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22. Februar 2013, 14:41 Uhr

Fall Pistorius und der Behindertensport

Aus dem Schatten ins Licht

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Der Fall Oscar Pistorius schockiert die paralympische Sportszene. Gleichzeitig sind sich Verantwortliche und Aktive aber bewusst: Das abrupte Karriereende des Sprinters eröffnet behinderten Sportlern, die bislang im Schatten des Superstars standen, die Möglichkeit, sich neu in Szene zu setzen.

Hamburg - David Behre war 20 Jahre alt, als er beide Füße verlor. Am frühen Morgen des 8. September 2007 fuhr er mit dem Fahrrad von einer Party nach Hause. Er wollte einen Bahnübergang kreuzen, die Schranken waren offen. Den heranrauschenden Güterzug hörte er nicht.

Es ist ein Wunder, dass Behre den Unfall überlebte. Doch dass er wieder in sein Leben zurückfand, nur wenige Tage nach der Notoperation, hat er vor allem einem zu verdanken: Oscar Pistorius.

Behre sah im Krankenhaus eine Dokumentation über den südafrikanischen Sprintstar, er dachte: "Das kann ich auch." Ein Jahr nach dem Verlust seiner Füße begann Behre beim TSV Bayer Leverkusen mit dem Training auf Sprintprothesen, fünf Jahre später startete er bei den Paralympischen Spielen in London und gewann Bronze mit der 4x100-Meter-Staffel. Er hält den deutschen Rekord über 100 Meter (11,66 Sekunden) und die Europarekorde über 200 Meter (23,14) und 400 Meter (51,40), hat einen Sponsor, der ihm ein Leben als Profisportler ermöglicht. Auch dank Pistorius.

Dessen sportliche Karriere ist vorbei, er soll seine Freudin Reeva Steenkamp erschossen haben und ist wegen Mordes angeklagt. Zudem sollen in seiner Wohnung in Pretoria verbotene Substanzen gefunden worden sein. Derzeit geht es vor Gericht darum, ob Pistorius bis zur Hauptverhandlung gegen Kaution freigelassen wird.

"Wir müssen das erstmal verarbeiten"

Die Paralympics-Szene, in der sich die meisten Athleten untereinander gut kennen, ist bestürzt - aber vor allem: verwirrt. "David kann und will sich gerade nicht zu dem Vorfall äußern. Pistorius war sein Vorbild und Freund. Und jetzt soll er ein Mörder sein und mit Steroiden gedopt haben", sagt Jörg Frischmann, Geschäftsführer der Behindertensportabteilung in Leverkusen. Auch Heinrich Popow, paralympischer Goldmedaillengewinner und Vereinskollege von Behre, möchte nichts sagen. "Wir müssen das erstmal verarbeiten", sagt Frischmann.

Der Schock sitzt tief. Pistorius war die strahlende Figur der paralympischen Bewegung, er war - wenngleich in seiner Persönlichkeit nicht unumstritten - der große Star, ein Sinnbild für die menschliche Willenskraft. Er lockte die Zuschauer zu Tausenden in die Stadien und vor die Bildschirme, machte den Behindertensport für Sponsoren und Medien attraktiv. Was bedeutet sein tiefer Fall für die paralympische Szene?

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) sagt SPIEGEL ONLINE: "Es war ein unzweifelhafter Verdienst von Oscar Pistorius, dass er die paralympische Bewegung so in die Schlagzeilen gebracht hat. Auch bei uns zählt nicht nur die Leistung, sondern ihre mediale Präsentation." Beucher befürchtet deshalb den Rückzug von Sponsoren, die den Behindertensport in den vergangenen Jahren vor allem wegen der Vermarktung moralischer Mehrwerte wie Fairness oder Antidiskriminierung für sich entdeckt haben. Ein möglicher Mörder und Doper Pistorius passt nicht in dieses Bild, mehr noch: Er zerstört es.

So haben sich Anfang der Woche bereits seine beiden Hauptsponsoren, der Brillenhersteller Oakley und Sportartikelriese Nike, von Pistorius abgewandt. Oakley hat seine Verträge mit dem Sprinter bereits aufgelöst, Nike ließ verlauten, dass man kein Interesse an weiteren Kampagnen mit Pistorius habe.

Die Hoffnung ruht auf jungen Athleten

Trotzdem: "Pistorius war ein Leuchtturm, so etwas brauchte unser Sport", sagt Beucher. Er hofft, dass Pistorius' Strahlkraft bereits so stark gewirkt habe, dass junge Sportler darin an die Spitze rücken können. Darauf setzt auch das Internationale Paralympische Kommitee (IPC): "Es gibt einige junge Athleten, die sich in London gezeigt haben - und viele Menschen haben wegen Pistorius hingeschaut. Sie werden den Sport weiter vorantreiben", sagt IPC-Sprecher Craig Spence.

Tatsächlich scheint dies die große Hoffnung der paralympischen Szene zu sein. Sportler, die bislang im Schatten des Südafrikaners standen, könnten von der durch ihn erlangten Bekanntheit des Behindertensports profitieren und sich nun selbst besser in Szene setzen. Denn Pistorius überstrahlte sie nicht nur - er stahl ihnen mit seiner ständigen Präsenz im Fernsehen oder bei gesellschaftlichen Events auch die Show. Doch das Wichtigste wird bei dieser Rechnung außer Acht gelassen: Für mediale Aufmerksamkeit sorgt vor allem derjenige, der mehr ist als ein sehr guter Sportler.

Ein solcher ist auch David Behre. Dennoch hatte der deutsche "Blade Runner" vor den Paralympischen Spielen in London Gänsehaut bei dem Gedanken, im Olympiastadion gegen Oscar Pistorius anzutreten: "Ich freue mich riesig darauf, gegen ihn zu laufen", hatte er damals gesagt. Behre war dankbar, endlich eine kleine Rolle im Märchen vom großen Pistorius spielen zu dürfen.

Das Märchen ist aus. Der Behindertensport ist wieder auf sich selbst gestellt.

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