Olympiasieger Hambüchen Goldener Abgang

Vom "Turnfloh" zum Goldmedaillengewinner: Fabian Hambüchen hat eine der beeindruckendsten deutschen Sportkarrieren des vergangenen Jahrzehnts hingelegt. In Rio gelang ihm nun der krönende Abschluss.

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Aus Rio de Janeiro berichtet


Quälend langsam vergingen die Sekunden. Eine. Zwei. Drei. Dann bewegte sich Epke Zonderland endlich. Der Niederländer war bei seiner Übung fast ungebremst in die Matte unter dem Reck gekracht. Das Publikum hatte den Atem angehalten. Als der Sieger von London 2012 langsam wieder aufstand, war die Erleichterung fast greifbar.

Fabian Hambüchen hatte den schlimmen Sturz des Konkurrenten aus nächster Nähe mit angesehen. "Ich habe ihn gefragt, wie es ihm geht", sagte Hambüchen später, "ich bin der Letzte, der sich darüber freut." Der 28-Jährige hatte eine Plastikflasche in der rechten Hand, die linke ruhte auf seiner Brust. Genauer gesagt: Auf der Goldmedaille, die er im letzten großen Wettkampf seiner Karriere errungen hatte. Vor vier Jahren in London hatte Zonderland ihm den Triumph noch weggeschnappt.

"Überragend" sei es, dass es nun doch noch mit Gold geklappt hat, sagte Hambüchen: "Damit habe ich nicht gerechnet, ich bin überglücklich." Es ist erst ein halbes Jahr her, da hätte sich Hambüchen nicht getraut, von Gold auch nur zu träumen. Seine Karriere stand auf dem Spiel. Seit mehr als vier Jahren ist eine Sehne in Hambüchens Schulter gerissen, im Frühjahr entzündete sich die Verletzung. An Training sei nicht zu denken gewesen, sagte Hambüchen im Juli dem SPIEGEL, es folgte die schlimmste Zeit seiner Karriere, das letzte große Ziel geriet in Gefahr: "Ich wusste nicht: Haut das noch hin mit Rio? Oder ist das jetzt mein Karriereende? Beende ich meine Laufbahn heimlich durch die Hintertür?"

Das wäre bitter gewesen für einen der populärsten deutschen Sportler des vergangenen Jahrzehnts.

Plötzlich ein Publikumsliebling

2004 war er als 16-Jähriger in Athen gestartet. Kaum jemand kannte das 1,63 Meter große Kraftpaket mit dem Kindergesicht aus Blasbach, einem kleinen Ort bei Wetzlar, und niemand erwartete etwas von ihm. Doch dann bot er den Weltklasseturnern aus Japan und den USA Paroli, schrammte beim Reck-Finale an Bronze vorbei, wurde Siebter und begeisterte das Publikum zu Hause an den Bildschirmen mit seiner Unbeschwertheit. 9,46 Millionen verfolgten in Deutschland Hambüchens Endkampf, den er mit Brille turnte, weil ihm seine Kontaktlinsen kaputt gegangen waren. Plötzlich war er "Harry Potter" und der "Turnfloh".

Schon ohne Medaillen hatte sich Hambüchen in die Herzen der Deutschen geturnt, ihn nicht zu mögen war schwer. Zu forsch, um langweilig zu sein, zu jung, um schon Allüren entwickelt zu haben, dazu galt der Turnsport nicht als generell dopingverseucht. Hambüchen machte Homestorys, teilte sein Privatleben mit der Öffentlichkeit, mit 22 Jahren schrieb er seine Autobiografie, später machte er bei Stefan Raabs Promi-Turmspringen mit und saß bei Günter Jauch auf dem Quiz-Stuhl. Trotzdem musste man sich bei Hambüchen selten fremdschämen, man merkte, dass er die volle Kontrolle über sein Leben hatte. Er machte solche Dinge nicht aus Verzweiflung, sondern weil es ihm Spaß machte. Und trotzdem blieb die Nummer eins immer der Sport, er sammelte Medaillen, wurde Welt- und Europameister, nur der Olympiasieg, der fehlte noch.

Die Erfüllung eines Kindheitstraums

"Ich habe immer gesagt, dass das seit meiner Kindheit mein großer Traum war", sagte Hambüchen nach seinem Sieg in Rio. Nach seiner Verletzung sei er schon über den Finaleinzug "super happy" gewesen: "Dann habe ich die Startliste gesehen, und mir war klar, dass hier eine Medaille möglich ist." Die größten Konkurrenten waren Zonderland und der Amerikaner Danell Leyva. Hambüchen war als Erster an der Reihe, dann Zonderland, Leyva kam als Letzter.

Hambüchen ging ans Gerät, kontrollierte noch mal die Tapeverbände an seinen Händen, noch ein Griff in die Schüssel mit dem Talkumpuder, ein Schluck Wasser, dann hob ihn Vater Wolfgang ans Reck. Zum dritten Mal in Rio turnte der Deutsche die gleiche Übung mit einem Schwierigkeitswert von 7.300. Es klappte alles, "fehlerfrei" nannte sie Hambüchen später und "grandios", nur bei der Landung musste er leicht den Stand korrigieren. Er bekam sehr gute Ausführungsnoten und insgesamt 15.766 Punkte.

Im Hause Hambüchen gilt die Regel, dass nur geturnt wird, was das Vater-Sohn-Gespann Fabian und Wolfgang als sicher erachtet. Den Trend der immer riskanteren Übungen wollen beide nicht mitgehen. Auch nicht im Finale, auch nicht für die letzte Chance auf Olympiagold. Kurz darüber nachgedacht habe er allerdings, die Übung doch noch zu ändern, sagte Hambüchen. "Epke hätte mit einer 7,7 ankommen können."

Doch der Niederländer turnte eine Schwierigkeit von 6.900, beim Kovacs-Salto glitt er von der Reckstange ab und schlug hart auf. Zur Verwunderung Hambüchens ging Zonderland nach einem Augenblick wieder ans Gerät und turnte zu Ende. Er selbst sei nach einem ähnlichen Sturz vor einigen Jahre aus dem Wettkampf ausgestiegen. "Krass, dass er so weitergeturnt hat", sagte Hambüchen über den Konkurrenten, auf dessen Stirn eine Schramme prangte, der aber ansonsten unversehrt geblieben war. Zonderland bekam 14.033 Punkte und war damit raus aus dem Medaillenkampf.

Das Warten war "die Hölle"

Hambüchen musste trotzdem bis zum Schluss zittern. "Das war brutal, da geht man durch die Hölle. Man muss sieben Leute abwarten, und jeder hat die Chance, mit einer perfekten Übung ganz knapp an dir vorbei zu gehen", beschrieb er die Wartezeit, während der er auf und ab tigerte und immer wieder mit seinem Vater die Chancen abschätzte. Würde es diesmal für Gold reichen? Oder doch wieder nur für Bronze wie 2008 oder für Silber wie 2012?

Als letzter Turner ging Leyva ans Reck. "Der und Epke waren die Einzigen, die Fabian von der Ausgangswertung hätten toppen können", sagte Wolfgang Hambüchen. Leyva turnte aber den gleichen Schwierigkeitsgrad (7.300) wie der Deutsche und bekam schlechtere Ausführungspunkte (8.200), weil er einige Drehungen nicht so auf den Punkt turnte wie Hambüchen. Die Hambüchens hatten das erkannt, trauten sich aber erst zu jubeln, als die Wertung auf dem Videowürfel in der Olympic Arena aufleuchtete. Dann stieß der Sohn einen Jubelschrei aus, ehe er seinem Vater in die Arme fiel.

Vielleicht werde er noch bis Ende des Jahres in der Bundesliga turnen und ansonsten weiterstudieren, sagte Hambüchen zu seinen Plänen. Er brauche nun erst mal ein paar Tage, um das Geschehene zu verarbeiten. "Dann überlege ich, was ich in Zukunft mache. Ich bin gespannt."



insgesamt 10 Beiträge
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HH-Hamburger-HH 17.08.2016
1. Einen ganz herzlichen Glückwunsch ...
... an einen der besten und sympathischsten Sportler, den Deutschland in den letzten Jahren hatte. Überhaupt hat Olympia einmal wieder gezeigt, was für eine attraktive und anspruchsvolle Sportart das Turnen ist.
karend 17.08.2016
2. Glückwunsch
Dass Fabian Hambüchen die Goldmedaille gewann, freut mich sehr. Glückwunsch und weiterhin alles Gute!
lüdi 17.08.2016
3. Herzlichen Glückwunsch...
an Fabian Hambüchen für diese großartige Leistung und die Krönung seiner Karriere. Ich erinnere mich gut an seine erste Olympiateilnahme in Athen und damals hat man ihm eine grosse Zukunft im Turnsport vorausgesagt. Wie wahr....
troy_mcclure 17.08.2016
4. Glückwunsch
Ein fantastischer Auftritt, nicht nur von Hambüchen, sondern auch von den Anderen. Der Umgang der Sportler miteinander, die Atmosphäre etc. haben dazu beigetragen, dass ich mir diese Übertragung komplett angesehen habe.
dherr 17.08.2016
5. Super
Glückwunsch!!! Aber bitte, geht nicht ums Turnen, nur allgemein: NIE WIEDER Olympia in Brasilien. Noch nie ein so uninteressiertes und unfaires Publikum erlebt!
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