Missbrauchsvorwürfe am Fechtzentrum Beschuldigter Trainer stimmt überraschend Vergleich zu

Sportlerinnen warfen einem Trainer vor, sie missbraucht zu haben. Es folgte die Kündigung und eine Klage des Trainers. Nun hat er überraschend einem Vergleich zugestimmt.

Das Fechtzentrum mit Olympiastützpunkt in Tauberbischofsheim
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Das Fechtzentrum mit Olympiastützpunkt in Tauberbischofsheim

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Der Arbeitsgerichtsprozess um einen wegen Belästigungsvorwürfen gekündigten Fechttrainer am Stützpunkt Tauberbischofsheim ist am Donnerstag überraschend mit einem Vergleich zu Ende gegangen. Das teilte das Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg mit.

Vergangenes Jahr war bekannt geworden, dass mehrere Sportlerinnen dem renommierten Landestrainer Sven T. sexuelle Gewalt vorwerfen. Carolin Golubytskyi, eine der besten Florettfechterinnen der Welt, war die erste Sportlerin, die die Anschuldigungen gegen Sven T. formulierte. Im Dezember 2016 wandte sie sich an Funktionäre des Landessportverbands Baden-Württemberg (LSV), in einem vertraulichen Gespräch erzählte sie von einem Turnier im Jahr 2003, bei dem sie der Trainer abends im Hotel missbraucht haben soll.

Der LSV war der Arbeitgeber von Sven T., der Verband kündigte dem Trainer noch im Dezember 2016 fristlos, nachdem auch andere Sportlerinnen und Trainerkollegen gegen ihn ausgesagt hatten. Offenbar hatten sich über die Jahre am Fechtzentrum immer wieder Frauen und Mädchen über Sven T. beklagt, über sein Alkoholproblem, und darüber, dass er Kaderathletinnen in den Po gekniffen und obszöne Bemerkungen über ihre Brüste gemacht haben soll. Bis ins Jahr 2016 soll es Vorfälle gegeben haben.

"Betroffene Fechterinnen aus dem Schussfeld nehmen"

Sven T. bezeichnete die Anschuldigungen als unwahr und zog vor Gericht. Der Prozess zog sich nun fast eineinhalb Jahre. Im Februar sagte Golubytskyi als Zeugin aus, sie berichtete, wie Sven T. sie damals im Hotelzimmer aufs Bett gedrückt und sich dann auf sie gelegt haben soll. Ihre Zimmernachbarin, die Fechterin Sandra Bingenheimer, soll den Vorfall gesehen haben. Bingenheimer sagte zuletzt ebenfalls als Zeugin vor Gericht aus und bestätigte Golubytskyis Schilderungen.

Das Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg hat dem LSV und Sven T. vor einigen Wochen einen Vergleich vorgeschlagen. Der Sportverband wäre bereit gewesen, dem Vorschlag zuzustimmen, "um die betroffenen Fechterinnen aus dem Schussfeld zu nehmen", wie es beim LSV heißt. LSV-Präsidentin Elvira Menzer-Haasis sagte dem SPIEGEL auf Nachfrage: "Es ist ganz im Sinne des Standorts Tauberbischofsheim, dass das Verfahren zu einem Abschluss gekommen ist. Dort kann nun wieder in Ruhe gearbeitet werden."

Sven T. jedoch hatte zunächst offenbar kein Interesse an einem Vergleich. Der Trainer behauptete stets, Opfer einer Intrige zu sein, einer Verschwörung zwischen den Sportlerinnen, Mitarbeitern am Fechtzentrum in Tauberbischofsheim und dem LSV. So soll Sven T. dem LSV im Prozess vor dem Arbeitsgericht zuletzt noch vorgeworfen haben, Carolin Golubytskyi unrechtmäßig Urlaube bezahlt zu haben. "Es gibt keine Intrige", sagte LSV-Präsidentin Menzer-Haasis. Der Vorwurf der bezahlten Urlaube nannte sie "eine der unglaublichen Unterstellungen, die im Laufe des Prozesses auftauchten". Der Verband gehe mit dem Wissen aus diesem Verfahren, "stets nach bestem Wissen und in seiner Verantwortung den Athletinnen und Athleten -und dem Sport-gegenüber gehandelt zu haben".

"Das waren wilde Behauptungen", sagt auch Sylvia Aldinger-Krimmel, die Anwältin des LSV, zu den angeblich bezahlten Urlauben. Das seien normale Trainingslager gewesen. Sven T. hätte laut Aldinger-Krimmel für seine Vorwürfe bis zum 11. April Beweise vorlegen müssen. "Das hat er aber nicht getan", sagt die Anwältin.

Auf Anfrage des SPIEGEL wollte sich Sven T. nicht äußern

Stattdessen habe der Landessportverband seinerseits Anfang April einen Schriftsatz bei Gericht vorgelegt. "Wir haben 25 Seiten mit neuem Material eingereicht, es umfasste unter anderem Aussagen von Trainern, die früher am Fechtzentrum gearbeitet haben und Herrn T. schwer belastet haben. Die zeitliche Nähe zur Entscheidung der Gegenseite, dem Vergleich nun doch zuzustimmen, ist ziemlich auffällig. Herr T. hat aus den neuen Vorwürfen gegen ihn wohl die Konsequenzen gezogen und eine Kehrtwende hingelegt."

Der LSV kündigte Sven T. ursprünglich im Dezember 2016 fristlos. Der Vergleich, dem beide Parteien nun zugestimmt haben, bestimmt nun, dass der Trainer erst zum 31. März 2018 beim LSV ausgeschieden ist. Bis zu diesem Datum erhält er rückwirkend sein Gehalt. Sven T. soll ursprünglich eine Abfindung von 150.000 Euro gefordert haben, dies wurde jedoch abgelehnt.

Auf Anfrage des SPIEGEL wollte sich Sven T. nicht äußern, den Fränkischen Nachrichten sagte er für die heutige Ausgabe: "Ich möchte dazu nur so viel sagen, dass ich froh bin, dass die Geschichte erledigt ist."

Die LSV-Anwältin Aldinger-Krimmel betont: "Wir haben keine der Vorwürfe gegen den Trainer zurückgenommen". Auch Carolin Golubytskyi und Sandra Bingenheimer, sagt sie, würden weiterhin zu ihrer Aussage stehen.



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