Von Christian Paul
Johannes Bitter muss gleich wieder zur Reha. Zeit für ein kurzes Mittagessen in einem Restaurant im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel hat er dennoch. Bitter ist ein glücklicher Handball-Profi in diesen Tagen. Seit Mitte Dezember 2012 kann der 30-Jährige wieder im Tor des HSV Hamburg stehen, das im vergangenen März gerissene Kreuzband hält.
Bitter gilt als herausragender Torwart, 2007 wurde er Weltmeister im eigenen Land. 2011 erklärte er trotzdem seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Auch, weil er seiner Familie, die ihn "jahrelang unterstützt" hat, "etwas zurückgeben" wollte, wie er heute sagt. Er ist damit nicht der einzige Top-Spieler, der derzeit nicht für sein Land auflaufen will.
Die Nationalmannschaft hat Bitter trotzdem nie aus dem Blick verloren. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE nimmt er Stellung zu acht Thesen rund um die DHB-Auswahl. Unter anderem geht es um die Chancen bei der WM in Spanien, die Kritik an der Heuberger-Truppe - und sein mögliches Comeback.
Den WM-Start der deutschen Mannschaft am Samstag gegen Brasilien verfolgt Johannes Bitter auf der Couch, ganz entspannt.
Anschauen werde ich mir das Spiel auf jeden Fall. Aber entspannt? Ganz sicher nicht. Gegen Brasilien geht es um etwas, da werde ich angespannt auf der Couch sitzen. Da geht der Puls hoch, da fiebere ich mit.
Deutschland scheidet bei dem Turnier in Spanien schon in der Gruppenphase aus.
Glaube ich nicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir auf jeden Fall Brasilien, Argentinien und Tunesien schlagen. In der Gruppe sollte Platz zwei oder drei drin sein. Dafür haben wir das Potential. Das Viertelfinale zu erreichen, wird schwierig, ist für mich aber realistisch.
Nach der WM-Absage von Holger Glandorf hat Bundestrainer Martin Heuberger zu Recht das mangelnde Feuer für die Nationalmannschaft kritisiert.
Bei der ganzen Diskussion fehlt mir der Respekt vor der Person, vor Holger und seiner Entscheidung. Dass man enttäuscht ist, ihn nicht dabei zu haben, verstehe ich. Aber irgendwann muss es mal gut sein. Für die Nationalmannschaft zu spielen, ist für jeden Handballer das schönste. Aber irgendwann reagiert der Körper anders, die Spiele und die Reiserei gehen an die Substanz. Und wenn ein Spieler der Nationalmannschaft absagt, weil er es für sich entschieden hat, dann muss das respektiert werden.
Mehr als 90 Spiele pro Saison: Die Belastung für die Top-Handballer ist viel zu hoch.
Ja, eindeutig. Es wird ja gerne das Argument angeführt, dass auch Basketballer oder Eishockey-Profis so viel spielen. Aber die haben in der Regel viel kürzere Einsatzzeiten. Das, was ein Spitzenhandballer heute leisten muss, ist das höchste der Gefühle. Da ist eine absolute Grenze erreicht. Wettbewerbe wie die aufgeblähte Champions League oder die Qualifikationsspiele zur EM, WM und den Olympischen Spielen brauchen neue Modi.
Die Spielergewerkschaft GOAL mit ihren rund 100 Mitgliedern hat zu wenig Macht, um den engen Terminkalender zu entzerren.
Ich höre auch immer: Die reden nur, es passiert aber nichts. Fakt ist: Die Wettkampfkalender stehen Jahre im Voraus fest. Richtig ist, dass wir gemeinsam - Verbände und Gewerkschaft - den ersten Schritt machen müssen, um die Belastung zu reduzieren. Klar ist auch, dass GOAL mehr Mitglieder und Unterstützer braucht. Dafür werden wir in der Rückrunde weiter arbeiten.
Die DHB-Auswahl hat keine Führungsspieler.
Ich glaube, die Diskussion ist aus dem Fußball übernommen worden. Ich verneine das. Sicher, es gibt in dem jungen Team wenige Spieler, die öffentlichkeitswirksam mal einen raushauen. Aber Leute wie Oliver Roggisch, Michael Haaß oder Silvio Heinevetter übernehmen sehr wohl Verantwortung.
HSV-Hamburg-Coach Martin Schwalb wird der nächste Bundestrainer.
Ich glaube nicht, dass Martin Schwalb neben seinen Aufgaben als HSV-Geschäftsführer und Trainer noch Zeit dafür hat (lacht). Außerdem denke ich, dass die deutsche Nationalmannschaft unter Martin Heuberger in den kommenden Jahren noch einige Schritte machen wird.
Johannes Bitter wird nie wieder für die deutsche Handball-Nationalmannschaft spielen.
Das ist im Moment überhaupt nicht abzusehen. Zur Zeit ist es für mich einfach das Wichtigste, wieder richtig fit zu werden und in den Spielrhythmus zu finden. In der Liga möchte ich meine Leistung für den HSV nach und nach stabil bringen und die Belastung wegstecken können, ohne mich morgens aus dem Bett rollen zu müssen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Handball-WM 2013 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH