz selten dumme und unnötige Fehler.
dröhnbüdel 05.03.2014
2. Glückwunsch!
Alle Achtung, Herr Follath! Gerade wenn Kasparow Ihre Elo mit 1900 sogar noch schmeichelhaft überschätzt haben sollte, haben Sie mit beiden Partien eine beachtliche Leistung abgeliefert. Bezirksliga-Matador gegen Weltmeister, da ist die Stellung normalerweise doch schon in der Eröffnung total im Eimer. Ich würde mich in einem solchen Fall glücklich schätzen, wenigstens bis zum zehnten oder zwölften Zug noch mithalten können.
blogvormkopf 05.03.2014
3.
Zitat von dröhnbüdelAlle Achtung, Herr Follath! Gerade wenn Kasparow Ihre Elo mit 1900 sogar noch schmeichelhaft überschätzt haben sollte, haben Sie mit beiden Partien eine beachtliche Leistung abgeliefert. Bezirksliga-Matador gegen Weltmeister, da ist die Stellung normalerweise doch schon in der Eröffnung total im Eimer. Ich würde mich in einem solchen Fall glücklich schätzen, wenigstens bis zum zehnten oder zwölften Zug noch mithalten können.
Tatsächlich WAR Follaths Stellung gegen Carlsen praktisch in der Eröffnung völlig im Eimer. Ich muss sagen, ich beneide ihn. Die Partie wurde ja auch mehr oder weniger im gedruckten Spiegel dokumentiert. Damit dürfte Follath zumindest in die Schachgeschichte eingehen, als der Spieler, der mit einer wirklich unterirdischen Leistung das größte Publikum erreicht hat. Warum der SPIEGEL das druckt und hier publiziert ist mir allerdings rätselhaft. Der einzige Unterschied zwischen Follath und jedem anderen Amateur, der gegen Carlsen hoffnungslos untergeht, ist, dass Follath beim SPIEGEL ist und daher sein hoffnungsloses Untergehen in die Recherche für einen Artikel umdeuten kann. Das Ergebnis ist dann, dass in dem Artikel praktisch nichts neues über Carlsen steht (außer ein bisschen Trivia, geschenkt). Abgesehen von seinem Sieg über Follath natürlich.
leiboldson 05.03.2014
4.
Zitat von blogvormkopfTatsächlich WAR Follaths Stellung gegen Carlsen praktisch in der Eröffnung völlig im Eimer. Ich muss sagen, ich beneide ihn. Die Partie wurde ja auch mehr oder weniger im gedruckten Spiegel dokumentiert. Damit dürfte Follath zumindest in die Schachgeschichte eingehen, als der Spieler, der mit einer wirklich unterirdischen Leistung das größte Publikum erreicht hat. Warum der SPIEGEL das druckt und hier publiziert ist mir allerdings rätselhaft. Der einzige Unterschied zwischen Follath und jedem anderen Amateur, der gegen Carlsen hoffnungslos untergeht, ist, dass Follath beim SPIEGEL ist und daher sein hoffnungsloses Untergehen in die Recherche für einen Artikel umdeuten kann. Das Ergebnis ist dann, dass in dem Artikel praktisch nichts neues über Carlsen steht (außer ein bisschen Trivia, geschenkt). Abgesehen von seinem Sieg über Follath natürlich.
Naja, die Latte für "hoffnungslos" und "völlig unterlegen" wurde durch Bill Gates sehr niedrig gelegt: http://de.chessbase.com/post/carlsen-schlaegt-gates-in-12-sekunden Weiterhin sollte uns Schachspieler jeder Artikel in auflagestarken Magazinen freuen, auch wenn er elo 600 nicht übersteigt und für Insider keinen Mehrwert hat, denn Schach bleibt eine Randsportart und ist nicht so cool wie Dschungelcampvoting, wo auch grenzdebile mitmachen können.
dark_energy 06.03.2014
5. schön
Ein sehr schöner, unterhaltsamer, und für mich als absoluter Schach-Amateur, informativer Artikel. Interessant, dass die Profis in diesen Partien, wo es doch um nichts außer Spaß geht, nicht riskanter oder experimenteller gespielt haben. Bei einem Tennisspiel Laie gegen Profi kann ich mir schon vorstellen, dass der Profi allerlei Tricks und Schabernack macht, und nicht mit vollkommenem Ernst sein normales Spiel durchzieht.
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