Ex-Nationalspieler Bitter: "Entspannt? Ganz sicher nicht"

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Deutschlands Handballer? Können bei der WM das Viertelfinale erreichen. Führungsspieler? Hat das Team genug. Im Interview spricht Weltklasse-Torwart Johannes Bitter über seinen knüppelharten Sport, nervenaufreibende Nachmittage auf der Couch und seine Zukunft in der DHB-Auswahl.

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Ex-Nationalspieler Bitter: "Da geht der Puls hoch"

Johannes Bitter muss gleich wieder zur Reha. Zeit für ein kurzes Mittagessen in einem Restaurant im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel hat er dennoch. Bitter ist ein glücklicher Handball-Profi in diesen Tagen. Seit Mitte Dezember 2012 kann der 30-Jährige wieder im Tor des HSV Hamburg stehen, das im vergangenen März gerissene Kreuzband hält.

Bitter gilt als herausragender Torwart, 2007 wurde er Weltmeister im eigenen Land. 2011 erklärte er trotzdem seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Auch, weil er seiner Familie, die ihn "jahrelang unterstützt" hat, "etwas zurückgeben" wollte, wie er heute sagt. Er ist damit nicht der einzige Top-Spieler, der derzeit nicht für sein Land auflaufen will.

Die Nationalmannschaft hat Bitter trotzdem nie aus dem Blick verloren. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE nimmt er Stellung zu acht Thesen rund um die DHB-Auswahl. Unter anderem geht es um die Chancen bei der WM in Spanien, die Kritik an der Heuberger-Truppe - und sein mögliches Comeback.

Den WM-Start der deutschen Mannschaft am Samstag gegen Brasilien verfolgt Johannes Bitter auf der Couch, ganz entspannt.

Anschauen werde ich mir das Spiel auf jeden Fall. Aber entspannt? Ganz sicher nicht. Gegen Brasilien geht es um etwas, da werde ich angespannt auf der Couch sitzen. Da geht der Puls hoch, da fiebere ich mit.

Deutschland scheidet bei dem Turnier in Spanien schon in der Gruppenphase aus.

Glaube ich nicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir auf jeden Fall Brasilien, Argentinien und Tunesien schlagen. In der Gruppe sollte Platz zwei oder drei drin sein. Dafür haben wir das Potential. Das Viertelfinale zu erreichen, wird schwierig, ist für mich aber realistisch.

Nach der WM-Absage von Holger Glandorf hat Bundestrainer Martin Heuberger zu Recht das mangelnde Feuer für die Nationalmannschaft kritisiert.

Bei der ganzen Diskussion fehlt mir der Respekt vor der Person, vor Holger und seiner Entscheidung. Dass man enttäuscht ist, ihn nicht dabei zu haben, verstehe ich. Aber irgendwann muss es mal gut sein. Für die Nationalmannschaft zu spielen, ist für jeden Handballer das schönste. Aber irgendwann reagiert der Körper anders, die Spiele und die Reiserei gehen an die Substanz. Und wenn ein Spieler der Nationalmannschaft absagt, weil er es für sich entschieden hat, dann muss das respektiert werden.

Mehr als 90 Spiele pro Saison: Die Belastung für die Top-Handballer ist viel zu hoch.

Ja, eindeutig. Es wird ja gerne das Argument angeführt, dass auch Basketballer oder Eishockey-Profis so viel spielen. Aber die haben in der Regel viel kürzere Einsatzzeiten. Das, was ein Spitzenhandballer heute leisten muss, ist das höchste der Gefühle. Da ist eine absolute Grenze erreicht. Wettbewerbe wie die aufgeblähte Champions League oder die Qualifikationsspiele zur EM, WM und den Olympischen Spielen brauchen neue Modi.

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dapd

Die Spielergewerkschaft GOAL mit ihren rund 100 Mitgliedern hat zu wenig Macht, um den engen Terminkalender zu entzerren.

Ich höre auch immer: Die reden nur, es passiert aber nichts. Fakt ist: Die Wettkampfkalender stehen Jahre im Voraus fest. Richtig ist, dass wir gemeinsam - Verbände und Gewerkschaft - den ersten Schritt machen müssen, um die Belastung zu reduzieren. Klar ist auch, dass GOAL mehr Mitglieder und Unterstützer braucht. Dafür werden wir in der Rückrunde weiter arbeiten.

Die DHB-Auswahl hat keine Führungsspieler.

Ich glaube, die Diskussion ist aus dem Fußball übernommen worden. Ich verneine das. Sicher, es gibt in dem jungen Team wenige Spieler, die öffentlichkeitswirksam mal einen raushauen. Aber Leute wie Oliver Roggisch, Michael Haaß oder Silvio Heinevetter übernehmen sehr wohl Verantwortung.

HSV-Hamburg-Coach Martin Schwalb wird der nächste Bundestrainer.

Ich glaube nicht, dass Martin Schwalb neben seinen Aufgaben als HSV-Geschäftsführer und Trainer noch Zeit dafür hat (lacht). Außerdem denke ich, dass die deutsche Nationalmannschaft unter Martin Heuberger in den kommenden Jahren noch einige Schritte machen wird.

Johannes Bitter wird nie wieder für die deutsche Handball-Nationalmannschaft spielen.

Das ist im Moment überhaupt nicht abzusehen. Zur Zeit ist es für mich einfach das Wichtigste, wieder richtig fit zu werden und in den Spielrhythmus zu finden. In der Liga möchte ich meine Leistung für den HSV nach und nach stabil bringen und die Belastung wegstecken können, ohne mich morgens aus dem Bett rollen zu müssen.

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Forum - Was erwarten Sie von den Handball-WM 2013?
insgesamt 202 Beiträge
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1.
Hawkeye 1 03.01.2013
Dem wird man leider zustimmen müssen; wenn sie mal nicht in der Vorrunde ausscheiden. Handball kommt als Nati nicht in die Gänge....
2. Das wird nichts
uli_san 03.01.2013
International stehen wir in etwa zwischen Platz 8 und 12, was aber nicht nur an den Spielern liegt. In den Vereinen treten unsere deutschen Spitzenspieler teilweise deutlich stärker auf als in der Nationalmannschaft. Was fehlt, ist ein Trainerteam mit modernen Ideen und Motivationsmitteln. Das ist alles zu hausbacken und konservativ. Heiner Brand in den letzten Jahren und auch sein Nachfolger kommen mir völlig einfallslos vor. Selbst eingefleischte Spezialisten schütteln immer häufiger den Kopf ob der Spiel- und Wechseltaktik. Freude haben wir Handballfans nur noch bei Spielen um die europäischen Vereins-Pokale.
3.
ObackoBarama 03.01.2013
ja ist es schon wieder Weihnachten...wie der Kaiser sagte, oder in dem Falle; ja, ist es schon wieder ein Handball-Turnier? Alle Jahre wieder, im Januar, gibt es ein großes Turnier im Handball, in einem Olympia-Jahr sogar zwei (EM + Olympiaturnier). 5 Wettbewerbe in 4 Jahren, braucht kein Mensch. In keiner anderen Sportart gibt es solche Inflation an großen Wettbwerben. Man blickt gar nicht durch...Wer war letztes Mal der Weltmeister, wer Europameister, wer Olympiasieger.. Bzw. man blickt es normalerweise nicht durch..Aber seit 4 Jahren weiß man es: Frankreich, hat alle Titel gewonnen je 2 x. Deutschland hat jedenfalls kein Chance auf eine Medaille und dieser Thread wird vielleicht im besten Falle, etwa 5 Seiten der Disskussionen erreichen können. Soviel Interesse gibt es.
4. Handball nervt!
doc 123 03.01.2013
Aus welchen Gründen auch immer, Handball nervt heutzutage nur noch, trotz WM-Titel 2007, wer erinnert sich da noch an einen einzigen Namen? Dagegen 1978... Deckarm, Freisler, Klühspies, Spengler, Wunderlich... ich erinnere mich an alle diese Namen, genau wie an die WM-Spieler im Fußball 1974 oder an nahezu alle deutschen Olympiasieger von München 1972. Schon irgendwie merkwürdig, dass man sich lieber an Namen von vor 30 bis 40 Jahren erinnert als an die Sportler der heutigen Zeiten.
5. schlechtere Aussichten
ray4912 03.01.2013
Zitat von ObackoBaramaja ist es schon wieder Weihnachten...wie der Kaiser sagte, oder in dem Falle; ja, ist es schon wieder ein Handball-Turnier? Alle Jahre wieder, im Januar, gibt es ein großes Turnier im Handball, in einem Olympia-Jahr sogar zwei (EM + Olympiaturnier). 5 Wettbewerbe in 4 Jahren, braucht kein Mensch. In keiner anderen Sportart gibt es solche Inflation an großen Wettbwerben. Man blickt gar nicht durch...Wer war letztes Mal der Weltmeister, wer Europameister, wer Olympiasieger.. Bzw. man blickt es normalerweise nicht durch..Aber seit 4 Jahren weiß man es: Frankreich, hat alle Titel gewonnen je 2 x. Deutschland hat jedenfalls kein Chance auf eine Medaille und dieser Thread wird vielleicht im besten Falle, etwa 5 Seiten der Disskussionen erreichen können. Soviel Interesse gibt es.
richtig, Obacko, die Franzosen sind die Spanier des Handballs;-) Und wir sind echt nicht nahe dran.
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ZUR PERSON
Johannes Bitter, Jahrgang 1982, lernte das Handballspielen ab 1989 bei der HSG Neuenburg/Bockhorn - auf dem Feld. Erst zwei Jahre später wechselte er ins Tor. Über Wilhelmshaven und Magdeburg landete er 2007 beim HSV Hamburg. Im selben Jahr wurde er mit der Nationalmannschaft Weltmeister. 2011 folgte der Rücktritt. Bitter ist zudem Vorstand der Spielergewerkschaft Goal.

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Handball-Nationalmannschaft: Der deutsche WM-Kader
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Handball-WM

Was schafft die deutsche Nationalmannschaft bei der Endrunde in Spanien?

DHB-Kader
Tor Silvio Heinevetter (Füchse Berlin), Carsten Lichtlein (TBV Lemgo)

Rückraum Mitte Michael Haaß (Frisch Auf Göppingen), Martin Strobel (TBV Lemgo)

Rückraum links Sven-Sören Christophersen (Füchse Berlin), Stefan Kneer (SC Magdeburg), Steffen Fäth (HSG Wetzlar)

Rückraum rechts Steffen Weinhold (SG Flensburg-Handewitt), Adrian Pfahl (VfL Gummersbach)

Linksaußen Dominik Klein (THW Kiel), Kevin Schmidt (HSG Wetzlar)

Rechtsaußen Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen), Tobias Reichmann (HSG Wetzlar)

Kreis Oliver Roggisch (Rhein-Neckar Löwen), Patrick Wiencek (THW Kiel), Christoph Theuerkauf (HBW Balingen-Weilstetten)

Die deutschen Gruppengegner
Brasilien
Die Handball-WM in Spanien ist für die junge brasilianische Mannschaft nur eine Durchgangsstation, das Ziel heißt Rio de Janeiro. Bei den Olympischen Spielen 2016 im eigenen Land wollen die Spieler mit ihrem spanischen Trainer Jordi Ribera für Furore sorgen. "Wir müssen den jungen Spielern die Chance auf internationale Erfahrungen einräumen - auch auf Kosten nicht so guter Ergebnisse", sagte Ribera vor dem Auftaktspiel gegen Deutschland. Bei den Panamerikanischen Spielen verlor die Mannschaft, die in Linksaußen Felipe Borges (Leon) und Rückraumspieler Thiagus Santos (Ciudad de Logrono) lediglich über zwei Legionäre verfügt, erst im Finale gegen Argentinien (21:22). - Bilanz gegen Deutschland: 7 Spiele, 7 Niederlagen. sid
Tunesien
Afrikameister Tunesien hat sich im Welthandball zu einer festen Größe entwickelt und nimmt in Spanien zum zehnten Mal in Folge an einer WM teil. Beste Platzierung war Platz vier bei der WM 2005 im eigenen Land. Nach dem Einzug ins Viertelfinale bei den Olympischen Spielen in London traten einige erfahrene Akteure zurück. Die Mannschaft des französischen Trainers Alain Portes befindet sich im Umbruch. Die Hoffnungen ruhen auf dem künftigen Kieler Rückraumspieler Wael Jallouz. - Bilanz gegen Deutschland: 9 Spiele, kein Sieg, ein Unentschieden, acht Niederlagen. sid
Montenegro
Einst im Handball kaum von Bedeutung, ist das Selbstvertrauen von Montenegro bei der WM groß. Nachdem das Team von Trainer Zoran Kastratovic in der Qualifikation im Sommer den späteren Olympiazweiten Schweden rausgeworfen hatte, landeten sie vor zwei Monaten den nächsten Coup: Der 31:27-Erfolg zum Auftakt der EM-Qualifikation gegen Deutschland markiert eine der schwärzesten Stunden der jüngeren deutschen Handball-Vergangenheit. "Wir haben der Welt gezeigt, dass auch Montenegro Handball spielen kann", sagte Kastratovic. Bei ihrer ersten WM-Teilnahme wollen die montenigrinischen Männer nun aus dem Schatten ihrer Landsfrauen treten, die im Dezember die EM gewannen und bei den Spielen von London Silber holten. - Bilanz gegen Deutschland: 3 Spiele, 1 Sieg, 2 Niederlagen. sid
Argentinien
Panamerikameister Argentinien will bei der Handball-WM an die starken Leistungen der letzten interkontinentalen Titelkämpfe anknüpfen. Vor zwei Jahren besiegten die Gauchos in der Vorrunde zunächst Gastgeber Schweden und zwangen die deutsche Mannschaft im Spiel um Platz elf danach zweimal sensationell in die Verlängerung. "Wir wollen das letzte WM-Ergebnis bestätigen und hoffen, die Gruppenphase zu überstehen", sagte Spielmacher Sebastian Simonet. Bei den Olympischen Spielen in London verpasste Argentinien das Viertelfinale knapp durch ein 23:25 im entscheidenden Spiel gegen Tunesien. Das Turnier beendeten die Südamerikaner auf dem zehnten Platz. - Bilanz gegen Deutschland: 2 Spiele, 2 Niederlagen. sid
Frankreich
Olympiasieger Frankreich kann bei der Handball-WM Geschichte schreiben und als erste Mannschaft überhaupt zum dritten Mal in Folge Weltmeister werden. "Wir sind niemals satt. Wir wissen, was wir schon gewonnen haben und was wir gewinnen können. Das stärkt das Selbstvertrauen", sagte Torhüter Thierry Omeyer vom deutschen Meister THW Kiel. Neben Omeyer zählen der Kieler Welthandballer Daniel Narcisse, Nikola Karabatic und Luc Abalo zu den Stars der Mannschaft von Trainer Claude Onesta. Allerdings sind auch die Franzosen nicht unschlagbar. Bei der EM 2012 in Serbien belegte Frankreich nur Platz elf. - Bilanz gegen Deutschland: 68 Spiele, 26 Siege, 7 Unentschieden, 35 Niederlagen. sid