Radsport nach Armstrong-Geständnis: Auf rasanter Abfahrt

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Die Karriere von Lance Armstrong: Absturz eines Helden Fotos
AFP

Kommt jetzt die Zeitenwende im Radsport - nach dem Doping-Geständnis von Lance Armstrong? Nichts da. Beim Weltverband UCI wird weiter gemauert. Auch deutsche Funktionäre verweisen lieber auf Fortschritte, die man im Anti-Doping-Kampf gemacht habe. Ist dieser Sport überhaupt noch zu retten?

Eine Sportart ruiniert sich selbst. Der Größte seines Fachs war nach eigenem Bekunden also bei allen sieben Tour-de-France-Erfolgen gedopt. Das hat Lance Armstrong in seiner TV-Beichte bei Oprah Winfrey eingestanden. Eine größere Dimension von Skandal scheint in einer Sportart nicht vorstellbar.

Als es jedoch um konkrete Details, um Hintermänner und Mittäter ging, wurde der US-Star schweigsam, Namen wurden zumindest im ersten am Donnerstag ausgestrahlten Teil des Interviews nicht genannt. Und was sagt der Präsident des Radweltverbands UCI, Pat McQuaid? "Wir begrüßen, dass Armstrong an einem Prozess der Wahrheitsfindung teilnehmen will."

Ist dieser Sport überhaupt noch zu retten?

Sylvia Schenk war drin im System. Sie hat den Bund Deutscher Radfahrer von 2001 bis 2004 geleitet, in den Jahren, in denen die Duelle zwischen Armstrong und Jan Ullrich die Massen begeisterten. Sie ist längst zu einer der schärfsten Kritikerinnen der Sportart und ihrer Funktionäre geworden. Seit Jahren beklagt sie die Verschweige- und Verdrängungsmechanismen im Radweltverband UCI. "Es muss eine grundlegende Reform, einen Wandel der Kultur geben. Wenn nicht grundlegend aufgeräumt wird, wird dem Radsport nicht zu helfen sein", sagte sie SPIEGEL ONLINE am Freitag.

Bund Deutscher Radfahrer gegen Olympia-Ausschluss

Im Internationalen Olympischen Komitee IOC wird mittlerweile bereits darüber nachgedacht, die Radsportler von den Olympischen Spielen zumindest zeitweise auszuschließen. IOC-Mitglied Richard Pound, der frühere Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, hat diese Idee geäußert und sich vom Bund Deutscher Radfahrer die erwartbare Reaktion eingefangen. Eine solche Maßnahme sei der "falsche Weg" und nichts als "Populismus auf dem Rücken einer Sportart, die wie keine andere mit Doping zu tun hatte, aber auch wie keine andere dagegen gekämpft hat".

IOC-Vizepräsident Thomas Bach hat am Freitag ebenfalls davon gesprochen, dass es nach der TV-Beichte "keine Ansätze für neue Maßnahmen gegen den Radsport generell gibt", aber klar ist: Unter der gegenwärtigen Führung des Iren McQuaid traut niemand dem Radsport ernsthaft zu, sich selbst zu reinigen. McQuaid steht seit 2005 an der UCI-Spitze, da war Armstrong noch erfolgreich auf dem Rad unterwegs. McQuaid gilt als Teil des Problems, nicht als Teil der Lösung. "Wer diese Entwicklungen im Radsport über Jahre so zugelassen, wer so geführt hat, der disqualifiziert sich selbst", sagt Schenk. In der UCI gebe es "keine Kritikfähigkeit, keine Zivilcourage".

McQuaid hat im Anschluss an die TV-Beichte Armstrongs noch einmal eine Art Befreiungsschlag versucht. Er hat das Geständnis als "wichtigen Schritt auf einem langen Weg" bezeichnet, "ein Weg, den Schaden zu reparieren, den der Radsport erlitten hat". Wobei er allein durch seine Wortwahl den Schwerpunkt setzt: der Radsport ist demnach Opfer, nicht Täter.

Schenk kritisiert belastete Rennstall-Bosse

Der Ire hat darauf hingewiesen, dass "der Radsport heute ein völlig anderer Sport als vor zehn Jahren" sei. Die Strukturen in der UCI sind allerdings dieselben geblieben. Der geradezu berüchtigte Vorgänger Hein Verbruggen, dem enge persönliche und geschäftliche Beziehungen zu Armstrong vorgeworfen werden, sitzt nach wie vor als Mitglied im IOC. Er ist Ehrenvorsitzender der UCI.

Für Schenk reicht es zudem überhaupt nicht, nur die UCI-Spitze ins Visier zu nehmen. "Einer wie Bjarne Riis zum Beispiel, der selbst gedopt hat, kann nicht Sportdirektor eines Teams sein." Riis, mit Hilfe leistungssteigernder Mittel Toursieger 1996, ist Chef des Teams Saxo Bank. Dort steht unter anderem der wegen Dopings für zwei Jahre gesperrte Spanier Alberto Contador unter Vertrag. Contador wurde der Toursieg 2010 nachträglich aberkannt, Riis durfte seinen behalten.

Ein anderer aus der Gilde der Rennstall-Bosse ist Johan Bruyneel. Der Belgier war der engste Begleiter Armstrongs über all die Jahre. Erst nachdem der Texaner von seinen früheren Teamkollegen Tyler Hamilton und Floyd Landis schwer belastet und daraufhin im Oktober 2012 überführt wurde, trennte sich auch der Rennstall RadioShak von Bruyneel. Er teilte am Freitag mit, dass er nun ein Buch schreiben werde, "um das falsche Bild zu korrigieren, dass die US-Anti-Doping-Agentur, die Medien und Leute wie Hamilton und Landis hervorgerufen haben".

Es gibt sie immer noch, die Verdränger und Verschweiger. Und Jan Ullrich sitzt in der Schweiz.

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Die Sieger der Tour de France
Jahr Sieger Land
2014 Vincenzo Nibali Italien
2013 Chris Froome Großbritannien
2012 Bradley Wiggins Großbritannien
2011 Cadel Evans Australien
2010 Andy Schleck Luxemburg
2009 Alberto Contador Spanien
2008 Carlos Sastre Spanien
2007 Alberto Contador Spanien
2006 Óscar Pereiro Spanien
2005 Lance Armstrong* USA
2004 Lance Armstrong* USA
2003 Lance Armstrong* USA
2002 Lance Armstrong* USA
2001 Lance Armstrong* USA
2000 Lance Armstrong * USA
*Aberkannt