Fabel-Weltrekord über 100 Meter Bolt deklassiert alle Konkurrenten

Es sollte ein Duell werden, doch Usain Bolt lief Tyson Gay einfach davon. Nach unglaublichen 9,58 Sekunden querte der Jamaikaner die Ziellinie - Konkurrenz und Publikum konnten nur staunen.


Usain Bolt? Wer was das noch mal? Usain Bolt, von IOC-Präsident Jacques Rogge zu einer "Ikone" des modernen olympischen Sports ernannt, huschte am Sonntagabend fast unbemerkt in das Olympiastadion. Nur wenige tausend Menschen, vor allem die in der Westkurve, nah an den Startblöcken der Sprinter, nahmen in diesen Minuten Notiz von Bolt und Kollegen. Um 21.35 Uhr war das Finale über 100 Meter angesetzt, das zum Höhepunkt dieser Weltmeisterschaften werden sollte. So hatten es die WM-Organisatoren geplant, so wollte es auch Lamine Diack, der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF). Doch Bolt musste sich noch gedulden, ehe sie ihn von der Leine ließen.

Weltrekordler Bolt: Man soll sich hüten vor vorschnellen Urteilen
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Weltrekordler Bolt: Man soll sich hüten vor vorschnellen Urteilen

Das Finale verspätete sich, weil einige Randsportler die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zogen und für die bislang stimmungsvollsten Minuten der Weltmeisterschaft sorgten. In den Hauptrollen auch zwei deutsche Frauen, die sich noch lange an diese Momente erinnern werden: Kugelstoßerin Nadine Kleinert und Siebenkämpferin Jennifer Oeser, die beide überraschend Silber gewannen und die Menschen in der Arena zu Standing Ovations herausforderten. Vielleicht werden sie mal ihren Enkeln davon erzählen, wie sie einst Usain Bolt, den großen Bolt, den Wundermenschen, den Fabel-Weltrekordler, den Spieler, diese Ikone des Zweifels, für kurze Zeit zu einem Nebendarsteller degradierten. Für exakt acht Minuten.

Dann war die Rangordnung wiederhergestellt. Im Olympiastadion. In der Leichtathletik-Welt und überhaupt. Usain Bolt ist und bleibt der schnellste Mensch des Planeten. Er ist und bleibt ein kaum zu erklärendes Wunder. Er begeistert. Er polarisiert mit seinen Mätzchen. Er rennt einfach mal 9,58 Sekunden.

Vor einem Jahr sorgte er bei den Olympischen Sommerspielen in Peking für das Jogging-Gate, als er mit offenen Schnürsenkeln nach 70 Metern schier abbremste, schon feierte, sich martialisch auf die Brust klopfte, geradezu lässig ins Ziel joggte - und den Weltrekord dennoch pulverisierte. Auf 9,69 Sekunden.

Diesmal, um 21.43 Uhr am Sonntagabend, schien es fast so, als habe sich Usain Bolt echt Mühe gegeben, als sei er 100 Meter durchgesprintet. Man weiß es ja nie genau bei Außerirdischen. Man sollte sich hüten vor vorschnellen Urteilen. Man kennt derzeit nur drei Ziffern und versucht sie zu deuten:

Neun. Fünf. Acht.

Was soll das heißen?

Darüber wird noch zu reden sein in den Tagen von Berlin. Wer dabei war, schüttelt noch den Kopf und reibt sich die Augen.

Diese Vorführung hatte, bei allem Tamtam und allen Show-Acts, mit dem Bolt die einen reizt und die anderen begeistert, beinahe etwas Dämonisches. Ja, solche Vokabeln sind angebracht. Es ist keine Sünde, auf derlei Ereignisse mit mystischen Anspielungen zu antworten. Vorerst.

100-Meter-Weltrekorde

ZEIT NAME JAHR ORT
10,60 Donald Lippincott/USA 1912 Stockholm
10,20 Jesse Owens/USA 1936 Chicago
10,00 Armin Hary/Deutschland 1960 Zürich
9,95 James Hines/USA 1968 Sacramento
9,92 Carl Lewis/USA 1988 Seoul
9,86 Carl Lewis/USA 1991 Tokio
9,84 Donovan Bailey/Kanada 1996 Atlanta
9,79 Maurice Greene/USA 1999 Athen
9,77 Asafa Powell/Jamaika 2005 Athen
9,74 Asafa Powell/Jamaika 2007 Rieti
9,72 Usain Bolt/Jamaika 2008 New York
9,69 Usain Bolt/Jamaika 2008 Peking
9,58 Usain Bolt/Jamaika 2009 Berlin
Dass sich Bolt nach zwei Schauspieleinlagen in den Vorläufen am Sonnabend, aus denen nicht viel herauszulesen war, in einer unglaublichen Verfassung befand, war zum ersten Mal im Halbfinale am Sonntag um 19.11 Uhr zu besichtigen. Da lief, nein tänzelte er 9,89 Sekunden. Und es war nicht nur Ato Boldon aus Trinidad, der ehemalige Weltklassesprinter, der beim TV-Sender NBC kommentierte, dass der Weltrekord zweieinhalb Stunden später fallen könnte.

Im Vergleich zu Peking, als diese 9,69-Demonstration noch eine Stunde im Stadion nachhallte, gleichsam das Denken und Fühlen der Menschen dominierte und manchen zum Weinen brachte; war diese 9,58-Vorführung weniger bombastisch, weniger schockierend. Man hatte ja ein Jahr Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass dieser Kerl aus Jamaika erst anfängt, die Welt zu verblüffen. Oder sollte man sagen: Dass er erst angefangen hat, das Publikum zum Narren zu halten?

Man weiß es nicht. Niemand kennt derzeit eine Antwort. Präzise betrachtet sind in den vergangenen Tagen ganze Bücher geschrieben worden über Usain Bolt. Kaum ein Athlet hat je eine solche Aufmerksamkeit erlangt. Wer zählt die Zeilen, wer die Fotos, wer die Sendeminuten? Und dennoch: Ist jetzt jemand schlauer als vor wenigen Tagen? Weiß jemand besser Bescheid über die Geheimnisse seiner Trainingsgruppe? Wohl kaum, obgleich seit Peking Hundertschaften von Journalisten in Jamaika einfielen, ist nicht viel mehr bekannt. Nicht viel mehr, als nicht schon vor einem Jahr pro und contra Bolt als Argument verwendet wurde.

Es war, im Weltmaßstab betrachtet, wohl schon der Höhepunkt dieser Titelkämpfe. Die anderen WM-Teilnehmer sollten sich dadurch aber nicht deprimieren lassen. Die WM findet weiter statt, jeder kann seinen Spaß und seinen persönlichen Erfolg haben, auch die Deutschen. Diskutiert werden wird aber weiter vor allem über Bolt und seine Glaubwürdigkeit. Über das, was alle sehen, keiner erklären kann und manche auch gar nicht erklären möchten.

Festzuhalten ist vorerst auch, dass das Versprechen der Organisatoren, Usain Bolt würde ein Duell mit Titelverteidiger Tyson Gay austragen, eine kleine Lüge gewesen ist. So merkwürdig das für den Amerikaner Gay auch klingen mag, der in 9,71 Sekunden so schnell war wie außer Bolt kein anderer: Es war kein echtes Duell. Bolt läuft in einer anderen Liga. Und es sah nicht so aus, es sah gar nicht so aus, als sollte er nicht jederzeit schneller sein können. Asafa Powell, Bolts Landsmann, der bis zum August 2008 mehrfach Weltrekord gerannt war, wurde in 9,84 Sekunden übrigens Dritter.

Aber mal ehrlich: Hat darauf jemand geachtet?



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