Fall Armstrong: Der größte Dopingskandal der Sportgeschichte

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Lance Armstrong hat systematisch gedopt und Kollegen zum Doping angestiftet: Der Usada-Bericht zeigt detailliert, wie der siebenmalige Tour-de-France-Sieger die Radsport-Welt jahrelang nach Strich und Faden betrogen hat - und warum er niemals bestraft wurde. Ein Überblick.

REUTERS

Für Lance Armstrong ist alles nur eine große Lüge, was die US-Anti-Doping-Agentur Usada jetzt veröffentlicht hat: der Vorwurf, er habe über Jahre systematisch gedopt. Die Zeugen, die den früheren Radprofi belasten. Die Blutproben, die Doping belegen. All das sei "einseitig verfälscht", ließ der siebenmalige Tour-de-France-Sieger über seine Anwälte mitteilen.

Hätte Armstrong mit seiner Behauptung recht, wäre der Usada-Bericht der größte Irrtum in der Geschichte des Sports. Das opulente Dossier spricht jedoch für etwas anderes: Es dokumentiert den größten Dopingskandal in der Geschichte des Sports.

Auf 202 Seiten (Link zum Bericht hier) fasst die Usada ihre Ergebnisse zusammen und zeichnet detailreich Armstrongs Karriereweg von 1998 bis 2011 nach. Wer waren seine Helfer, wie hat er gedopt, warum wurde er nie bestraft? All diese Fragen werden beantwortet. Der Anhang umfasst noch mal Tausende Seiten mit Aussagen, Daten und Fakten zu den Zeugen, dazu E-Mails, Protokolle, Zeitungsberichte, Bankauszüge und Anti-Doping-Vorschriften. Knapp vier Jahre nach Beginn ihrer Recherche in diesem Fall kommt die Usada zu dem Ergebnis: Armstrong habe das "höchstentwickelte, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm, das die Sportwelt jemals gesehen hat", betrieben.

  • Der Vorwurf: Armstrong habe von 1998 bis 2011 mit Hilfe von Teambetreuern und Ärzten systematisch gedopt. Missbrauch, Besitz, Handel - alles. Unter anderem habe der heute 41-Jährige Epo-, Kortison-, Testosteron- und Blutdoping betrieben. Mehr noch: Armstrong soll auch seine Mannschaftskollegen zum Dopen aufgefordert haben. Die Usada kommt zu dem Schluss, dass Armstrongs Teams US Postal (1998 bis 2004), Discovery Channel (2005), Astana (2009) und RadioShack (2010 bis 2011) "mit Doping verseucht" gewesen seien.
  • Die Beweise: Grundlage des Usada-Berichts sind in erster Linie die Aussagen der Zeugen, insgesamt mehr als zwei Dutzend, darunter 15 ehemalige oder noch aktive Radprofis, von denen zwölf wenigstens zu einem von Armstrongs Teams gehörten. Und wiederum neun von diesen zwölf Männern waren wie Armstrong "Kunden" beim Arzt Michele Ferrari, auch bekannt unter dem Namen Dr. Epo und von der Usada jüngst gesperrt. Bankauszüge belegen, dass Armstrong dem Mediziner über Jahre Tausende Dollar überwiesen hat.
  • Die Zeugen: "Doping war nicht die Ausnahme, es war die Norm." Die Aussage von Levi Leipheimer, einem von Armstrongs Edelhelfern bei dessen Tour-Siegen 2000 und 2001, steht für sich. Es ist nicht der einzige prominente Zeuge. David Zabriskie, George Hincapie, Floyd Landis, Christian Vandevelde: Sie alle wurden in Armstrongs Schatten berühmt und erfolgreich - und sie alle packten jetzt aus. Demnach habe Armstrong bereits 1998 im Team US Postal Doping mit Epo, Kortison, Testosteron und dem Wachstumshormon HGH betrieben.
  • Die Dopingproben: Bei der Tour 1999 wurde Armstrong in sechs Fällen Epo-Doping nachgewiesen - allerdings erst bei Nachuntersuchungen 2005, als die Proben sportrechtlich nicht mehr verwertbar gewesen waren. Ein positives Epo-Ergebnis der Tour de Suisse habe Armstrong nach Ansicht der Usada mit Hilfe des Radsport-Weltverbandes UCI verschleiert. Zudem lassen Blutprofile von Armstrong zwischen Oktober 2008 und Januar 2011 auf Blutdoping schließen.

"Die Erfolge des Teams US Postal und von Lance Armtrong wurden unter massivem Einsatz von Dopingmitteln erreicht, der in dieser Größenordnung in der Sportgeschichte noch nie aufgedeckt wurde. Mehr als ein Dutzend ehemaliger Weggefährten bestätigen, dass Herr Armstrong von Beginn bis zum Ende seiner Karriere zu Doping griff", ist eine der zentralen Aussagen im Usada-Bericht.

Einschüchterung und Drohungen

Wieso aber konnte Armstrong sein System 13 Jahre lang so erfolgreich betreiben, ohne dass er des Dopings überführt wurde? Ganz einfach: weil niemand geredet hat. Die Gerüchte, dass Armstrong gedopt haben soll, begleiteten fast seine gesamte Karriere. Nur gab es keine Beweise, höchstens Indizien. Es fehlten Zeugen, die auspackten, die mit der "Schweigepflicht", der Omertà, brachen.

Warum redete nie ein Profi? Weil alle von Armstrongs Erfolg profitierten, durch ihn erfolgreich wurden und viel Geld verdienten. Bestand die Gefahr, dass jemand auspacken würde, bekam er es mit Armstrong persönlich zu tun. Einschüchterung und Drohungen waren probate Mittel, damit Leute weiter schwiegen.

Nun hat Armstrong aber nichts mehr in der Hand, womit er seine Kollegen unter Druck setzen könnte. Und die einstigen Weggefährten haben nun auch kaum noch etwas zu verlieren. Ihr Erfolg ist Geschichte, viele der Zeugen haben ihre Karriere längst beendet. Und diejenigen, die noch aktiv sind, wurden für ihre Mithilfe zur Aufklärung des Falls nur ein halbes Jahr wegen Dopings gesperrt. Vom 1. September 2012 bis zum 1. März 2013 - wenn der Radsport Winterpause macht.

Zu den vielen Kronzeugen hat das Armstrong-Lager übrigens seine ganz eigene Meinung. Die Usada habe "die Geständnisse durch Drohungen und unseriöse Deals erzwungen", wie Verteidiger Timothy Herman sagte. Das hätte Armstrong auch versuchen können zu beweisen, indem er seinen Fall vor ein Gericht gebracht hätte, wo auch er selbst unter Eid hätte aussagen müssen. Er verzichtete darauf. Armstrong wollte wohl nicht lügen.

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1. optional
Altesocke 11.10.2012
Statt Gerichtsprozess eine Dolchstosslegende. War nie etwas anderes zu erwarten. Und das mit voller Unterstuezrung der Amerikaner, fuer ihren Superstar. Die oeffentliche Meinung wird das so einfacher 'verstehen' koennen!
2. Nicht zu glauben ...
the_dark_knight 11.10.2012
Armstrong hat gedopt? Das erschüttert nun meine Weltanschauung. Und ich dachte, dass jeder mit etwas Training die Ausdauer eines Rennpferdes kriegen kann.
3. ich wundere mich nicht
klyton68 11.10.2012
Zitat von sysopREUTERSLance Armstrong hat systematisch gedopt und Kollegen zum Doping angestiftet: Der Usada-Bericht zeigt detailliert, wie der siebenmalige Tour-de-France-Sieger die Radsport-Welt jahrelang nach Strich und Faden betrogen hat - und warum er niemals bestraft wurde. Ein Überblick. http://www.spiegel.de/sport/sonst/fall-lance-armstrong-das-steht-in-dem-anti-doping-bericht-der-usada-a-860690.html
Zum einen passt es in die Zeit. Dreistigkeit siegt. Zum anderen war das auch nicht normal, wie er damals die Berge hochgekachelt ist. Sorry, wer vorher Krebs hatte, kommt nach Nero Chemie nicht mehr so auf die Beine, dass er noch deutlich besser ist als vor der Chemie. Ich hab an meinem Vater gesehen, wie einen das Stück für Stück zerfrisst.
4.
KnoKo 11.10.2012
Na, wenn das nicht der Stoff für einen Hollywood-Streifen ist, dann weiß ich auch nicht. Das Ganze hat ja regelrecht Mafia-Qualität. Ich wette, irgendwo sitzt schon jemand und schreibt am Drehbuch.
5.
gladwyne 11.10.2012
Ich versteh das alles nicht. die zuschauer wollen immer neue rekorde, die medien wollen neue rekorde und die veranstalter wollen neure rekorde. die menschliche physiologie hat ein ende, also muss gedopt werden, ist klar, wird ja erwartet, weil wir neuer rekorde wollen. und dann am ende, oh diese boesen kerls. was erwarten wir eigentlich? ist die gesellschaft so dumm, dass die an den keimfreien fairen sport glaubt? alles heisse luft.
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Lance Armstrong: Das Netzwerk der Unsportlichkeit

Rekordsieger der Tour de France
Sieger Land Titel Zeitraum
Lance Armstrong USA 7* 1999-2005
Miguel Indurain Spanien 5 1991-1995
Bernard Hinault Frankreich 5 1978-1985
Eddy Merckx Belgien 5 1969-1974
Jacques Anquetil Frankreich 5 1957-1964
Greg LeMond USA 3 1986-1990
Louison Bobet Frankreich 3 1953-1955
Philippe Thys Belgien 3 1913-1920
*alle Titel wegen Dopings aberkannt
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Lance Armstrong: Der tiefe Fall des Tourminators

Kampf gegen Doping
Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada)
Am 10. November 1999 wurde auf Initiative des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die unabhängige Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) in Lausanne gegründet. Zusammen mit den nationalen NOKs und staatlichen Organisationen will die Wada die internationale Dopingbekämpfung fördern und einheitliche Standards für Kontrollen in allen Ländern schaffen. Das Anti-Doping-Programm der Wada wurde im März 2003 von allen Delegierten der internationalen Sportverbände, der Regierungen und dem IOC auf der Welt-Anti-Doping-Konferenz in Kopenhagen angenommen. Der Welt-Anti-Doping-Codex löste im darauffolgenden Jahr den Anti-Doping-Code der Olympischen Bewegung ab und gilt seit den Spielen in Athen 2004 auch für die Olympischen Spiele.
Welt-Anti-Doping-Programm
Der Welt-Anti-Doping-Codex löste 2004 den Anti-Doping-Code der Olympischen Bewegung ab und gilt seit den Spielen in Athen im selben Jahr auch für die Olympischen Spiele. Das Programm besteht aus drei Ebenen: 1. Welt-Anti-Doping-Code (WADC), 2. Vier Internationale Standards, 3. Erarbeitungen von Empfehlungen für die bestmögliche praktische Umsetzung durch Anti-Doping-Organisationen und Verbände.
Welt-Anti-Doping-Code (WADC)
Der Welt-Anti-Doping-Code wurde erstmalig im Jahre 2003 verabschiedet und ist das Basisdokument des Welt-Anti-Doping-Programms. 2004 traten das Programm und der Codex in Kraft. Der überarbeitete Welt-Anti-Doping-Code ist seit dem 1. Januar 2009 gültig. Er vereinheitlicht Regeln und Verfahren, die bisher von Land zu Land und von Sportart zu Sportart verschieden waren und regelt die Verantwortlichkeiten der einzelnen Interessengruppen. Der Code stellt keine Definition des Dopings mehr auf, sondern bezeichnet Doping als einen Verstoß gegen nachfolgende Bestimmungen: Nachweis oder Gebrauch einer verbotenen Substanz oder Methode, Verweigerung einer Dopingkontrolle und Verletzung der Informationspflicht über den Aufenthaltsort sowie Verfälschung einer Dopingkontrolle und Besitz oder Handel von Substanzen durch einen Athleten oder sein Umfeld.
Internationale Standards
Sie ergänzen die Anforderungen des Codes durch nähere Beschreibungen und sollen dazu beitragen, national übergreifend einheitliche Formen für die Anti-Doping-Arbeit zu schaffen. Dies betrifft insbesondere die Dopingliste, die Dopingkontrolle Dopinglabors und Ausnahmebewilligungen für Medikamente.
Verbotene Substanzen
Die Dopingliste gilt weltweit und wird durch eine spezielle Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) erstellt. Sie wird jedes Jahr erneuert und tritt jeweils am 1. Januar in Kraft. Auf der Liste werden nur Wirkstoffe und Methoden veröffentlicht, die mindestens zwei von drei Kriterien entsprechen: Gemäß medizinischen oder anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen hat der Wirkstoff oder die Methode das Potential zur Leistungssteigerung im Sport. Gemäß medizinischen oder anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen besitzt der Wirkstoff oder die Methode ein aktuelles oder potentielles Gesundheitsrisiko. Gemäß Wada verstößt die Anwendung des Wirkstoffs oder der Methode gegen die Ethik im Sport. Zu den verbotenen Substanzklassen, die teilweise ganz oder nur im Wettkampf verboten sind, gehören: 1. Alkohol, 2. Anabolika , 3. Antiöstrogene , 4. Beta-2-Agonisten , 5. Betablocker , 6. Cannabinoide (Cannabis, Haschisch, Marihuana) , 7. Glucocorticoide , 8. Hormone , 9. Maskierende Substanzen und Diuretika , 10. Narkotika , 11. Stimulanzien . Für Alkohol und Betablocker gibt es in einigen Sportarten Ausnahmen, sie werden nicht von allen internationalen Sportverbänden verboten.
Verbotene Methoden
Seit dem 1. Januar 2003 werden die verbotenen Dopingmethoden genauer beschrieben und in drei Kategorien unterteilt: 1. Erhöhung der Transportkapazität für Sauerstoff ( Blutdoping ), 2. chemische und physikalische Manipulation, 3. Gendoping . Die Anwendung verbotener Methoden ist innnerhalb als auch außerhalb des Wettkampfs verboten.
Kontrollregularien

Für Athletinnen und Athleten bestehen je nach Leistungsniveau unterschiedliche Bestimmungen zu der obligatorischen Meldepflicht. Die Ein-Stunden-Regelung verpflichtet bestimmte Athleten für jeden Tag eine Stunde zu benennen, in der sie für eine mögliche Dopingkontrolle zur Verfügung stehen. Die genaue Stunde muss jeweils am Ende eines Quartals für die nächsten drei Monate im Voraus benannt werden, darf aber innerhalb von 24 Stunden verändert und aktualisiert werden. Wird der Athlet in dieser Stunde vom Kontrolleur nicht am benannten Ort angetroffen, wird ein sogenannter Strike für das Kontrollversäumnis ausgesprochen. Wenn ein Sportler innerhalb von 18 Monaten drei Verwarnungen kassiert hat, muss er mit einer Sperre von bis zu zwei Jahren rechnen. Strikes von verschiedenen Organisationen ( Wada , Nada sowie zuständigem internationalem Verband) werden addiert.

Die Ein-Stunden-Regelung wird durch die Angabe von Aufenthaltsdaten zum Ende eines Quartals für jeden Tag der darauffolgenden drei Monate ergänzt. Wird ein Athlet bei einer Stichprobe nicht am angegebenen Ort angetroffen, kann ebenfalls ein Strike erteilt werden. Mannschaftssportler aus gering gefährdeten Sportarten werden in Mannschafts-Whereabouts getestet. Dafür melden die Vereine der Nada die Trainingspläne der Mannschaft.

Aufgrund des seit Beginn 2009 gültigen neuen Nada-Codes werden Athleten je nach Risikobewertung der Agentur für Doping in drei unterschiedliche Testpools eingeordnet und unterliegen verschiedenen Meldepflichten: Im International Registered Testing Pool (RTP) sind rund 1400 Athleten zusammengefasst, zu denen A-Kader und A-Nationalteams der Sportarten der Gefährdungsstufe I gehören. Sie müssen nicht nur bis zum 25. des Vormonats Angaben über Aufenthaltsort und Erreichbarkeit für ein Quartal machen, sondern auch die Ein-Stunden-Regelung beachten. Im Nationalen Testpool (NTP) für Kader-Athleten der Gefährdungsstufe II und III gilt diese Regel nicht. Alle anderen Athleten werden im Allgemeinen Testpool (ATP) zusammengefasst.