Achilles' Ferse: "Wenn der Wind zu kräftig bläst, ist die Norm futsch"

Sein Vater war zweimal Marathon-Olympiasieger - und auch Falk Cierpinski will sich für das größte Sportereignis des Jahres in London qualifizieren. Im Interview mit achim-achilles.de erklärt er, wie es ist, im Schatten eines großen Athleten zu stehen und was passiert, wenn sein Traum platzt.

Marathonläufer Falk Cierpinski (l.) mit seinem Vater: "Es läuft gut, ich bin in Form" Zur Großansicht
DPA

Marathonläufer Falk Cierpinski (l.) mit seinem Vater: "Es läuft gut, ich bin in Form"

Frage: Herr Cierpinski, Ihr Vater Waldemar ist eine Sportlegende. 1976 und 1980 war er Marathon-Olympiasieger. Welche Rolle spielt er für Sie?

Cierpinski: Eine große, denn er ist ja auch mein Trainer. Er macht meinen Trainingsplan und steht zweimal pro Woche mit mir auf der Bahn oder fährt auf dem Fahrrad nebenher. Er hat mich aber zum selbstständigen Athleten erzogen, so dass er nicht immer dabei sein muss.

Frage: Stehen Sie im Schatten Ihres Vaters?

Cierpinski: Es gibt zwei Seiten: Wenn man zu einem Wettkampf fährt und der Name Cierpinski steht auf der Startnummer, sind die Erwartungen riesengroß. Aber das bin ich seit Beginn meiner Karriere gewohnt. Die andere Seite: Einen so erfahren Mann als Trainer hinter sich zu haben, gibt einem viel Ruhe. Ich kann mich vollkommen auf seinen Erfahrungsschatz verlassen.

Frage: Sie haben ein großes Ziel, den Olympia-Marathon in London. Wie läuft die Vorbereitung?

Cierpinski: Es läuft gut, ich bin in Form. Ich war kürzlich in Kenia im Trainingslager. Dort habe ich richtig hohe Umfänge trainiert, bis zu 230 Kilometer pro Woche. Jetzt mache ich etwas mehr Pausen, laufe eher knackiges Tempo - rund 180 Kilometer wöchentlich.

Frage: Um bei Olympia dabei zu sein, müssten Sie Ende April beim Hamburg-Marathon die Qualifikationsnorm von unter 2:12 Stunden schaffen. Ihre Bestzeit liegt bei 2:13:30. Sind Sie nervös?

Cierpinski: Ich sage bewusst nicht: Wenn ich die Norm verpasse, ist alles dahin. Im Gegenteil, ich habe nichts zu verlieren und wäre auch zufrieden, wenn ich "nur" Bestzeit liefe. Ich hatte drei Jahre gesundheitliche Probleme, ich war ganz unten und habe Demut gelernt.

Frage: Was waren das für Probleme?

Cierpinski: Ich hatte in Wettkämpfen immer wieder Atemprobleme und Seitenstechen. Anderthalb Jahre wusste niemand, wo das herkam. Dann fand jemand heraus, dass ich als Kind eine Leisten-Operation hatte und die Narbe über dem Hüftbeuger schlecht verheilt war. Dadurch stand meine rechte Seite permanent unter Spannung und zog meine Schulter herunter - was wiederum dazu führte, dass ich nicht frei atmen konnte.

Frage: Und jetzt haben Sie eine Strategie gefunden, um das zu verhindern?

Cierpinski: Ja, durch eine Narbenrevision, bei der die Narbe nochmals aufgeschnitten und neu zusammengenäht wurde. Physiotherapie begleitet mich seitdem ständig, meine Statik hatte sich durch die verspannte Muskulatur verzogen. Ich mache meine Übungen und habe das nun im Griff.

Frage: Klingt nach vielen leidvollen Erfahrungen. Warum tun Sie sich das alles an?

Cierpinski: Weil ich weiß, dass es besser geht. Ich verbessere mich von Jahr zu Jahr im Training und möchte das auch im Wettkampf zeigen. Das liegt mir am Herzen. Aber: Es ist nicht leicht, immer an sich selbst zu glauben und diesen Glauben auch den Sponsoren zu vermitteln.

Frage: Haben Sie Geldgeber verloren?

Cierpinski: Es sind welche abgesprungen, ja. Umso wertvoller waren die, die mir treu blieben.

Frage: Sie waren früher Triathlet und wechselten zum Marathon, das ist ungewöhnlich.

Cierpinski: Richtig. Ich wollte mir aber unbedingt den Traum von den Olympischen Spielen erfüllen. Und da wir in Deutschland so viele gute Triathleten haben, sah ich beim Marathon größere Chancen. 2006 bin ich mit 28 Jahren das erste Mal diese Distanz gelaufen - und es hat mir Spaß gemacht. Ich wurde immer besser, habe 2008 die Olympia-Qualifikation nur knapp verpasst. Und dann ging es mit den Verletzungen los.

Frage: Was machen Sie, wenn der Olympia-Traum erneut platzt?

Cierpinski: Stellen Sie sich vor, man würde zu einem Kugelstoßer sagen: Du hast nur einen einzigen Stoß, und mit dem musst du auf Anhieb die Olympianorm packen. Genau so hart ist es für uns Marathonläufer: Wir haben jetzt nur noch eine einzige Gelegenheit, die Qualifikation zu schaffen. Wenn am Tag des Marathons die Sonne zu sehr scheint oder der Wind zu kräftig bläst, ist die Norm futsch. Aber dann liegt für mich nicht alles in Trümmern. Ich mache trotzdem weiter, dafür macht mir das Laufen einfach zu viel Spaß.

Die Fragen stellte Wendelin Hübner

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