Fahrrad-Marathon Paris-Brest-Paris Jeder gegen jeden, jeder gegen sich selbst

Paris-Brest-Paris ist das älteste Radrennen Europas - und es ist eine Tortur. Die Teilnehmer fahren 1200 Kilometer in wenigen Tagen, ohne feste Pausen. Wieder dabei: ein 84-jähriger Hamburger.

imago

Von , Paris


Los geht es in Paris, mit dem Fahrrad 600 Kilometer nach Westen, das Ziel ist Brest am Atlantik. Dann direkt zurück in die französische Hauptstadt, wieder 600 Kilometer. Zwischen 80 und 90 Stunden im Sattel, ohne feste Pausen, jeder fährt sein eigenes Rennen - willkommen bei Paris-Brest-Paris.

"Da musst du es nicht nur in den Beinen oder im Hintern haben. So ein Rennen fährst du vor allem mit dem Kopf. Nur darauf kommt es an, auf die Motivation, den eisernen Willen."

Friedhelm Lixenfeld, sehniger Körperbau, grauer Kurzhaarschnitt, weiß, wovon er redet. Der Hamburger nahm schon dreimal an dem legendären Fahrrad-Marathon teil. "Beim ersten Mal bist du noch unbekümmert, dann wird es jedes Mal schwieriger. Du kennst die Qualen, die Müdigkeit, die geistigen Hürden werden höher."

Teilnehmer Lixenfeld: "Beim ersten Mal bist du noch unbekümmert"
Stefan Simons

Teilnehmer Lixenfeld: "Beim ersten Mal bist du noch unbekümmert"

Lixenfeld wird dennoch wieder am Start stehen, wenn sich am 16. und 17. August rund 6000 Teilnehmer von fünf Kontinenten im Vélodrome National auf den Weg nach Brest machen. Offiziell bestätigt ist es nicht, aber kein Teilnehmer des 1200-Kilometer-Rennens dürfte älter sein als Lixenfeld - er ist 84.

Paris-Brest-Paris ist das älteste Radrennen in Europa, das noch immer gefahren wird. 1891 schuf der Journalist Pierre Giffard den Wettbewerb als PR-Gag für das "Petit Journal". Der Fahrrad-Marathon sollte den Nutzen des damals neuen, modernen Fortbewegungsmittels unter Beweis stellen sowie die Auflage steigern. Und die Rechnung ging auf.

Am 6. September 1891 machten sich 206 Teilnehmer auf die Distanz von 1200 Kilometern, darunter auch zwei Tandems, zehn Tricyles und ein Hochrad. Sieger wurde Charles Terront, der die Strecke ohne Schlaf in 71:22 Stunden bewältigte. Der langsamste Konkurrent braucht mehr als zehn Tage.

Strecke Paris-Brest-Paris: 600 Kilometer hin, 600 Kilometer zurück
Stefan Simons

Strecke Paris-Brest-Paris: 600 Kilometer hin, 600 Kilometer zurück

An den Start gingen seinerzeit sowohl Rennprofis wie Hobbyradler. Für alle Beteiligten galt bei der Tortur über die Departements- und Nationalstraßen: Keine Hilfe von Dritten, Prüfer wachen an Kontrollpunkten über die Einhaltung von Strecke und Zeit. Mit der Jahrhundertwende teilte sich das Rennen dann in Profis und Amateure.

Heute sind nur noch ambitionierte Hobbyfahrer am Start. Sie prägen den Charakter des Events, das bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg eine Domäne von wenigen Hundert hartnäckigen Fans blieb. Erst mit der Entwicklung des Radfahrens zum Massensport wuchs der Wettbewerb zur großen Veranstaltung.

Wer bei der Strapaze an den Start will, muss sich aber erst bei Vorprüfungen der rund 50 beteiligten Organisationen qualifizieren: Gefordert sind verschiedene Distanzen von 200, 300, 400 und 600 Kilometern (hier geht es zur deutschen Organisation Audax Randonneurs Allemagne).

Paris-Brest-Paris-Teilnehmer 2003: Wenige Stunden Schlaf nachts
imago

Paris-Brest-Paris-Teilnehmer 2003: Wenige Stunden Schlaf nachts

"Paris-Brest-Paris fährt jeder für sich allein, jeder gegen jeden, jeder gegen sich selbst", sagt Lixenfeld. Wer die Strecke unter 90 Stunden schafft und dafür eine Medaille bekommt, darf sich als Gewinner fühlen.

Gestartet wird in Gruppen und nach Zielzeiten gegliedert. Ambitionierte Spitzenfahrer versuchen, die Strecke mit nur sehr wenigen kurzen Stopps und Schlafstunden zu bewältigen. Manche kommen mit einer Zeit von unter 50 Stunden im Ziel an. Die anderen Radler können, sofern sie bei Tageslicht diszipliniert durchfahren und kürzere Pausen einlegen, zumindest nachts einige Stunden schlafen.

Ins Gepäck gehören Ersatzschlauch, Trinkflaschen, Regenkleidung und Lampen. Dazu Helm, Sonnenbrille, Handschuhe gegen die nächtliche Kälte, Energieriegel, Hautcreme für die empfindlichsten Stellen des Körpers. Rund alle 80 Kilometer gibt es einen kurzen Stopp an den Kontrollpunkten, wo freiwillige Helfer für die Verpflegung sorgen. "Die Menschen in den Dörfern entlang der Strecke sind unglaublich engagiert", erzählt Lixenfeld begeistert, "sie machen die Tour zum Fest."

Zum Frühstück Kaffee gemischt mit Kokosfett

Der 84-Jährige hat sich akribisch auf das Rennen vorbereitet. Einmal die Woche fährt er auf seinem eigens gefertigten, 5000 Euro teuren Rad mindestens 200 Kilometer. Dazu kurze, schnelle Trips "für die Spritzigkeit". Lixenfeld stellt vor dem Rennen extra seine Ernährung um: Zum Frühstück gibt es Kaffee gemischt mit Kokosfett, dazu eine Diät mit Eiern, Quark, Fischöl, Salat und Gemüse, als Snack Mandeln und Macadamia-Nüsse. Nur einmal die Woche Kohlenhydrate, Kartoffeln oder Nudeln.

Lixenfeld, gelernter Bauingenieur und einst Direktor im Hamburger Tiefbauamt, hat sein Leben lang Sport getrieben. Als er fast 70 war, stand er an einem See und beobachte eine Gruppe Radfahrer, die für Paris-Brest-Paris trainierten. Lixenfeld, der in jüngeren Jahren bereits hohe Alpenpässe bezwungen hatte, holte sein altes Rad aus der Garage, trainierte und fuhr Rennen: Erst in Norddeutschland, später erstmals Paris-Brest-Paris. Seine vierte Teilnahme nun soll auch seine letzte an dem Mega-Fahrrad-Marathon sein. Lixenfeld lächelt: "Jedenfalls vorläufig."

Mehr zum Thema


insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
noodles64 15.08.2015
1. Da fällt mir nur eines ein
Respekt für alle Teilnehmer an diesem Rennen und viel Glück dass sie das Rennen ohne Stütze und Verletzungen überstehen.
typomann 15.08.2015
2. Dessert
In Restaurant La Fontaine in La Turbie 300 m über Monaco gibt es ein Dessert gleichen Namens -Paris-Brest- ganz köstlich! Eine Art Windbeutel mit luftiger Schokocreme gefüllt. Das würde manchen Radler eine Stunde weiter bringen.
besucher-12345 15.08.2015
3. Diät
Worüber ich immer wieder staune ist, dass selbst solche Extremsportler, die eigentlich Kalorienverbrennungsmaschinen sind, Diät halten (müssen). Im Film Hölltentrip (handelte von Radprofis bei der Tour de France) bettelt ein Profi um Schokolade. Sein Betreuer entgegnet: "Wenn Du dich umbringen willst, iß sie."
MatthiasPetersbach 15.08.2015
4.
Naja, soviel Willenskraft ist mir suspekt. Mal abgesehen von der Unverantwortlichkeit, total übermüdet am öffentlichen Straßenverkehr teilzunehmen. Und da ich die Veranstaltung kenne, meine ich WIRKLICH übermüdet. Bis zur Unzurechnungsfähigkeit und bis zu Halluzinationen. 2011 war der erste Tote dann nur die logische Konsequenz. Spaßbremse will ich jetzt nicht unbedingt spielen, aber ein Fragezeichen hinter der Veranstaltung (bzw. der Art und Weise) kann man da ruhig mal stellen. Eine gute Schilderung gibts um übrigen hier: http://forum.helmuts-fahrrad-seiten.de/viewtopic.php?t=4419 Und nein, ich bin weder Helmut :) noch bin ich fustriert, weil ich da nicht mitkomme.
typomann 15.08.2015
5. Dessert die Zweite
Jetzt hab ich mal ein bißchen recherchiert. Das Dessert »Paris-Brest« ist ein französisches Nationalgericht und wurde anlässlich des Rennens erfunden. Trotztdem – ein tolles Dessert. Gut radl – oder wie immer man sagt!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.