Von Manuel Solde
Brandon Roy war Publikumsliebling und Star der Portland Trail Blazers. Er diente seinen Teamkollegen als Mentor, mit Manieren so gut wie seine Arbeitseinstellung. Roy war der Traum eines jeden Trainers und Managers. Umso tragischer ist es, dass er seine Karriere nach gerade einmal fünf Jahren Mitte Dezember 2011 beenden musste.
"Als das Trainingslager anfing, hatte ich dieses knackende Geräusch im Knie. Irgendwas hat mich richtig geplagt, und ich dachte darüber nach, mich wieder einmal operieren zu lassen", sagte Roy. Die Diagnose des Arztes kam unvorbereitet und war ein Schock für den Shooting Guard: "Ich will ihm jetzt keine Wörter in den Mund legen, aber er meinte, dass es sich mit Basketball für mich erledigt hat. Allein das Wort zu sagen, ist hart: Karriereende."
Mit nur 27 Jahren musste Roy zurücktreten, weil seine Knie sich unter der Dauerbelastung des Profisports einfach auflösen. Anfangs wurde sein Karriereende kaum beachtet. Die Wechsel-Gerüchte um Dwight Howard und Chris Paul dominierten die Schlagzeilen. "Dass Brandon Roy aufhört, ist leider ziemlich untergegangen. Es ist traurig, weil er nicht mehr das tun kann, was er liebt", erkennt auch Doc Rivers, Coach der Boston Celtics: "Chris Paul, Dwight Howard und all die anderen Jungs werden auch weiterhin Basketball spielen."
"Die Stadt steht in seiner Schuld"
Vielleicht lag die mediale Nichtbeachtung auch daran, dass nach dem fröhlichen Ende des Lockouts schlechte Nachrichten unerwünscht waren. Zumal die NBA in Yao Ming und Shaquille O'Neal gerade erst zwei Superstars im großen medialen Stil verabschiedet hat. Vielleicht passte es einfach nicht zu dem Hype, den der verspätete Start der neuen Saison auslöste.
In Portland verehren sie Roy. "Seine Ankunft signalisierte die Wiedergeburt der Franchise nach dem chaotischen Ende der Jail-Blazers-Ära", sagt der Journalist und Statistik-Experte John Hollinger. Von Portlands Bürgermeister Sam Adams heißt es gar: "Die Stadt steht in seiner Schuld, weil er die Blazers bekehrt hat." Bevor der Guard 2006 zum Club kam, war das Team in den Vorjahren vor allem durch etliche Skandale (Drogen, Prügeleien im Training und sexuelle Übergriffe) aufgefallen.
Schon in seiner Debütsaison tritt Roy als Leader auf und überzeugt Trainer, Mitspieler und Fans mit Siegeswillen auf dem Feld und höflicher Bescheidenheit abseits davon. Dank durchschnittlich 16,8 Punkten, 4,4 Rebounds sowie vier Assists pro Spiel wird er zum Rookie des Jahres gewählt.
In der folgenden Saisons steigert er seine Leistung weiter, ist von 2008 bis 2010 Allstar. "Er hat einen hohen Basketball-IQ, versteht seine Größe und seine Geschwindigkeit einzusetzen", lobte Superstar Kobe Bryant von den Los Angeles Lakers 2009. "Er ist seiner Zeit voraus. Ich kenne neben ihm und mir selbst keinen anderen Spieler, der keine Schwächen hat."
Vom Star zum Rollenspieler
Doch nach dieser herausragenden Saison (22,6 Punkte, 5,1 Assists und 4,7 Rebounds pro Partie) geht es bergab. Schon seit dem College plagen Roy chronische Knie-Probleme und zwingen ihn zu ständiger Behandlung. Im April 2010, kurz vor den Playoffs, zieht er sich eine schwere Prellung und einen Meniskusanriss im rechten Knie zu. Er lässt sich operieren und steht nur acht Tage später wieder auf dem Parkett. Zu früh, wie sich herausstellt. Die Zeit zur Regeneration ist zu kurz, und die Gelenke bereiten ihm fortan konstant Problem. Unter der Belastung schwellen seine Knie an, und wenn er auf dem Feld steht, tut er es meist unter Schmerzen. In der Saison 2010/2011 lässt er sich erneut an beiden Knien operieren und verpasst insgesamt 35 Spiele. Wenn Roy aufläuft, kommt er meist von der Bank und spielt zehn Minuten weniger pro Partie als noch im Vorjahr.
Der einstige Star findet sich als Rollenspieler wieder. Roy beschwert sich über die Degradierung, fordert mehr Würfe und mehr Einsatzzeit zum Ende des Spiels.
Erstmals zeigen sich Risse in der makellosen Fassade seines Images als höflicher, selbstloser Teamspieler. Es wird kritisiert, da er seinen Frust an Mitspielern auslässt. Gerüchte über ein mögliches Karriereende machen die Runde. Dass er noch einmal an alte Leistungen anknüpfen kann, glauben nur die treuesten Fans.
Der letzte große Auftritt
Dann kommt der 23. April 2011 und mit ihm Spiel vier der Playoffserie zwischen den Dallas Mavericks und den Blazers.
Knapp drei Minuten sind im dritten Viertel noch zu spielen, die Gäste aus Dallas führen im Rose Garden von Portland komfortabel mit 23 Punkten. Alles deutet auf den vorentscheindenden dritten Sieg der "Mavs" in der Best-of-seven-Serie hin. Doch die Blazers legen eine Aufholjagd hin - angeführt von Roy. Der spielt auf, als hätte ihm jemand zwei neue Knie geschenkt. Er erzielt 18 seiner insgesamt 24 Punkte im Schlussviertel. Er zieht zum Korb, passt und reboundet wie früher. Beim Stand von 78:82 und einer Minute auf der Uhr sitzt in der Arena niemand mehr. Dann trifft Roy aus der Distanz und wird dabei sogar noch gefoult. Der Freiwurf sitzt, Ausgleich zum 82:82.
40 Sekunden vor Ende trifft der Shooting Guard per Floater zum 84:82-Endstand, gleicht die Serie zum 2:2 aus. Noch einmal hat sich Roy in das kollektive Gedächtnis der Basketball-Fans befördert. Es war der Brandon Roy, der offensiv nicht zu stoppen war und Verteidiger schlecht träumen ließ. Der Brandon Roy, der eigenhändig ein NBA-Team wiederbelebte. Der Brandon Roy, der nicht mit geschwollenen Knien übers Parkett humpelte und dessen Karriere vor dem Ende stand. Es sollte allerdings nur ein letztes Aufbäumen sein.
Langfristig kann der Geist nicht über den Körper siegen. "Es war ein ziemlich hartes Jahr. Ich habe einfach versucht, das Beste daraus zu machen. Ich habe für das Team alles gegeben, was ich hatte", sagt Roy nach dem Playoff-Aus gegen Dallas. Da ahnt er noch nicht, dass er sein letztes Spiel bestritten hat.
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