Eufemiano Fuentes: Auf den Spuren des Doping-Docs

Aus Las Palmas und Madrid berichtet

Der Doktor und sein Netzwerk: Wenn am Montag der Prozess gegen Eufemiano Fuentes beginnt, zittern Radsportler, Fußballer und Schwimmer vor seinen Aussagen. Wer ist der Mann, der die Sportwelt in Atem hält? Eine Spurensuche auf Gran Canaria und in Madrid.

Fuentes in Las Palmas: Aktuell nirgendwo angestellt Zur Großansicht
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Fuentes in Las Palmas: Aktuell nirgendwo angestellt

Auf Gran Canaria ist Eufemiano Fuentes nur einer unter vielen. Gleich drei Männer tragen oder trugen hier den Namen, der in der Sportwelt als Synonym für dunkle Dopingmachenschaften steht. "Sein Onkel Eufemiano Fuentes Diaz war einer der reichsten Männer der Insel und kam 1976 bei einer Entführung ums Leben", erzählt der Taxifahrer auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt von Las Palmas. Ein gleichnamiger Vetter des Mediziners wurde 2004 wegen Mordes an einer Prostituierten zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. "Dieser Name riecht nach Unglück", findet der Taxifahrer.

Denn schließlich ist da auch noch er: Eufemiano Fuentes, Mitte 50, mutmaßlicher Dopingarzt, Totengräber des Radsports. Am Montag beginnt in Madrid der Prozess gegen den Mediziner, der mindestens 58, vielleicht sogar 200 Sportler über Jahre mit Dopingmitteln versorgt haben soll. Während des Prozesses soll die Frage geklärt werden, ob Fuentes seine ärztliche Pflicht verletzte und Gesundheitsrisiken bei seinen Klienten in Kauf nahm.

Wer ist dieser Mann, der die Sportwelt in Atem hält?

Niemand will sich erinnern

Die Spurensuche beginnt auf Gran Canaria. Hier, am malerischen Stadtstrand von Las Canteras, hatte die Guardia Civil 2009 eine Wohnung des Mediziners bei einem großen Einsatz durchsucht. Heute will sich an den Ablauf der sogenannten Operación Galgo niemand mehr erinnern. Nicht der Fotograf mit einem Studio in Sichtweite des Fuentes-Hauses. Nicht der Apotheker ein paar Schritte weiter. Der lobt Fuentes jedoch als "einen ganz hervorragenden Arzt".

Dieses Urteil geben auch Mitarbeiter und Kollegen in den Kliniken ab, in denen Fuentes als öffentlich bestellter Arzt tätig war. Doch nirgendwo, weder im Gesundheitszentrum Schamann, noch in der Notfallklinik Perpetuo Socorro, noch in der Hafenklinik soll Fuentes gegenwärtig unter Vertrag stehen.

Auf die Abwehrhaltung stoßen auch lokale Journalisten bei Recherchen. "Die Leute erzählen dir allenfalls etwas über frühere Zeiten. Aber was aktuell passiert, wo Eufemiano steckt und mit wem er zusammenarbeitet, darüber wird geschwiegen. Fuentes ist wie ein Phantom", sagt Martin Alonso, Sportchef der größten Inselzeitung "La Provincia".

Es hat seine Gründe, dass niemand gern öffentlich mit Fuentes in Verbindung gebracht werden will. Bereits in der Saison 2000/2001, als Fuentes bei dem gerade in die Primera División aufgestiegenen heimischen Fußballclub UD Las Palmas als ärztlicher Betreuer tätig war, tauchten Berichte über Spritzen in der Umkleide auf. "Nur Vitamine", lautete damals die Erklärung. Beim nächsten Trainerwechsel wurde Fuentes allerdings gleich mit entlassen. Zufall? Vorsicht? Die aktuellen Verantwortlichen gehen auf Distanz zu Fuentes - und das, obwohl dessen gleichnamiger Onkel einst den Club gegründet hatte.

Fundiertere Auskunft erhält man fern der Insel. In die südwestliche Peripherie Madrids hat sich Manuel Pascua zurückgezogen. Der Mann mit dem grauen Rauschebart trainierte einst Stars wie Francis Obikwelu, den Olympia-Zweiten von Athen über 100 Meter, und die Weltmeisterin von Berlin 2009 über 3000 Meter Hindernis, Marta Dominguez.

"Talent hatte er nicht"

Weil die Guardia Civil ihn in der Operación Galgo der Dopingzusammenarbeit mit Fuentes verdächtigte, wurde Pascua vom Verband kaltgestellt. Der 79-jährige betreut jetzt Padel-Spieler (eine Art Tennis; die Red) und einen Profigolfer. In den siebziger Jahren kümmerte er sich um den 400-Meter-Läufer Eufemiano Fuentes. "Talent hatte er nicht", meint Pascua trocken. "Er ist aber sehr intelligent, hat eine ungeheure Auffassungsgabe und sein Medizinstudium mit Auszeichnung absolviert", erzählt Pascua.

Begütert und mit Hang zur Unabhängigkeit ausgestattet ist er laut Erinnerung Pascuas auch. "Eufemiano ist schon mit einem Sportwagen zum Training vorgefahren, als andere überhaupt noch kein Auto hatten. Als seine spätere Frau Cristina Perez wegen des Trainings bei mir nach Madrid ziehen wollte, hat er kurzerhand seine Klinik auf Gran Canaria zugemacht und ist mit nach Madrid gekommen."

Die Intelligenz und Unabhängigkeit machten Fuentes in der Perspektive seines alten Trainers zu einem der kompetentesten Experten in Sachen Doping. "Auf Gran Canaria hielten sich in den siebziger und achtziger Jahren viele Trainingsgruppen aus Osteuropa auf. Eufemiano hat deren Erfahrungen aufgesogen. Er ist auch zum Studium in die DDR gefahren. Und er war mit Francesco Conconi bekannt", berichtet Pascua. Conconi war der italienische Dopingpapst, der Bluttransfusionen im Spitzensport einführte, Studien über Leistungssteigerung bei Epo-Gaben mit öffentlichen Geldern durchführte und den Dopingguru Michele Ferrari ausbildete. Conconis Studiengruppe war die Keimzelle des Dopings, deren Metastasen den Radsport der vergangenen zwei Jahrzehnte zugrunde richteten.

Fuentes' Expertise war so gefragt, dass ihm bei den Olympischen Spielen in seiner Heimat Spanien 1992 die Betreuung der spanischen Olympiamannschaft anvertraut wurde. Wen wundert es bei solchen Meriten, dass die juristische Auswertung der Operacion Puerto sich nun schon über sieben Jahre hinzieht und die Operación Galgo mit einem verfahrenstechnischen Trick eingestellt wurde?

"In diesem Land traut sich niemand an die Götter heran", sagt der frühere spanische Radprofi José Manzano in Bezug auf die Fußballprofis, die er bei Fuentes gesehen haben will und die im Prozess ab Ende Januar nach Auskunft der Madrider Staatsanwaltschaft keine Rolle spielen werden. Eufemiano Fuentes ist keiner dieser Götter mehr. Immerhin.

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Doping: Der Fall Fuentes

Dopingsubstanzen und ihre Wirkung
Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)