Armstrong-Ermittler Tygart: Der Unbestechliche

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Dopingermittler Tygart: "Man muss ehrlich mit den Sportlern reden"

Er wurde empfangen wie ein Superstar: Der Chef der US-Anti-Doping-Agentur Usada, Travis Tygart, gab vor dem Sportausschuss des Bundestags Auskunft über seinen Kampf gegen Lance Armstrong. Die Politiker umschwärmten ihn. Dabei hat Tygart doch nur seine Arbeit getan.

Das soll er sein? Der Großwildjäger? Der Unbestechliche? Der Prinz Eisenherz des modernen Sports? Travis Tygart ist ein unauffälliger schlanker Herr, und der Trubel, den die Fotografen, Kameraleute und Politiker um seinen Auftritt im Sportausschuss des Bundestages machen, scheint ihm eher ein bisschen unangenehm. Und doch ist Tygart derzeit in Deutschland wahrscheinlich so etwas wie der zweitpopulärste US-Amerikaner nach Barack Obama. Er ist der Mann, der Lance Armstrong überführt hat.

Die Sportausschussvorsitzende Dagmar Freitag (SPD) hat den 41-Jährigen eingeladen, damit er dem Gremium Einblicke in die Arbeit der US-Anti-Doping-Agentur Usada geben kann. Mit der Überführung des Dopingsünders Armstrong ist Tygart ein Star geworden, und für seine Anhörung macht der Sportausschuss sogar eine Ausnahme und tagt erstmals seit mehr als einem Jahr wieder öffentlich. Damit auch die Politik einen Abglanz vom erfolgreichen Anti-Doping-Kampf erhält. So überbieten sich Freitag und ihre Kollegen denn auch in Gratulationen an Tygart. "You made a great job."

Dabei ist Tygart alles andere als ein Star-Typ. Und genau das hat möglicherweise auch seinen Erfolg ausgemacht. Er denkt und redet nüchtern, ohne jedes amerikanische Pathos. Nur zu Beginn seiner Ausführungen erwähnt er einmal, dass er "als Vater von drei jungen Kindern" überzeugt sei, dass Sport mit Respekt und Fairness zusammenhängen müsse: "Doping setzt das alles aufs Spiel."

"Armstrong fühlte sich sicher"

Dann jedoch führt er zwar engagiert, aber im denkbar sachlichsten Stil auf, wie es der Usada gelang, den Fall Armstrong zum Ziel zu führen. Ohne staatliche Hilfe, ohne Unterstützung durch Behörden, gegen die Widerstände der Funktionäre im Radsport-Weltverband UCI ("Die UCI hat uns nur Steine in den Weg gelegt") und gegen den Druck, den Armstrong auch über politische Kanäle auszuüben versuchte. "Armstrong fühlte sich sicher. Er glaubte, er sei zu groß, um zu Fall zu kommen". Too big to fail, so sagt es Tygart.

Aber bei dem Geschäftsführer der Usada fand der Champion seinen Meister. "Wir gehen gegen alle vor, die sich des Dopings schuldig machen. Egal, wie berühmt sie sind und wie viel Geld sie verdienen", formuliert Tygart, und es klingt wie ein trockener Satz aus dem jährlichen Rechenschaftsbericht.

Wie er es letztlich geschafft hat, Armstrongs Kollegen bewegt zu haben, gegen den Radstar aus Texas auszusagen? Tygart sagt: "Man muss einfach ehrlich mit den Sportlern reden. Das sind keine harten Jungs. Letztlich wollen sie nicht bis zum Ende kämpfen." Das unterscheidet sie von Travis Tygart.

Wie belastend die monatelangen Ermittlungen gegen den ehemals siebenfachen Tour-de-France-Sieger jedoch gewesen sein müssten, verrät er denn doch ein paar Minuten später: "Die Sache Armstrong war so groß - sie durfte einfach nicht schiefgehen."

Nada im Visier des Sportausschusses

Tygart berichtet von den knapp 14 Millionen Dollar, die die Usada jährlich zur Verfügung hat, und seine deutsche Kollegin Andrea Gotzmann, die Geschäftsführerin der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada, sitzt neben ihm und droht dabei noch ein bisschen tiefer in ihrem Sessel zu versinken. Gegenüber den finanziellen Möglichkeiten der Usada sind die Mittel der Nada, die ungefähr zwei Drittel der Jahressumme zur Verfügung hat, deutlich begrenzt.

Aber es geht nicht nur um Geld. Nachdem Tygart davon berichtet hat, wie die Usada die Ermittlungen gegen Armstrong vorangetrieben hat, fragen sich die Ausschussmitglieder, warum dies hierzulande nicht geschehen ist: gegen das Team Telekom, gegen die sie unterstützenden Freiburger Ärzte, gegen die Fahrer. "Wir haben ja schließlich hier in Deutschland einen ähnlich populären Radsportler", sagt der Abgeordnete Frank Steffel (CDU) mit Hinblick auf Jan Ullrich, und seine grüne Kollegin Viola von Cramon erinnert daran, dass die Nada es nicht geschafft habe, die Dopingärzte in Freiburg, die Ullrich unterstützt haben, in ähnlicher Weise in die Mangel zu nehmen und mit Sperren zu belegen.

Gotzmann ist in Erklärungsnot und verweist auf die mangelnde Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden: "Wir sind die Institution, die die meisten Informationen an die Behörden weiterleitet und am Ende dann doch mit leeren Händen dasteht", beklagt sie.

Tygart hört sich das alles in Ruhe an. Mit Kritik am deutschen System hält er sich weitgehend zurück, er sagt allerdings: "Ich war geschockt, zu erfahren, dass es hier noch Verbände gibt, die die Dopingfälle bearbeiten." So eine Arbeit gehöre in die Hände unabhängiger Gremien. "Diese Arbeit ist zu schmutzig, um sie den Verbänden zu überlassen." So sei es Grundbedingung für alle Mitarbeiter der Usada, dass sie kein zusätzliches Amt, ob bezahlt oder unbezahlt, in irgendeinem Verband innehätten.

Ob die Ausschussmitglieder, selbst in ihrer Mehrzahl in Sportverbänden eingebunden, das als Seitenhieb verstanden haben?

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insgesamt 12 Beiträge
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1. ...
cyronix99 30.01.2013
Im Artikel steht: ---Zitat--- Tygart berichtet von den mehr als 14 Millionen Dollar, die die Usada jährlich zur Verfügung hat, und seine deutsche Kollegin Andrea Gotzmann, die Geschäftsführerin der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada, sitzt neben ihm und droht dabei noch ein bisschen tiefer in ihrem Sessel zu versinken. Gegen die finanziellen Möglichkeiten der Usada sind die Mittel der Nada, die ungefähr ein Drittel der Jahressumme zur Verfügung hat, Peanuts. ---Zitatende--- Wieviele Einwohner hat die USA und wieviele Deutschland?314 Mio hat die USA ... Deutschland 80 ... hat also quasi viermal so viele Einwohner, müsste folglich nicht bloß ein Drittel, sondern sogar nur ein Viertel bekommen um das tolle Budget zu haben. Hat also mehr, wieso ist das dann ein Makel? Dazu hat Sport in den USA nochmals einen höheren Stellenwert als in Deutschland. Und was haben die deutschen Dopingfahnder rausbekommen? Richtig, nichts! Fuentes Skandal waren die Spanier (die ihre eigenen Landsmänner allerdings deckten).
2. Die deutsche Nada...
Hungersson 30.01.2013
hält sich lieber mit Bürokratie auf. Olympioniken der Randsportart Segeln, müssen per Fax 2 Monate im vorraus ihre Aufenthalts- und Trainingsorte minutiös angeben. Ist man dann zum angegeben Zeitpunkt nicht im Fitnesscenter oder wo auch immer und die Kontrolleure tauchen auf, gibts Geldstrafen, Verwarnungen oder Sperren. Wird einer aber mit THC im Blut erwischt, deckt der Deutsche Segler Verband dies und meldet den Sportler nachträglich krank. Solange bis nichts mehr nachweisbar ist. Wenn das im Segeln schon so läuft, kann man ja erahnen wie das bei wirklich grossen Verbänden läuft. Finde es nur witzig, dass der Sportausschuss Tygart on der USADA einläd anstatt sich mit der NADA auseinanderzusetzen. Und ja, 5 Mio € sind ein witz. Das dürfte noch nicht mal für die Urinproben der Profifussballer reichen.
3.
abraxas63 30.01.2013
Zitat von sysopEr wurde empfangen wie ein Superstar: Der Chef der US-Anti-Doping-Agentur Usada, Travis Tygart, gab vor dem Sportausschuss des Bundestages Auskunft über seinen Kampf gegen Lance Armstrong. Die Politiker umschwärmten ihn. Dabei hat Tygart doch nur seine Arbeit getan. Fall Armstrong: Ermittler Tygart berichtet vor Sportausschuss - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/fall-armstrong-ermittler-tygart-berichtet-vor-sportausschuss-a-880602.html)
Ein Unbestechlicher? Da wollten halt alle schnell ein Foto machen oder ein Autogramm kriegen. Wann hat man schon mal die Gelegenheit....
4.
heinz4444 30.01.2013
Zitat von sysopDabei hat Tygart doch nur seine Arbeit getan. Fall Armstrong: Ermittler Tygart berichtet vor Sportausschuss - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/fall-armstrong-ermittler-tygart-berichtet-vor-sportausschuss-a-880602.html)
Leider ist das heutzutage schon keine Selbstverständlichkeit mehr.
5. Marsmensch
archivdoktor 30.01.2013
Zitat von abraxas63Ein Unbestechlicher? Da wollten halt alle schnell ein Foto machen oder ein Autogramm kriegen. Wann hat man schon mal die Gelegenheit....
Klaro, für unsere Politiker war dieser Ami wie vom Mars! Schade, dass er sich nicht auch noch um unseren Ulle kümmern darf...
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