Europaspiele in Baku Alles so schön hier! (Nur nicht die Sache mit den Menschenrechten)

Die Europaspiele in Aserbaidschan sind ein Fest, zumindest für Alleinherrscher Alijew - und für Sport1. Der deutsche TV-Sender hält sich mit Kritik sehr zurück. Olympiafunktionäre schwärmen gar von der tollen Atmosphäre in Baku.

Ringer in Baku: Neun Stunden täglich im TV
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Ringer in Baku: Neun Stunden täglich im TV

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Freitag, Wettkampftag 14 der Europaspiele. Der Sender Sport1 hat wieder gut neun Stunden übertragen. Im Volleyball schlugen sich Polen und Bulgaren den Ball um die Ohren, ausführlich konnte man verfolgen, wie ein deutsche Badmintonspieler namens Dieter Domke sich ins Halbfinale vorarbeitete, danach hatte man Säbelfechtern live beim Kämpfen zusehen dürfen.

Ein ganz normaler Sporttag. In einem alles andere als normalen Umfeld.

Die Europaspiele finden in Baku statt, der Hauptstadt von Aserbaidschan. Einem Land, das Menschenrechte seit vielen Jahren nachrangig behandelt, in dem die Präsidentenfamilie Alijew alles beherrscht. In dem kritische Stimmen unterdrückt werden. Das alles ist vielfach belegt und vor den Spielen auch häufig berichtet worden.

Doch Sport1-Zuschauer müssen nicht befürchten, mit solchen Themen behelligt zu werden. Der Sender hat sich zwei Wochen lang weitgehend aufs Sportliche fokussiert.

Thema Menschenrechte in der Berichterstattung nicht präsent

Alexander Wölffing, Leiter Sports bei dem Sender, sagt dazu, man habe sich im Vorfeld "über die Themen Pressefreiheit und Menschenrechte informiert". Man begrüße zudem, dass "der Deutsche Olympische Sportbund die Themen bei seinen Gesprächen vor Ort anspricht".

In der Berichterstattung des Senders selbst ist das Thema dagegen trotz täglich mehrstündiger Übertragungen so gut wie nicht aufgetaucht. Intern gab es, so ist von Mitarbeitern zu hören, die Ansage, man werde zwar nicht verschweigen, dass die Spiele in Baku umstritten seien. Man werde das Thema Menschenrechtsverletzungen aber auch nicht aktiv journalistisch besetzen.

Was durchaus im Sinne des DOSB gewesen sein dürfte. Der Sportbund hat sich zwar der Diskussion um den Sinn dieser Veranstaltung wiederholt stellen müssen, hat die Veranstaltung selbst jedoch intensiv über all seine Kommunikationskanäle gepusht und betrachtet die Spiele als positive Werbung für seine Athleten. Via Twitter warfen sich DOSB und Sport1 dabei die Bälle zu, man konnte mindestens von einer intensiven Partnerschaft zwischen Sender und Verband sprechen.

Aserbaidschans Präsident Alijew: Eine große Show für ihn
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Aserbaidschans Präsident Alijew: Eine große Show für ihn

Dass die Veranstaltung von Baku nicht nur unter dem Menschenrechtsaspekt, sondern auch rein sportlich mindestens umstritten ist, sieht Wölffing nicht so: "Viele Sportarten, die sonst nur alle vier Jahre mediale Aufmerksamkeit bekamen, hatten eine zusätzliche Bühne", sagt er. Er räumt allerdings ein: "Klassische Sportarten wie die Leichtathletik und der Radsport hatten kein international hochklassiges Feld."

TV-Quoten für Sport1 zufriedenstellend

Im Schnitt 160.000 Zuschauer haben laut Wölffing täglich bei Sport1 eingeschaltet, der Marktanteil "in der Sport1-Zielgruppe der Männer zwischen 14 und 49 Jahren", so Wölffing, habe bei 2,4 Prozent gelegen. Für den Sender sind das relativ ordentliche Zahlen, die Online-Abrufe der Europaspiele sollen dagegen erheblich schwächer gewesen sein, heißt es intern.

Die meisten anderen deutschen Medien haben zurückhaltender berichtet. ARD und ZDF beschränkten sich auf eine gewisse sportliche Chronistenpflicht und berichteten stattdessen kritisch unter anderem über die massiven Ausgaben, mit denen Präsident Alijew die Spiele zu seiner Show-Veranstaltung umfunktionierte und die Sportler dadurch für sein Regime instrumentalisierte.

Allein die Eröffnungsfeier kostete 85 Millionen Euro, das war mehr als doppelt so viel wie für die Eröffnung der Olympischen Sommerspiele von London 2012 ausgegeben wurden. Die Gesamtausgaben werden auf neun Milliarden Euro geschätzt - in einem Land, in dem der monatliche Durchschnittslohn knapp unter 400 Euro liegt.

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Sport und Krieg: Pumpen hinter der Front
"ZDF und ARD haben sich sehr früh darauf festgelegt, keine Liveübertragungen vorzunehmen", sagt ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz. Er begründet das vor allem mit "der geringen sportlichen Wertigkeit bei vielen Wettbewerben". Am Sonntag werde man noch einen Hintergrundbericht zu der Veranstaltung ausstrahlen.

SPIEGEL ONLINE hat sich bewusst gegen eine sportliche Berichterstattung über die Europaspiele entschieden, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete vor Ort und konzentrierte sich darauf, die kritischen Aspekte der Spiele herauszuarbeiten. Andere wie der renommierte "Guardian"-Sport-Chefkorrespondent Owen Gibson erhielten erst gar kein Visum von den Behörden, auch dem ARD-Reporter Florian Bauer wurde eine Akkreditierung verweigert.

Der DOSB hat immer davon gesprochen, dass der Sport die Menschenrechtsprobleme in einem Land nicht lösen könne. Der Chef der Mission, Dirk Schimmelpfennig, schwärmte bei der Zwischenbilanz im Sport1-Interview mit Blick auf den Ausrichter Baku von einem "riesigen Meilenstein, der für viele andere schwierig zu erreichen sein wird". Und Wölffing sekundiert: "Wären die Europaspiele nicht in Baku, wäre das Thema Menschenrechte in Aserbaidschan nicht so prominent thematisiert worden." Es sind die Argumente, mit denen auch die Vergabe des Eurovision Song Contest 2012 nach Baku gerechtfertigt worden war.

Die Niederlande haben die Austragung der nächsten Europaspiele zurückgegeben. Als Kandidaten sind jetzt im Gespräch: die Türkei, Russland und Weißrussland.



insgesamt 22 Beiträge
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humorrid 27.06.2015
1. Niemand
warnt, mahnt und kritisiert - wenn das nötige Kleingeld stimmt, verstummen unsere großen Europäer und plötzlich wird es auch geografisch so selbstverständlich, dass Aserbaidschan zu Europa gehört.
bigauge79 27.06.2015
2. Der Spiegel traut sich was...
"SPIEGEL ONLINE hat sich bewusst gegen eine sportliche Berichterstattung über die Europaspiele entschieden, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete vor Ort und konzentrierte sich darauf, die kritischen Aspekte der Spiele herauszuarbeiten." Na da bin ich mal gespannt wie es sich mit der Spiegel Berichterstattung von der Fussball WM in Russland und Katar verhalten wird. Eine sportliche Berichterstattung von einer 3. klassigen Sportveranstaltung zu vermeiden ist wirklich mutig ?
Onkel Mattel 27.06.2015
3. ach ja, bewusst
"SPIEGEL ONLINE hat sich bewusst gegen eine sportliche Berichterstattung über die Europaspiele entschieden." Drollig formuliert. Klingt so, als hätten sich andere Medien nicht bewusst, sondern unbewusst gegen (oder für) die Berichterstattung über die Europaspiele entschieden. Das finde ich gut an SPIEGEL ONLINE: über die Olympischen Spiele in Beijing wurde seinerzeit schon berichtet. Da hat sich SPIEGEL ONLINE auch bewusst für entschieden, denn jeder weiß ja, dass China nicht nur die Wiege der Menschenrechte ist, sondern auch deren Bewahrer.
andreika123 27.06.2015
4. immer das gleiche
Sport und Politik sollen getrennt werden.Sport 1 macht das richtig, das ist ein Sport Sender und keine politisches Talk show. Mal sehen was hier geschrieben wird über USA, Saudi-Arabien und weitere befreundet statten wenn die eine Sport Festt machen.
Tharsonius 27.06.2015
5. Wie angekündigt..
boykottiere ich jegliche Übertragung dieser Spiele auch wenn sie mich sehr interessieren. Und ich habe ein gutes Gewissen dabei.
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