WM-Enttäuschung für Fechter In die Parade gefahren 

Die deutschen Fechter haben bei der Weltmeisterschaft so schlecht abgeschnitten wie seit 1971 nicht mehr. Die großen Zeiten des Verbands sind vorbei. Jetzt geht es um Wiedergutmachung.

Max Hartung bei der WM in China
ALEKSANDAR PLAVEVSKI/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Max Hartung bei der WM in China

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Gegen Zahlen kann man schlecht argumentieren. Die deutschen Fechter und Fechterinnen haben bei der WM in China keine einzige Medaille gewinnen können, das ist seit 1971 nicht mehr passiert. Im Vorjahr bei der Heim-WM in Leipzig gab es auch nur einmal Bronze, und die Medaillenausbeute bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 war, man ahnt es schon, gleich null. Fechten, einst die glänzende deutsche Sportart mit der Medaillenschmiede Tauberbischofsheim, steckt tief im Tal. Wenn man nur diese Zahlen betrachtet.

Dass bei den Titelkämpfen in China viele junge deutsche Fechter auf der Planche standen, dass nur vier Wochen zuvor Säbelfechter Max Hartung Europameister geworden war, dass im deutschen Fechtsport seit der Olympia-Pleite von Rio 2016 versucht wird, neue Wege zu gehen - das erzählen die Zahlen allerdings nicht. "Es ist nun einmal so: Die supererfolgreichen Zeiten, die sind vorbei", sagt der Sportdirektor des Deutschen Fechter-Bundes, Sven Ressel.

Die supererfolgreichen Zeiten - die Namen kann jeder, der sich für diesen Sport interessiert, herunterbeten: Emil Beck, der kugelrunde Trainer-Patriarch, Alexander Pusch, Anja Fichtel, Zita Funkenhauser, Matthias Behr, der heutige IOC-Boss Thomas Bach reiht sich dort auch gerne ein, zuletzt noch Britta Heidemann und Peter Joppich. Joppich ist vier Mal Weltmeister mit dem Florett gewesen, in China landete er letztlich auf Platz 64. Weil er gleich zu Beginn der K.-o.-Runde auf den Weltranglistenzweiten Alessio Foconi aus Italien traf und ihm unterlag.

Schon Platzierungen unter Top Ten sind ein Erfolg

Joppich ist mittlerweile 35 Jahre alt, er gehört ebenso wie Teamkollege Benjamin Kleibrink zur alten Garde, Kleibrink wurde vor zehn Jahren in Peking Olympiasieger. Damals nahm die Öffentlichkeit die Erfolge deutscher Fechter noch als fast selbstverständlich zur Kenntnis. Heute freut sich der Verband schon über Platzierungen unter den besten Acht.

Die internationalen Machtverhältnisse im Fechten haben sich über die Jahre verändert. Einige Top-Nationen wie Italien oder Ungarn haben ihren Status zwar bewahren können, aber die Fechter aus Asien drängen immer stärker in die Weltspitze: China, Südkorea, Taiwan, Hongkong sind Fechtnationen geworden. Mit den USA und der Schweiz gab es diesmal Teamweltmeister, die nie zuvor Gold geholt hatten. Die Konkurrenz hat zunächst massiv aufgeholt, mittlerweile hat sie überholt.

In Sichtweite ist sie an guten Tagen dennoch, auch das wird angesichts der mauen Medaillenbilanz möglicherweise untergehen. In den Teamwettbewerben waren die Niederlagen fast durchweg knapp, das Florett-Team der Männer unterlag den Chinesen 44:45. "Wir waren in Gefechten gegen Top-Teams auf Augenhöhe, haben aber am Ende den Sack nicht zumachen können", sagt Ressel. Und Max Hartung twitterte abschließend fast galgenhumorig: "Wir können die Besten schlagen, wir tun es nur zu selten."

Sie können die Besten schlagen, früher jedoch waren sie selbst die Besten. Klar ist: Die Fechter werden, gerade wenn es um die Förderung durch den DOSB geht, an Medaillen gemessen, und insofern herrscht nach der WM "Enttäuschung pur", wie Ressel sagt. Der Sportinformationsdienst fasst die WM aus deutscher Sicht zusammen: "Ein Albtraum wird Realität."

"Der Glaube stirbt zuletzt"

Es gibt Talente, die 18-jährige Leonie Ebert zum Beispiel, die in der Florettkonkurrenz Elfte wurde. Hartung, als Athletensprecher mittlerweile sportpolitisch fast so gefordert wie auf der Planche, hat vor vier Wochen bei der EM in Serbien noch die gesamte Konkurrenz besiegt, sein damaliger Finalgegner Kamil Ibragimow drehte den Spieß bei der WM im Achtelfinale allerdings um. Wenn Ressel mit Blick auf die 2019 beginnende Olympia-Qualifikation sagt: "Wir können das schaffen. Der Glaube stirbt zuletzt", klingt das allerdings schon sehr nach dem Pfeifen im Walde.

Zu den Olympischen Spielen von Rio hatte der Fechterbund nur vier Einzelsportler entsandt, keine der Mannschaften hatte sich für Olympia qualifiziert, das darf sich der Verband für Tokio 2020 nicht noch einmal erlauben, das weiß er genau. Die Fechter gehören ohnehin zu denen, die alle vier Jahre nur einmal ins Rampenlicht kommen, nämlich dann, wenn die Sommerspiele anliegen. Wenn sie selbst dort nicht präsent sind, interessiert sich bald niemand mehr für diese an sich so hochattraktive Sportart. Welche Eltern schicken ihre Kinder noch zum Fechten?

Alle Tradition nützt dann nichts mehr, und davon hat der Deutsche Fechter-Bund genug zu bieten. Tauberbischofsheim ist ein mythischer Ort des Fechtsports, aber auch dort hat der Glanz dicke Flecken bekommen. Die schweren Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs haben die Arbeit am Stützpunkt überschattet. Dazu hat der örtliche Fechtklub mittlerweile das Label des Olympiastützpunktes eingebüßt, offiziell heißt Tauberbischofsheim seit diesem Jahr nur noch "Servicepunkt Fechten", die baden-württembergischen Olympiastützpunkte Freiburg, Stuttgart und Heidelberg behielten ihr Etikett, Tauberbischofsheim war der große Verlierer.

In einem Jahr ist Deutschland Ausrichter der nächsten Europameisterschaft. Die EM findet in Düsseldorf statt. Ressel sagt mit Blick aufs kommende Jahr: "Wir setzen unseren eingeschlagenen Weg noch konsequenter fort." Damit sollte er nicht die Medaillenausbeute meinen.



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coyote38 27.07.2018
1. Es ist überall das Gleiche ...
Vor den Niedergang haben die Götter nicht "die Steckrübensuppe", sondern "die goldenen Schüsseln" gestellt. Man könne es auch als "spätrömische Dekadenz" bezeichnen. Wer kann sich denn noch an den Meistertrainer Emil Beck erinnern ...? Er war jemand, der dem Erfolg restlos alles unterordnete, unbequeme Wege ging, 100%ige Disziplin verlangte und bei aller menschlicher Jovialität in der Sache knallhart und rücksichtslos war. Ein nach "heutigen" Maßstaben höchst unbequemer "Menschenschinder". Nachdem er mit - wie sich im Nachhinein herausstellte - fadenscheinigen Begründungen aus der von ihm quasi geschaffenen Kaderschmieder Tauberbischofsheim herausgedrängt worden war, konnte man zusehen, wie der deutsche Fechtsport "peu à peu" in die Bedeutungslosigkeit absackte. Und wenn ich mich richtig erinnere, dann haben auch und gerade die im Artikel erwähnten Alexander Pusch, Matthias Behr sowie der heutige IOC-Boss Thomas Bach dabei keine sonderlich "rühmliche" Rolle gespielt. Nachdem der Macher weg war, lebten die Schwätzer und Luftquirler noch ein paar Jahre von der Substanz und dann war "der Ofen aus". --- Wer findet bei diesem Szenario etwaige Parallelen zu Sport und Gesellschaft von "heute"...?
kolumbus64 27.07.2018
2. ....es wiederholt sich!
Ich habe selbst Ende der 90‘er Jahre in Tauberbischofsheim gewohnt. Obwohl ich selbst nie gefochten habe, hat mich dieser Sport mit seiner Eleganz und zugleich Athletik immer sehr fasziniert. Schon damals konnte man in TBB im Ansatz aber erkennen, was kürzlich in der FAZ zum Scheitern der Nationalmannschaft in Russland und dem desaströsen Bild, welches der DFB abgibt, so treffend zusammen gefasst worden ist: Erfolgsarroganz, Selbstüberschätzung, Sorglosigkeit! Jegliche kritische Stimme wurde unterdrückt und der Urheber als Störenfried bzw. Nestbeschmutzer gebrandmarkt. ....und dieses Verhalten wiederholt sich ständig in Unternehmen, Verbänden, Politik & Gesellschaft.
Direwolf 27.07.2018
3. Nicht überraschend
Ich bin selber Funktionär (Kassenwart) im Fechtverein und mich überrascht diese Entwicklung gar nicht. Man muss es mal ganz klar sagen. Um im Fechten richtig gut zu werden, müssen Bewegungsabläufe in früher Jugend gnadenlos eingedrillt werden. Das gilt insbesondere für die Beinarbeit. In der alten UdSSR war es beispielsweise üblich, dass die Kinder am Anfang über JAhre nur Beinarbeit gemacht haben. Das ist aber nicht nur extrem anstrengend, sondern auch noch totlangweilig. Mit anderen Worten, wer so was versucht, hat nach einem Jahr keine Jugend mehr im Verein. Diesen Aspekt können die aufstrebenden asiatischen Fechtnationen viel besser abdecken, da quasi ihr gesamtes Schulsystem auf diesem Drillansatz basiert. So entsteht schon in den allerersten Jahren ein enormer Rückstand, den man nur durch viel Talent ausgleichen kann. Interesse bei den Kindern ist durchaus da, die Anfängerkurse sind immer voll, aber der Wettbewerbswille ist nicht besonders ausgeprägt, was bei einem Zweikampfsport etwas seltsam ist. Ich denke hier liegt der Hase im Pfeffe. Hinzu kommt natürlich die 100% Fußballdominanz und die relativ zu früher geringere Zahl an Kindern.
a4695171 27.07.2018
4. Fußball überschattet Randsportarten
Sicher sind viele Mängel beim Deutschen Fechterbund auch Hausgemacht. Jedoch werden Randsportarten vom Fußball überschattet. Der Fußball bekommt in den Medien einen zu großen Stellenwert beigemessen. Insbesondere die öffentlich rechtlichen Medien, vom Staat finanziert, sollten ausgewogener berichten. Hier sollten die Einschaltquoten/Klicks nicht das ausschlagende Kriterium sein. Stattdessen sollte durch aktive Berichterstattung auf Randsportarten aufmerksam gemacht werden. Leider wird dieses Thema zu selten diskutiert.
r-bolter 27.07.2018
5. Kaputt gespart
Das Fechten wie auch andere Randsportarten wie Schwimmen leiden schlicht unter der Finanznot des Staates: Schwimmbäder werden dichtgemacht (auch im reichen Bayern !), Sporthallen sind oft sanierungsbedürftig. Mein örtlicher Schwimmverein bekommt genau zweimal eine Stunde Trainigszeit wöchentlich ... Nationale Spitzensportler in diesen Sportarten erhalten meist nur 400 € monatliche Unterstützung, da wird der eigentlich profiähnliche Spitzensport eben zum Hobby, und die Trainer sollen auch für Nix arbeiten ... von den Trainingsmöglichkeiten und von der finanziellen Unterstützung in anderen Ländern können deutsche Fechter und Schwimmerinnen nur träumen ... Daher sollte man die Sportler und Verbände heute nicht kritisieren: Wegen der Fußballdominanz haben sie nur noch wenig Nachwuchstalente, und die zahlreichen Migrantenkinder spielen meist auch nur Fußball und haben kein Interessse an Schwimmen und Fechten!
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