Dopingbeichte im TV: Franke unterstellt Armstrong Kalkül

Nach Ansicht von Dopingexperte Werner Franke hat das TV-Geständnis von Lance Armstrong nichts mit Einsicht zu tun. Der ehemalige Radstar wolle damit nur eine Aussage vor der Grand Jury verhindern. Im IOC wird gar über einen Ausschluss des Radsports von Olympischen Spielen nachgedacht.

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REUTERS

Ex-Radstar Armstrong: Deal vorher ausgehandelt?

Hamburg - Der Dopingexperte Werner Franke unterstellt dem ehemaligen Radstar Lance Armstrong bei dessen TV-Geständnis rein kalkuliertes Handeln. "Ich vermute, dass Armstrongs Anwälte mit den Parteien, die er beschissen hat, vor seiner vermeintlichen TV-Beichte umfassende Verhandlungen geführt haben", sagte Franke der "Welt".

Für Armstrong sei es am wichtigsten, dass er nicht vor einer Grand Jury aussagen müsse, glaubt Franke. "Dort könnte er Dinge gefragt werden, die bis jetzt noch gar nicht bekannt sind. Und das wäre dann noch viel kribbeliger, als wir uns das alle vorstellen können. Bei der Wahrheitsfindung sind die amerikanischen Gerichte nicht zimperlich", so Franke.

Armstrong hat in der Talkshow von Oprah Winfrey erstmals Dopinggebrauch eingestanden. Die Sendung, die am Donnerstag und Freitag in zwei Teilen ausgestrahlt wird, war am Montag aufgezeichnet worden. Auch wenn Details des Gesprächs noch geheim gehalten werden, war schon durchgesickert, dass Armstrong in der Show die Manipulation seiner Leistung zugegeben hat.

Armstrong hat den US-Behörden einem Bericht zufolge die Rückzahlung von mehr als fünf Millionen Dollar angeboten, um noch wesentlich größeren Schadensersatzforderungen vorzubeugen. Wie der TV-Sender CBS berichtete, habe der ehemalig siebenfache Tour-de-France-Gewinner dem Justizministerium auch seine Kooperation als Zeuge angeboten. Allerdings habe das Ministerium laut CBS beide Angebote als "unangemessen" ausgeschlagen.

Anti-Dopingagenturen erteilen UCI Abfuhr

Derweil hat der Radsport-Weltverband UCI bei der Aufklärung der Affäre Armstrong von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada und der US-Agentur Usada eine Abfuhr erhalten. Die beiden Behörden übten heftige Kritik an der sogenannten "Unabhängigen Kommission" der UCI, die die Rolle des Verbandes in der Causa aufarbeiten soll. Man habe "ernsthafte Bedenken" bezüglich des Auftrags der Kommission, sagte Wada-Chef John Fahey am Dienstagabend. Außerdem gebe es Zweifel an der Unabhängigkeit des dreiköpfigen Gremiums, das von der UCI "ohne Rücksprache mit Anti-Doping-Behörden" eingesetzt worden sei. Die Wada lehnte unter diesen Umständen eine Mitarbeit an der Kommission ab.

Die Usada, die Armstrong mit ihren Recherchen zu Fall gebracht hatte, monierte vor allem, dass möglichen Kronzeugen weder Anonymität noch Schutz vor Vergeltung durch die UCI gewährt werde. Entsprechende Vorschläge, die die Kommission offenbar akzeptiert hätte, seien vom Weltverband abgelehnt worden.

Dies "zieht natürlich das Engagement der UCI für eine umfassende und genaue Untersuchung in Zweifel", betonte Usada-Chef Travis Tygart. Außerdem bestünde die "erhebliche Sorge, dass die UCI ihrer Unabhängigen Kommission die Augen verbindet und Handschellen anlegt, um ein gewünschtes Untersuchungsergebnis sicherzustellen".

Ausschluss von Olympischen Spielen denkbar

Nach Ansicht von IOC-Mitglied Dick Pound riskiert der Radsport wegen der Affäre Lance Armstrong sogar den Ausschluss von den Olympischen Spielen. Sollte Armstrong gegen Funktionäre der UCI aussagen und jahrelange Doping-Vertuschungen beweisen, könnten dem Internationalen Olympischen Komitee nur noch drastische Maßnahmen bleiben, sagte der ehemalige IOC-Vizepräsident der Nachrichtenagentur Reuters. Ein Verbannung von acht Jahren könne möglich sein. Die "New York Times" hatte berichtet, Armstrong erwäge nach seiner TV-Beichte bei Winfrey gegen Funktionäre auszusagen, die Dopingpraktiken über lange Jahre gewusst und vertuscht haben sollen.

aha/dpa

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insgesamt 24 Beiträge
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1. vollkommen richtig was franke sagt
politikverdrossenheit 16.01.2013
Zitat von sysopNach Ansicht von Dopingexperte Werner Franke hat das TV-Geständnis von Lance Armstrong nichts mit Einsicht zu tun. Der ehemalige Radstar wolle damit nur eine Aussage vor der Grand Jury verhindern. Im IOC wird gar über einen Ausschluss des Radsports von Olympischen Spielen nachgedacht. Fall Armstrong: Dopingexperte Franke zweifelt an Geständnis - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/fall-armstrong-dopingexperte-franke-zweifelt-an-gestaendnis-a-877839.html)
eiskalte berechnung und kalkül. so wie armstrong immer war. mich würde nur interessieren wieviele millionen er für sein interview bekommen hat. denn das er das nicht umsonst gemacht hat dürfte jedem klar sein. auch wohl wissend das die usa medien das werbe mäßig ausschlachten werden. da werden etliche werbemillionen fließen.
2. Der Franke...
Hungersson 16.01.2013
hätte ohne Armstrong, Ullrich und Fuentes doch überhaupt nichts zu erzählen. Als Professor für Molekularbiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum,sollte er sich doch einfach mal seiner eigentlichen Aufgabe widmen. Die UCI und Tour de France sind eine private Veranstaltung, deren Regeln sie selber überwachen. Was hat ein deutscher Prof damit zu tun, wenn das in den meisten Ländern noch nichtmal strafbar war/ist ?! Das ist ja so, als wenn mein Automechaniker, Ferrari verklagt, weil Alonso schon wieder beschissen hat.
3. Bei anderen Sportarten wird auch gedopt.
baconneck 16.01.2013
Dann hätten z.B. Gewichtheben, 100m usw. bei Olympia auch nichts mehr verloren. Denke schon, dass die Rad-Funktionäre nichts davon wissen wollten. Was ich für H. Armstrong viel schlimmer finde ist, dass er ein weltberühmter Betrüger und Lügner ist. Was seine Kinder und seine Frau wohl davon halten? Mein Vater ein Lügner und Betrüger. Ich möchte nicht, dass meine Kinder so von mir denken!
4. .
markus_wienken 16.01.2013
Zitat von baconneckDann hätten z.B. Gewichtheben, 100m usw. bei Olympia auch nichts mehr verloren.
:-) Wohl wahr War doch ein offenes Geheimnis. Ich auch nicht. Es gibt halt auch Menschen denen fehlt jedes Gefühl für Anstand.
5. Find den Franke klasse!
Käfer63 16.01.2013
Was er sagt hat immer Hand und Fuß.
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