E-Sport als Sportart Mögen die Spiele beginnen

E-Sport könnte in Deutschland bald eine Sportart sein. Die Profis hoffen auf mehr Akzeptanz für ihr Können. Während sich einige Verbände noch immer widerwillig zeigen, sind andere aufgeschlossen - und sehen Chancen.

Fifa 18 auf der Paris Games Week
AFP

Fifa 18 auf der Paris Games Week

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Lukas Vonderheide stand kurz vor einer Karriere als Profifußballer. Er spielte für die Jugendmannschaften von Wolfsburg und Braunschweig. Eine Verletzung kam dazwischen. Der Traum war aus - und lebt doch irgendwie weiter.

"An der Konsole bin ich auch nicht schlecht", sagt Vonderheide. Seine Alternative ist eine Karriere als professioneller Videospieler - im E-Sport. In der virtuellen Liga der Fußballsimulation "Fifa" wurde er schließlich entdeckt und schaffte den Sprung in ein Profiteam. Vor wenigen Wochen spielte Vonderheide für den "Fokus Clan" erfolgreich sein erstes Turnier in Barcelona.

"Es gibt für mich keinen Unterschied zwischen professionellem Sport an der Konsole und dem auf dem Rasen", sagt er. Die Vorbereitung und das Training seien zwar anders, aber nicht weniger intensiv und zeitaufwendig. Der Leistungsdruck und die Anstrengung seien ebenfalls vergleichbar.

Mehr als Knöpfe drücken?

Benedikt Saltzer spielt für das Fifa-Team des Bundesligavereins VfL Wolfsburg und ist sich sicher, dass E-Sport eines Tages olympisch sein wird. Noch viel wichtiger sei es allerdings, dass es in der Gesellschaft mehr Anerkennung und Akzeptanz für den virtuellen Sport gebe. Von der Präsenz bei publikumswirksamen Großveranstaltungen wie Olympia erhofft er sich, dass diejenigen, die bisher wenig Interesse und Verständnis gezeigt haben, einen Eindruck davon bekommen, dass E-Sport mehr sei als Knöpfe drücken.

Das hat jetzt auch die Politik erkannt. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD heißt es, man wolle "E-Sport künftig vollständig als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht anerkennen und bei der Schaffung einer olympischen Perspektive unterstützen".

Benedikt Saltzer
imago/Martin Hoffmann

Benedikt Saltzer

Für Saltzer und Vonderheide ist die Anerkennung als Sportart lange überfällig: "Wer beim E-Sport zu den Besten gehören will, muss es hauptberuflich machen", sagt Saltzer. Beide Profis erzählen, dass sie sich akribisch auf Turniere vorbereiten: Jeden Tag wird mehrere Stunden gespielt, mit ihren Trainern besprechen sie neue Taktiken und schauen sich Spiele potenzieller Gegner an. Zum Ausgleich machen sie aber auch analogen Sport und würden auf eine ausgewogene Ernährung achten. "Wer körperlich und geistig nicht fit ist, hat keine Chance", so Vonderheide.

Beide E-Sport-Profis sagen, dass es sie zusätzlich motivieren würde, wenn sie alle vier Jahre eine olympische Medaille gewinnen könnten. Spieler von Sportsimulationen wie "Fifa" hätten darauf wohl die beste Chance. Denn IOC-Präsident Thomas Bach hat betont, dass es Spiele mit Gewalt schwer hätten, ein Teil von Olympia zu werden. Videospiele, die realen Sport simulieren, passten demnach besser.

Von der Idee des virtuellen Sports ist man beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) nicht überzeugt. "Fußball gehört auf den grünen Rasen und hat mit anderen Dingen, die computermäßig sind, nichts zu tun", sagte Präsident Reinhard Grindel dem "Weser-Kurier" und positionierte sich: "E-Sports ist für mich kein Sport." Der 56-Jährige sieht "eine absolute Verarmung" bei Kindern und Jugendlichen durch die immer größere Begeisterung für E-Sport.

Interessant für eine neue Zielgruppe

Andere Verbände zeigen sich aufgeschlossener. Michael Schirp vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) sagt, dass E-Sport in Deutschland dem "organisierten Sport" einen Schritt näher gekommen sei. "Wir haben jetzt endlich einen Ansprechpartner", sagt er und meint damit den neu gegründeten E-Sport-Bund.

Benedikt Saltzer (l.)
imago/Martin Hoffmann

Benedikt Saltzer (l.)

Dessen Präsident Hans Jagnow widerspricht Grindel direkt: "Der Sport insgesamt steht vor einem Umbruchprozess im digitalen Zeitalter, der keine Verarmung, sondern schlicht eine tiefgreifende Veränderung darstellt." Beim Verband befasse man sich mit diesem Prozess: "Es geht uns vor allem um die gesellschaftliche Anerkennung von E-Sport."

Videospiele bei Olympia seien ein Teil davon, und Gespräche mit dem DOSB habe es bereits gegeben. Jagnow glaubt, dass E-Sport gut zu den Werten der Spiele passt und "gerade in einer aktuell aufgeregten Zeit mit vielen politischen Krisen" zur Völkerverständigung und Respekt unter den Nationen beitragen könnte.

Dass der traditionelle Sport für den virtuellen offen ist, zeigt das Pariser Olympiakomitee für die Spiele 2024. Gespräche mit dem IOC und E-Sport-Vertretern sind geplant. Vor den Winterspielen in Südkorea durften E-Sportler zudem das olympische Feuer durch Seoul tragen, und um Medaillen geht es für virtuelle Sportler bereits bei den Asienspielen 2022.



insgesamt 3 Beiträge
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crazy_swayze 23.03.2018
1.
"FIFA" ersetzt keinen "analogen Sport". Für E-Sports sehe ich ein eigenes E-Olympia (ESL?), aber nicht beim richtigen Olympia. Wobei... Curling ist ja auch dabei. Boule on Ice. Naja. Bei dem Maßstab gehören die wohl doch irgendwann dazu.
tairen 23.03.2018
2. nicht so voreilig
E-Sport lockt schon heute bis zu mehreren millionen Menschen vor die Bildschirme und ich bin mir sicher, dass sie eine größere Fanbasis hab als viele Leichtathletiksportarten. Und wenn man Mal bei einer live Veranstaltung war weiß man was da für eine Stimmung herrscht...da können reale Fußballspiele aller Hertha-Wolfsburg nur von träumen ganz zu schweigen von der Qualität der Unterhaltung die geboten wird. Ich finde es Lustig wie E-Eports belächelt werden, obwohl sie komplexer sind als viele Sportarten die bei Olympia dabei sind. Allerdings würde ich es auch seltsam finden sowas bei Olympia zu sehen.
KobiDror 23.03.2018
3. Nur wer es selbst erlebt hat und..
darf überhaupt mitreden. E-Sport ist beiweitem anstrengender als manch "normaler" Sport. Die Vorbereitung ist dieselbe, man muss geistig und körperlich fit sein. Außerdem ist man hinterher total ausgelaugt. E-Sport ist körperlich extrem anstrengend. Es dauert vielleicht aber die Akzeptanz wird kommen. Ob Olympia dazu notwendig ist, wage ich mal zu bezweifeln. Schaden wird es hoffentlich nicht - im Sinne totaler Kommerzialisierung
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