Sturms Box-Niederlage gegen Soliman "Für Felix ein Schock"

Es sollte das große Comeback werden, stattdessen gab's ein handfestes Debakel: Felix Sturm verlor seinen zweiten Kampf in Folge und steht nach dem Flop gegen Sam Soliman vor den Trümmern einer einst äußerst erfolgreichen Karriere. Einen Rücktritt vom Boxsport schließt der 34-Jährige aber aus.

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Von , Düsseldorf


Für das Nummerngirl, das vollkommen ungelenk, weil gleichzeitig am oberen und unteren Ende ihres Kleides zupfend, den Ring bestieg, hatte Felix Sturm keinen einzigen Blick übrig. Der 34-jährige gebürtige Leverkusener, der an diesem Abend in Düsseldorf gegen Sam Soliman boxte, lehnte rücklings am Boxpfosten und ließ seinen blutenden Cut, einen Einriss knapp unter dem linken Auge, von seinem Team behandeln. Erst kurz vor dem Ende der Ringpause der zehnten Runde sprach sein Trainer Fritz Sdunek zu ihm. Es dauerte ein paar Sekunden bis Sturm reagierte, dann allerdings entglitten ihm seine Gesichtszüge vollständig. Als er von Sdunek wieder in Richtung Ringmitte gedrängt wurde, um die letzten zwei Runden anzugehen, blickte sich Sturm selbst noch nach einigen Schritten entgeistert zu seinem Coach um.

"Ich habe Felix in dieser Ringpause gesagt, dass es für uns nach Punkten aber mal richtig beschissen aussieht", sagte Sdunek, einer der weltweit erfolgreichsten Boxtrainer. "Für Felix war das ein Schock." Sturm, der abgeklärte, routinierte Ex-Weltmeister schien sich zu diesem Zeitpunkt sehr sicher zu sein, dass die Dominanz, die er in den beiden ersten Kampfrunden ausstrahlte, ausreichen würde, um den 39-jährigen Soliman zu schlagen.

In der zweiten Runde ging Soliman zu Boden

Denn gerade zu Beginn des Fights zeigte Sturm all dies, wofür er einst im internationalen Boxen so gefürchtet wurde: intelligente Konter mit der rechten Geraden, gepaart mit einer gut geschulten Kampfübersicht. So konnte er Solimans teilweise wildem Einprügeln gekonnt ausweichen. Zudem landete Sturm besonders in der zweiten Runde zwei brachiale Treffer, von denen einer seinen Kontrahenten sogar zu Boden schickte.

Doch statt aggressiv nachzusetzen, um den Ausscheidungskampf zu beenden und somit erneut die Chance auf einen Fight um einen Weltmeistergürtel zu erhalten, ließ Sturm nun fast vollständig von seinem Gegner ab. Vielmehr konzentrierte sich der 1,81-Meter-Mann von nun an auf seine Deckung und das Ausweichen vor Solimans Schlägen. Der Australier brauchte zwei weitere Runden, um sich von Sturms Auftakt zu erholen, kam dann aber noch aggressiver und extrem häufig schlagend zurück. Dabei war ihm fast jedes Mittel recht, um Sturm Schmerzen zuzufügen. Soliman traf nicht nur mit den Fäusten, sondern auch mit dem Kopf und den Ellenbogen. "Ich bin kein dreckiger Boxer", sagte er nach dem Kampf lachend. Sturm schaute währenddessen mit gesenktem Kopf zum Boden.

Wertet man die tatsächlichen Schlagtreffer und nicht die abgegebenen Schläge aus, liegt Sturm in der Endabrechnung wohl tatsächlich vor Soliman. Dessen Angriffe waren zwar zahlreich, verpufften aber zu häufig in Sturms Deckung. "Die Niederlage ist nicht gerecht. Aber ich kann den Ringrichtern nicht in den Kopf gucken", sagte Sturm.

Wo war der Wille, sich zurück an die Weltspitze zu boxen?

Das stimmt zwar, erklärt seine Niederlage aber sehr unzureichend. Vielmehr wollte Soliman den Sieg augenscheinlich deutlich mehr als Sturm, er investierte mehr Kraft und Dynamik in den Kampf. "Ich musste gewinnen, weil ich dadurch meinen Sohn auf eine sehr gute Privatschule schicken kann. Die kostet aber auch einiges", sagte Soliman. Der unerbittliche Einsatz des Australiers schien für die Ringrichter eine höhere Wertigkeit gehabt zu haben als die reine Trefferbilanz.

Sturm wird sich aber in den kommenden Wochen, während der er "komplett im Urlaub abschalten will", fragen müssen, warum er im Laufe des Kampfes so extrem nachgelassen hat. Wo war der Wille, sich zurück in die Weltspitze zu boxen, aus der er nach seiner Weltmeisterschaftsniederlage gegen Daniel Geale herausgefallen war?

Sturm, der seit 2010 seine eigene Promotionfirma betreibt und in dieser auch das einzige echte Zugpferd ist, steht nun vor einem wegweisenden Schritt: Hat er überhaupt noch die Kraft, um im Profiboxen einen weiteren Neubeginn zu starten? Hat er noch die sportliche Qualität, um den Einsatz von deutlich hungrigereren Boxern zu bezwingen?

"Ich habe noch fünf gute Jahre vor mir", sagt Sturm. Einen Rücktritt vom aktiven Sport schließt er derzeit aus. Stattdessen überlegt Sturm, ob er demnächst nicht vielleicht eine Gewichtsklasse höher, im Supermittelgewicht, antreten soll. "Die Power und den Körper dafür habe ich."

Gezeigt hat er davon in Düsseldorf allerdings nichts. Der Kampfabend, der unter dem Motto "Hard way back" stand, entpuppte sich vielmehr als gewaltiger Rückschritt in Sturms Karriereplanung. Sein TV-Vertrag mit Sat.1 läuft noch bis 2014, mindestens zwei Kämpfe sollten ihm noch im Fernsehen zustehen. Ob er in der Zeit eine Möglichkeit zu einem erneuten Titelkampf bekommt, ist hingegen äußerst unwahrscheinlich. Und mittelmäßiges Boxen ist für die Geldbringer der privaten TV-Anstalten einer der unprofitabelsten Geschäftsbereiche. Ohne das TV-Geld würde Sturms Promotionfirma allerdings jegliche Lebensgrundlage entrissen werden.



insgesamt 22 Beiträge
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mat_1972 02.02.2013
1. optional
Ein klein weng OT aber: Ich finde es immer wieder lustig welche "Experten" SAT1 immer wieder als Kommentatoren auffährt: Ich weiss nicht welchen Kampf der da gesehen hat, aber die Kommentare und Beobachtungen von dem Kollegen waren unterirdisch und zeugten von unfassbarer Inkompetenz gepaart mit Ignoranz. Zudem wurde der Zuschauer wie immer um die spannenden Ringpausentaktikbesprechungen durch ständige Werbung gebracht.
audumbla 02.02.2013
2. So klappt es niemals!
Wenn er so inaktiv boxt, das ist eines Meisters nicht würdig. Ihm fehlt total die Leichtigkeit und die Aggressivität.
husker 02.02.2013
3.
Felix Sturm war überheblich und satt. Er hätte Soliman weiter unter Druck setzen müssen, stattdessen dachte er, er gewinnt im vorbeigehen. Selber schuld.
mickymesser 02.02.2013
4. Sturm
wird völlig überschätzt, Nach einigen "geschenkten Siegen" und einer langweiligen Vorstellung gegen Soliman, wundert es nicht das Sturm vor dem Abstieg steht.
miamibass 02.02.2013
5.
...der Sat.1 Zuschauer sahen Felix Sturm vorne?? Da hab ich mich gefragt, was die für einen Kampf gesehen haben. Schade, aber da hat letztendlich der richtige kampfgeist gefehlt. zu glauben, man kann sich auf zwei gewonnen runden ausruhen und so dann den Kampf machen ist schon heftig.
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