Ex-Baseball-Star Curt Schilling Der ungeliebte Held

Mit blutendem Fuß führte Curt Schilling die Boston Red Sox einst zum Gewinn der World Series. Er müsste verehrt und in die Hall of Fame gewählt werden. Wird er aber nicht - weil er Donald-Trump-Fan ist?

ASSOCIATED PRESS

Von Martin Schneider


Am späten Abend des 19. Oktober 2004, eines kühlen Playoff-Herbsttags in der New Yorker Bronx, wurde die Legende von Curt Schilling geboren.

Schilling war der Start-Werfer der Boston Red Sox. Eigentlich hat er für seine Mannschaft an diesem Tag lediglich ein Baseball-Spiel gewonnen. Es war weder der erste noch der letzte Sieg in seiner Karriere, aber einer der größten. Und dabei hätte er gar nicht spielen sollen: Wenige Wochen zuvor war Schilling am Knöchel seines rechten Fußes operiert worden, ein Einsatz in den Playoffs galt als ausgeschlossen. Schilling konnte kaum laufen, geschweige denn schmerzfrei stehen.

86 Jahre hatte man in Boston darauf gewartet, die World Series zu gewinnen. Dafür holten die Verantwortlichen vor der Saison Schilling, einen erfahrenen Pitcher, der mit seinen damals 37 Jahren bereits für die Philadelphia Phillies und die Arizona Diamondbacks gespielt und 2001 die World Series gewonnen hatte.

Mit blutigem Fuß in die World Series

Schilling galt als Großmaul, auf das in den entscheidenden Spielen Verlass war. Ein Typ, der weder sich selbst noch andere schonte. Und so humpelte Schilling an jenem Abend im Oktober doch auf den Sandhügel, die Socke des operierten Fußes voller Blut. Er ließ einen Yankee-Schlagmann nach dem anderen alt aussehen, am Ende schlugen die Red Sox die Yankees nach sieben Spielen 4:3 und ließen den St. Louis Cardinals im Duell um die World Series keine Chance. Boston hatte, auch dank King Schilling, der gegen St. Louis erneut mit blutiger Socke warf, wieder den Thron erklommen. Er müsste dort ein Held sein, eigentlich.

Er ist es nicht.

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Curt Schilling: Böses Blut

Im vergangenen Jahr betrat der Sieger-Kader von 2004 unter tosendem Beifall der Fans im Red-Sox-Stadion Fenway Park den Rasen. Erneut hatte der Klub das Endspiel um die World Series erreicht und die Ehrung der Helden von einst sollte den heutigen Spielern ein Ansporn sein. Nur einer wurde nicht eingeladen: Curt Schilling. Fällt sein Name, verfallen Verantwortliche, Journalisten und Fans eher ins Grübeln denn in Begeisterungsstürme.

Ein Republikaner im Land der Demokraten

Denn seit seinen Erfolgen hat Schilling sich abseits des Spielfelds ebenfalls einen Namen gemacht. Als Lautsprecher ultrakonservativer Republikaner. Schon als aktiver Spieler unterstützte er öffentlich die Kandidaturen der republikanischen Präsidentschaftskandidaten George W. Bush und John McCain, was vor allem bei den Besitzern der Red Sox Zähneknirschen auslöste.

Schilling transportierte im demokratisch geprägten Massachusetts seine "Einer gegen alle"-Mentalität, die ihn im Baseball so erfolgreich machte, auf die politische Bühne. Es war der Beginn eines beidseitigen Entfremdungsprozesses. Als der Klub dem in die Jahre gekommenen und von zahlreichen Verletzungen geplagten Pitcher keinen neuen Vertrag anbot, beendete Schilling im März 2009 voller Verbitterung seine Karriere. Er fühlte sich von den Red Sox ausgenutzt und nicht genügend wertgeschätzt.

Händeringend suchte er anschließend nach neuen Betätigungsfeldern, doch nichts wollte dem einstigen Aushängeschild so recht gelingen. Er verspekulierte sich bei Investitionen und verlor nach eigenen Angaben 50 Millionen Dollar. Ambitionen für politische Ämter kündigte er stets groß an, ohne jemals konkret zu werden. Die Geschichten, die er über sich in der Presse lesen musste, entsprachen nicht mehr denen, die er gewohnt war. Schillings Wut auf die Welt wurde so groß, dass sie auch jenen Bereich seines Lebens erreichte, dem er seine Popularität und seine Anerkennung überhaupt verdankte: Baseball.

Schilling mag Trump, Trump mag Schilling

Schilling nutzt die sozialen Netzwerke, um Verschwörungstheorien von QAnon sowie erzkonservative und rechte Positionen zu verbreiten. Im US-Wahlkampf 2016 schlug er sich früh auf die Seite Donald Trumps, "großartig" nannte er das T-Shirt eines Trump-Anhängers, auf dem stand, Journalisten gehörten gelyncht. Hetztiraden gegen Muslime und Transsexuelle kosteten ihn seinen Experten-Job beim Sport-Sender ESPN. Stattdessen ist Schilling mittlerweile auf Breitbart anzutreffen.

Journalisten sind es auch, die jährlich darüber abstimmen, welche Spieler in die "Hall of Fame", die Ruhmeshalle des Baseballs, aufgenommen werden. Zehn Versuche hat ein Spieler maximal, bevor er für immer vom Wahlzettel verschwindet. 2019 ging es für Curt Schilling in die siebte Runde. Warum es bisher nicht geklappt hat? Schillings Meinung dazu ist klar. "Wenn ich gesagt hätte "Lyncht Trump", würde ich dieses Jahr über 90 Prozent der Stimmen erhalten", sagte er vor zwei Jahren.

In der Nacht von Sonntag auf Montag mischte sich der Präsident höchstpersönlich ein. "Curt Schilling hat es verdient, in die Baseball Hall of Fame zu kommen", lobte Donald Trump auf seinem Lieblingskanal Twitter. Helfen konnte Schilling die kurzfristige, präsidiale Intervention nicht, die Abgabefrist der Stimmzettel lag Wochen zurück.

Und es reichte wieder nicht für den 52-Jährigen. Zwar konnte Schilling sein Ergebnis der vorherigen Jahre steigern, doch mit 60,9 Prozent verfehlte er die 75-Prozent-Hürde deutlich. Via Twitter gratulierte Schilling anschließend denen, die es geschafft hatten: Mariano Rivera, der als erster Spieler in der Geschichte 100 Prozent der Stimmen erhielt, dem 2017 tödlich verunglückten Roy Halladay, Edgar Martinez und Mike Mussina. In seinen Tweets davor nannte Schilling den amerikanischen Ureinwohner Nathan Philipps übrigens einen Lügner. Und in einem anderen Thread debattierte er über die katholische Kirche und Pädophilie.

Dem wütenden Curt Schilling bleibt in Bezug auf sein sportliches Erbe nur die Hoffnung, in den nächsten drei Jahren seiner blutigen Socke aus der World Series 2004 folgen zu können. Denn die war bereits Ausstellungsobjekt in der Ruhmeshalle des Baseballs.



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Seite 1
skilliard 25.01.2019
1.
Zwischen einem Trump-Fan und einem Verschwörungstheoretiker auf Breitbart ist aber doch nochmal ein Unterschied. Das eine kann man tolerieren, das andere eben nicht. Leuten, die die Opfer von Massakern als bezahlte Schauspieler hinstellen, verdienen einfach keine Ehrung.
yabba-dabba-doo 25.01.2019
2. Doppelmoral
Hall of Fame Es sollte der Sport im Mittelpunkt stehen und nicht die politische Einstellung. Trump wurde demokratisch gewählt und Breitbart ist nicht verboten. Auch wenn einigen die Einstellung von Schilling nicht recht ist, sportlich ist er ein Großer. Immerhin haben die Red Sox ihn trotz seiner politischen Einstellung verpflichtet um nach sehr langer Zeit den Titel zu bekommen. Das ist Doppelmoral.
s.l.bln 25.01.2019
3. Es wird wohl...
...unter Sportlern weitere Trump fans geben. Wenn sich aber jemand über T-Shirt-Aufschriften freut, die zum Lynchen von Journalisten aufrufen, muß er sich nicht wundern, wenn eben diese ihm keine Orden anstecken.
oidamo 25.01.2019
4.
Zitat von yabba-dabba-dooHall of Fame Es sollte der Sport im Mittelpunkt stehen und nicht die politische Einstellung. Trump wurde demokratisch gewählt und Breitbart ist nicht verboten. Auch wenn einigen die Einstellung von Schilling nicht recht ist, sportlich ist er ein Großer. Immerhin haben die Red Sox ihn trotz seiner politischen Einstellung verpflichtet um nach sehr langer Zeit den Titel zu bekommen. Das ist Doppelmoral.
Also ganz so einfach ist das nicht. Ich denke, dass die Überschrift da auch irreführend ist. Wie sich die Sache darstellt, wählen ihn die Journalisten v.a. wegen seinem Verbreiten von verqueren Verschwörungstheorien auf dem Lügenmedium Breitbart und z.B. dem Gutheißen von Lynch-Aufrufen nicht in die Hall of Fame, und nicht weil er bloßer Trump-Anhänger ist. Eine Hall of Fame hat immer auch was zu tun mit Vorbild-Funktion, auch abseits des Platzes. Breitbart und das Bejubeln noch Lynch-Aufrufen mögen zwar nicht verboten sein, aber als Vorbild keineswegs. Oder würden Sie Christoph Daum in eine Trainer-Hall of Fame wählen wollen? Sein Drogenkonsum war ja schließlich auch nicht strafbar. Aber Vorbild-Funktion? Eher nicht.
bjoern.laabs 25.01.2019
5.
naja was soll man dazu schon sagen
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