Vor der WM Hambüchen wettert über Turnverband

Drei Wochen vor den Weltmeisterschaften rechnet Fabian Hambüchen mit dem Deutschen Turnerbund ab. Bei den Meisterschaften in Gießen hätten die VIPs "Raum ohne Ende" gehabt, die Sportler seien dagegen "aufeinandergepfercht" worden.

Hambüchen: "Nicht mal Wasser oder ein bisschen Obst"
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Hambüchen: "Nicht mal Wasser oder ein bisschen Obst"


Fabian Hambüchen hat den Deutschen Turnerbund scharf kritisiert. Drei Tage vor der zweiten WM-Qualifikation in Stuttgart forderte er ein Aufbrechen der verkrusteten Strukturen im deutschen Spitzensport und sprach von Boykott. "Eigentlich müssten wir Turner uns mal hinstellen und sagen 'bis hierher und nicht weiter'. Und wenn sich nichts ändert, müssten wir einen großen Wettkampf wie die deutsche Meisterschaft einfach mal boykottieren", sagte er den "Stuttgarter Nachrichten".

Hambüchen prangerte unter anderem die Situation der Athleten bei den Meisterschaften in Gießen an. "Die Bedingungen waren für uns Sportler nicht optimal", kritisierte der Turner: "Für die VIPs wurde Raum ohne Ende geschaffen, und wir Turner hatten kaum noch Platz in der Halle. In den Pausen sind wir aufeinandergepfercht zusammengesessen, und uns wurde noch nicht mal Wasser oder ein bisschen Obst zur Verfügung gestellt."

Man dürfe sich "nicht wundern, wenn wie bei uns zurzeit im Turnen seit Jahren kaum noch hoffnungsvolle Talente nachkommen und wir Alten immer die Kohlen aus dem Feuer holen müssen", sagte der Ex-Weltmeister, der nach dem Gewinn von bisher 38 Meistertiteln am Samstag als Favorit in die zweite Qualifikation für die WM in Glasgow Ende Oktober geht. Trainerjobs seien "oft so miserabel bezahlt, dass sich kaum mehr geeignete Übungsleiter finden".

Daher müsse man den Trainerjob finanziell attraktiver machen. "Es bringt doch nichts, immer nur schöne neue Turnhallen hinzustellen und nur in Steine zu investieren. Das Hauptaugenmerk muss auf der Nachwuchsförderung und damit auch auf den Trainern für den Nachwuchs liegen. Die schönste Halle bringt nichts, wenn dort kein gescheites Training stattfindet", argumentierte Hambüchen.

Seine Kritik richte sich nicht gegen einzelne Personen, sagte der 27-Jährige. "Es sind generell die alten verkrusteten Strukturen und Denkmuster, die dringend weg müssen - und das betrifft oft nicht nur den DTB, sondern das deutsche Sportsystem allgemein." Er kenne genügend Turner, die ähnlich denken wie er, aber im Fördersystem gebunden sind. "Viele Athleten sind auf die Gelder angewiesen, da gibt es finanzielle Abhängigkeiten. Da kann ich es ein Stück weit sogar nachvollziehen, dass man seinen Ärger dann im Zweifel eher mal runterschluckt."

cte/dpa



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insgesamt 2 Beiträge
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ptb29 30.09.2015
1. Wenn es Hambüchen sagt,
kommt es auch mal in die Medien. Ansonsten sind das allgemeine Tatsachen, die seit Jahren im deutschen Sport bekannt sind. Da sind nicht nur die Turner betroffen. Trainer kann und will keiner bezahlen, also müssen sie arbeiten. Man verlässt sich auf das Ehrenamt. Wenn nur die Olympiamedaillenkandidaten gefördert werden, bleibt für den Nachwuchs nichts übrig. Hambüchen würde ich allerdings nicht gerade als vom System benachteiligten bezeichnen.
zerr-spiegel 30.09.2015
2.
Zitat von ptb29kommt es auch mal in die Medien. Ansonsten sind das allgemeine Tatsachen, die seit Jahren im deutschen Sport bekannt sind. Da sind nicht nur die Turner betroffen. Trainer kann und will keiner bezahlen, also müssen sie arbeiten. Man verlässt sich auf das Ehrenamt. Wenn nur die Olympiamedaillenkandidaten gefördert werden, bleibt für den Nachwuchs nichts übrig. Hambüchen würde ich allerdings nicht gerade als vom System benachteiligten bezeichnen.
Ist er auch nicht. Er reißt ja stellvertretend für die zum Schweigen gezwungenen Kollegen die Klappe auf. *Er* kann es sich leisten, er verdient genug Geld. Aber andere eben nicht, die müssen schweigen. Bei ihm war das früher sicher nicht anders.
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