Dopingfälle bei Olympia Goldmedaille nach 28 Monaten

Die Sommerspiele 2012 sind noch lange nicht vorbei, denn die Geschichte zeigt: Noch Jahre nach den Wettkämpfen werden Dopingsünder überführt und Medaillen aberkannt - wie nun bei Nadeschda Ostaptschuk. Athleten wie Beckie Scott können unverhofft jubeln.

Beckie Scott: Nach 26 Monaten Olympiasiegerin
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Beckie Scott: Nach 26 Monaten Olympiasiegerin


Mit einer furiosen Schlussfeier sind die Olympischen Sommerspiele von London am Sonntagabend offiziell zu Ende gegangen. Doch dass sie jetzt wirklich vorbei sind, ist Illusion. Kaum jemand weiß so gut wie Beckie Scott, wie lange Olympische Spiele wirklich dauern können - und wie oft Ergebnisse noch Jahre später revidiert werden müssen. Die 38-jährige Kanadierin war Skilangläuferin und gewann 2002 in Salt Lake City Bronze im Verfolgungsrennen. Es gab eine Siegerehrung, Gold und Silber gingen an die Russinnen Olga Danilowa und Larissa Lasutina.

Einige Tage später wurden die beiden Athletinnen jedoch als Blutdoperinnen enttarnt.

Danilowa und Lasutina zogen vor den Sport-Weltgerichtshof Cas. Erst unterlag Danilowa - und Scott hatte plötzlich die Silbermedaille. Dann unterlag Lasutina - und Scott gab Silber wieder ab, um im Juni 2004, 28 Monate nach dem Ende der Spiele, eine Goldmedaille in Empfang zu nehmen.

Sommerspiele von London noch lange nicht vorbei

Die XXX. Olympischen Sommerspiele in London waren keine zwölf Stunden vorbei, da hatten sie schon wieder begonnen. Am frühen Montagmorgen konferierte zunächst die Disziplinarkommission und dann das IOC-Exekutivkomitee über einen Dopingfall. Und um 11.11 Uhr musste die Olympiastatistik neu geschrieben werden: Die Weißrussin Nadeschda Ostaptschuk war zweimal, am Tag vor dem Kugelstoß-Wettbewerb und nach dem Finale am 6. August, positiv auf das Anabolikum Methenolon getestet worden.

Ostaptschuk wurde ihre Goldmedaille aberkannt. Auch wenn sie gegen diese Entscheidung kämpfen will, neue Olympiasiegerin im Kugelstoßen ist nun Valerie Adams aus Neuseeland. Silber erhielt die Russin Jewgenia Kolodko, Bronze die Chinesin Lijiao Gong.

Methenolon ist ein Steroid der alten Schule mit den üblichen virilisierenden Nebenwirkungen - in Weißrussland gut bekannt. Ostaptschuk ist nicht die erste Kugelstoßerin ihres Landes, die im Zusammenhang mit Doping in die Schlagzeilen geraten ist. Die prominentesten Fälle sind gar Weltmeister und Olympiasieger: Janina Koroltschik und Andrej Michnewitsch. Und auch den Peking-Medaillengewinnern im Hammerwerfen, Wadim Dewjatowski und Iwan Tichon, wurden die Medaillen zunächst aberkannt. Allerdings klagten beide gegen die Entscheidung vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas, das wegen einer Panne im Labor, das die Proben analysierte, die Disqualifikationen aufhob.

Enttarnung Ostaptschuks wird als großer Coup verkauft

Erstaunlich am aktuellen Dopingfall ist allein, dass Ostaptschuk zuvor noch nie erwischt wurde. Sie war Weltmeisterin in der Halle und im Freien, und hat sich auch in der Diamond League Hunderttausende Dollar Preisgeld erstoßen. In Publikationen des europäischen Verbandes EAA wurden ihre Leistungssteigerungen der letzten Jahre mit "verbesserter Technik" und einem "veränderten Lebensstil" beschrieben.

Nun wird die Enttarnung Ostaptschuks vom IOC als großer Coup verkauft. "Von April bis zur Öffnung des Olympischen Dorfs in London im Juli wurden weltweit 117 Sportler aus dem Verkehr gezogen. Das zeigt, dass wir die sauberen Athleten schützen und dass das System funktioniert", sagte Rogge. Beobachter glauben jedoch, dass die in den drei Monaten überführten Athleten lediglich Alibi-Dopingfälle sind. Denn während der Spiele flogen in London bei Tests nur drei weitere Randsportler auf: ein Judoka aus den USA, eine Läuferin aus Syrien und ein Läufer aus Kolumbien.

Gerade sind die Spiele von Sydney 2000 zu Ende gegangen

Auch um die eingefrorenen Olympia-Proben hat es immer wieder Unklarheiten gegeben. "Wir haben acht Jahre Zeit und wollen nicht zu schnell testen", begründet IOC-Chef Rogge die Verzögerungen. "Wenn es keine neuen Tests auf Mittel gibt, die wir auch zuvor nicht nachweisen konnten, dann warten wir bis zum letzten Moment, um die Proben aufzutauen." Das geschah in diesem Frühjahr mit den Athen-Proben - allerdings nur auf Druck der Öffentlichkeit und weniger dem der Funktionäre.

Fest steht: Die Sommerspiele von London sind noch lange nicht beendet. Das kann noch acht Jahre oder länger dauern. Bis dahin ist die Medaillenwertung unter Vorbehalt zu betrachten. So laufen die Spiele 2004 derzeit auf Hochtouren - in Labors und im IOC-Hauptquartier. Die Sommerspiele 2000 von Sydney wurden erst im Juli 2012 beendet, als das IOC die Goldmedaillen der 4x400-Meter-Staffel an Nigeria neu vergab - allerdings war einer der Läufer, Sunday Bada, bereits verstorben.

insgesamt 17 Beiträge
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luwigal 13.08.2012
1. Gerechtigkeit?
Ich zieiere: Noch Jahre nach den Wettkämpfen werden Dopingsünder überführt und Medaillen aberkannt - wie nun bei Nadeschda Ostaptschuk. Athleten wie Beckie Scott können unverhofft jubeln. ----------------------------- Nein. Wer weiß, was in den Jahren danach alles passiert. Vielleicht lebt derjenige nicht mehr, der die Medaille "danach" bekommen soll. Auch das zeigt wie menschen- und sportverachtend Doping sein kann. Und überhaupt, wie bescheuert ist das denn, wenn es plötzlich nach zehn Jahren heißt, dass man eine Medaille von jemanden "übernimmt".
luwigal 13.08.2012
2. Zum Medaillenentzug sollte ...
sich eine Schadensersatzforderung gesellen, die eine Höhe beinhaltet, die jeden Dopingsünder grundsätzlich abschreckt. Doping darf sich nicht lohnen und der eigene Geldbeutel schmerzt am meisten.
meffisto 13.08.2012
3. Der Hochleistungssport ist einfach verloren
Machen Sie sich doch nicht lächerlich... was nützen solche Bauernopfer. Es genügt doch die Grundschulreife, um zu kapieren, dass der Hochleistungssport - und zwar ALLER - mit Billigung wenn nicht unter Druck der Sportverbände durchgedopt ist. Und auch Trittbrettfahrer verdienen daran, wie die Kritik kastriert kastrierter Medien... Der Hochleistungssport ist einfach verloren
annatheke 13.08.2012
4.
Und das Unglaubliche ist, dass Dopingsünder wie der Betrüger Winikurow oder der tunesische Freiwasserschwimmer wieder teilnehmen dürfen. Wenn Olympia im Ansatz ein Fest der Werte sein soll, dann müsste das Grundbedingung sein: Wer versucht hat andere zu betrügen, hat seinen Startrecht verwirkt. Und zur Weißrussin: Sie macht nur Paltz für die Vollgedopten aus Russland und China, die aber mehr Geld und bessere Betreuung haben. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche! Und das nimmt mir leider die Freude an vielen Sportarten und an Olympia im Allgemeinen.
aetschm 13.08.2012
5. Ach
Ich bin ja schwer dafür, Dopingsünder mit einer Lebenslangen Sperre in der entsprechenden Sportart für internationale Wettkämpfe zu verurteilen. Das würde sowohl Doping"nehmer" als auch Doping"geber" schön abschrecken.
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