Fabelrekord bei Olympia Deutscher Läufer wirft Spitzensprinter Bolt "Riesenverarschung" vor

Scharfe Kritik vor dem 200-Meter-Finale am Nachmittag in Peking: Der deutsche Leichtathlet Tobias Unger zieht die Leistung des Jamaikaners Usain Bolt in Zweifel. Der Weltrekordler werde viel zu lasch auf Doping kontrolliert: "Ich habe langsam keine Lust mehr."


Hamburg - Die Vorwürfe sind hart. Und sie sind nicht belegt. Doch Tobias Unger spricht aus, was viele Betrachter seit dem 100-Meter-Finale in Peking am vergangenen Samstag über den Sieger Usain Bolt denken.

Was steckt dahinter, wenn ein 21-Jähriger, der vor einem Jahr noch eine Bestleistung von 10,03 Sekunden über 100 Meter aufweisen konnte, jetzt nur 9,69 Sekunden für dieselbe Distanz benötigt? Und dabei sogar kurz vor Schluss Geschwindigkeit rausnimmt?

Für Unger ist klar: In der Weltspitze des Sprints geht es nicht mit rechten Dingen zu.

Sprinter Unger: "Ich habe langsam keine Lust mehr"
DPA

Sprinter Unger: "Ich habe langsam keine Lust mehr"

"Bolt läuft im Mai 9,80 Sekunden und Ende September auch. Er zeigt keine Schwächen nach langen Reisen, keine Müdigkeit durchs Training", sagt der deutsche Sprinter in einem Interview mit "Sport-Bild". "Im Zwischenlauf hat sich Bolt nicht mal warmgelaufen. Der kam in Badehose und Joggingschuhen, hat eine Steigerung und einen Start gemacht, seine Spikes angezogen und ist dann die 100 Meter in 9,92 Sekunden gejoggt. Für mich ist das eine Riesenverarschung."

Unger, 29, hatte mit 10,36 Sekunden den Sprung ins olympische Halbfinale verpasst. Er kritisiert die laschen Dopingkontrollen in Bolts Heimatland Jamaika: "Die springen auf ihrer Insel rum, wie sie wollen, denen passiert nichts. Ich muss mich allein hier bei Olympia an- und abmelden, für den Fall, dass wir eine Dopingkontrolle haben." Bolt wisse nicht mal, wie man so einen Bogen ausfüllt. "Ich habe langsam keine Lust mehr."

Leichtathletik-Bundestrainer Jürgen Mallow kritisiert im "Stern" das gleiche Problem: "Von Chancengleichheit kann keine Rede sein, wenn allein die Kugelstoßerin Nadine Kleinert 29-mal seit Januar kontrolliert wurde und ganz Jamaika nur sechsmal."

Es ist das erste Mal während dieser Olympische Spiele, dass Konkurrenten so offen Zweifel an den unglaublichen Leistungen der Jamaikaner äußern. Nach Bolts Sieg hatten sie auch durch ihren Dreifach-Triumph bei den 100 Metern der Frauen Aufsehen erregt.

Der Mexikaner Angel Heredia, Kronzeuge im Balco-Prozess, hatte im SPIEGEL-Interview die Glaubwürdigkeit der gesamten Sprintszene stark bezweifelt. Im olympischen 100-Meter-Finale stehe sicher kein einziger sauberer Athlet am Start: "Es ist ohne jeden Zweifel so. Der Unterschied zwischen 10,0 und 9,7 Sekunden sind die Drogen."

Trotz aller Zweifel an Bolts Leistung: Dass er an diesem Mittwochabend (16.20 Uhr MESZ) auch im 200-Meter-Finale triumphiert, gilt als sicher. Der Jamaikaner scheint übermächtig, bei seinem Weltrekord war er in der Spitze 43,9 Kilometer pro Stunde schnell - ein bisher unerreichter Wert auf 100 Metern. Dabei hatte er sich mit seinem Trainer erst wenige Wochen vor den Olympischen Spielen entschieden, auf dieser Strecke anzutreten. Denn er favorisiert die 200 Meter.

Auch hier demonstrierte er schon im Halbfinale, dass es für ihn im Sprint momentan keine ernsthaften Konkurrenten gibt. Mit spielerischer Leichtigkeit lief Bolt die 200 Meter in 20,09 Sekunden. Der Kreis jener, die Bolt gefährden könnten, ist überschaubar: In den Halbfinals kristallisierten sich Shawn Crawford aus den USA (20,12) und Churandy Martina von den Niederländischen Antillen (20,11) heraus. Gelingt Bolt nun auch noch der Sieg über seine Lieblingsdistanz, ist er der erste Athlet seit Carl Lewis 1984 in Los Angeles, der beide Sprintstrecken für sich entscheiden kann.

Auf dem Spiel steht auch der zwölf Jahre alte Weltrekord von Michael Johnson (19,32). Ob Bolt (Jahresbestzeit: 19,74) die Bestmarke tatsächlich knacken kann, dazu sagte der Jamaikaner nur: "Ich werde alles geben und hoffen, dass das Beste dabei herauskommt."

Von Kritikern wie Unger wird sich Bolt wohl nicht aus der Ruhe bringen lassen - Diskussionen über seine Leistungen ist er ja gewohnt.

fpf/wie/sid/dpa/reuters

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Seite 1
tokhan 20.08.2008
1.
Zitat von sysopDer Jamaikaner usain Bolt läuft bei Olympia die Konkurrenz scheinbar ohne jede Anstrengung in Grund und Boden. Über die Sprintstrecken scheint er unschlagbar - doch seine Leistungsexplosion weckt viele Zweifel. Kann man solche Zeiten laufen, ohne gedopt zu sein?
Was soll das? Der Titel impliziert doch schon die Vermutung der wäre gedopt. Schonmal was von der Unschuldsvermutung gehört? Was soll denn der Müll?
Brettschneider 20.08.2008
2.
Wie sauber Usain Bolt ist? Sollte er das denn sein? Oder sollte er das 100m Finale gewinnen?
oasis, 20.08.2008
3.
Zitat von sysopDer Jamaikaner usain Bolt läuft bei Olympia die Konkurrenz scheinbar ohne jede Anstrengung in Grund und Boden. Über die Sprintstrecken scheint er unschlagbar - doch seine Leistungsexplosion weckt viele Zweifel. Kann man solche Zeiten laufen, ohne gedopt zu sein?
Ist der Dopingtest noch nicht durch? Und, sollte er negativ ausfallen... Kann man solche Leistungen nicht schätzen, nur weil es sich um einen angeblichen Außenseiter handelte?
Mike_D 20.08.2008
4.
Zitat von sysopDer Jamaikaner usain Bolt läuft bei Olympia die Konkurrenz scheinbar ohne jede Anstrengung in Grund und Boden. Über die Sprintstrecken scheint er unschlagbar - doch seine Leistungsexplosion weckt viele Zweifel. Kann man solche Zeiten laufen, ohne gedopt zu sein?
Ungefähr so sauber wie die Windeln eines zweimonatigen Kindes nach einem Tag...
Umberto, 20.08.2008
5.
Zitat von sysopDer Jamaikaner usain Bolt läuft bei Olympia die Konkurrenz scheinbar ohne jede Anstrengung in Grund und Boden. Über die Sprintstrecken scheint er unschlagbar - doch seine Leistungsexplosion weckt viele Zweifel. Kann man solche Zeiten laufen, ohne gedopt zu sein?
Dazu fällt mir doch gleich der vom SPIEGEL interviewte Experte Angel Heredia ein, der doch deutliche Worte gefunden hat, u.a. zu den 100 m Läufern. [Zitat] *Heredia:* .... Aber einen sauberen Olympiasieger werden wir nicht erleben. Nicht mal einen sauberen Teilnehmer. *SPIEGEL:* Von acht Läufern ... *Heredia:* ... werden acht gedopt sein. *SPIEGEL:* Beweisen kann man das nicht. *Heredia:* Es ist ohne jeden Zweifel so. Der Unterschied zwischen 10,0 und 9,7 Sekunden sind die Drogen. [/Zitat] Mehr gibt's dazu nicht zu sagen.
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