eWorld Cup der Fifa "Schade, dass keine Frauen in der Finalrunde sind"

Die Fifa richtet die Fußball-WM aus. Beim Fifa eWorld Cup lässt sie aber auch ausspielen, wer der weltbeste "Fifa"-Videospieler ist. So divers wie der echte Fußball ist das Turnier längst nicht.

Fifa eWorld Cup in London
DPA

Fifa eWorld Cup in London

Aus London berichtet


Der Fifa eWorld Cup stellt auf die Probe, was man über eine Fifa-Weltmeisterschaft zu wissen glaubt. 32 junge Männer aus 19 Nationen - gleich acht davon aus Deutschland - kämpfen um den WM-Titel: Auf der Playstation 4 und der Xbox One spielen sie das Fußballspiel "Fifa 18" gegeneinander, unter Namen wie "Honey Badger" und "Eisvogel".

Wieso veranstaltet der Weltfußballverband Fifa solch ein Videospielturnier? Und warum eigentlich sind acht Deutsche dabei, aber nur je ein Spieler aus Ozeanien und Asien? Und gar keiner aus Afrika?

Solche Fragen beantwortet Jean-François Pathy. Er ist Marketing-Leiter bei der Fifa und so sehr Kommunikationsprofi, dass er über Uli Hoeneß' jüngste Kritik am E-Sport sagt, Hoeneß habe nun mal seine Meinung, und das sei natürlich in Ordnung. Viele seiner Antworten laufen darauf hinauf, dass die Fifa junge Leute ansprechen will, eine begehrte, aber selbst mit dem Thema Videospiele nicht leicht zu gewinnende Zielgruppe.

In der O2-Arena in London, in der bis Samstagabend "Fifa" gespielt wird, erklärt Pathy, dass es zum Konzept gehöre, dass sich mehrere Spieler aus einem Land fürs "Grand Final" qualifizieren könnten. Aus Afrika war diesmal schlicht niemand erfolgreich genug.

"Das hier ist wahrscheinlich die einzige Fifa-WM, bei der jeder Weltmeister werden kann", sagt Pathy und spielt auf Millionen "Fifa"-Gamer an, die zumindest theoretisch - praktisch ist das Niveau vor Ort für Hobbyspieler viel zu hoch - die Chance gehabt hätten, es nach London zu schaffen.

Jean-François Pathy mit dem eWorld-Cup-Pokal
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Jean-François Pathy mit dem eWorld-Cup-Pokal

Mehr Diversität als Ziel

Mehr Diversität im Teilnehmerfeld wäre Pathy aber durchaus lieb. "Ich fände es toll, Spieler von jedem Kontinent dabei zu haben", sagt er, und klar, Teilnehmer aus noch mehr Ländern wären auch gut. "Eine richtige WM wäre wunderbar."

Auch in Sachen Geschlechter gehe noch was, sagt Pathy, obwohl "Fifa" klassischerweise vor allem von jungen Männern gespielt wird: "Es ist ein wenig schade, dass dieses Jahr keine Frauen in der Finalrunde dabei sind."

Auf die Frage, ob Männer und Frauen in "Fifa" anders als im realen Fußball bei einer WM direkt gegeneinander spielen könnten, sagt Pathy: "Sicher."

Ein Turnier analog zur Fußball-WM der Frauen gibt es nicht; auch eine Frauenquote zieht man bei der Fifa derzeit nicht in Betracht, genauso wenig wie etwa ein Setzsystem: "Beim eWorld Cup sollten die Besten spielen", sagt Pathy.

In Sachen Inszenierung sieht der Marketing-Mann das Event auf gutem Kurs. Die O2-Arena ist die bislang beeindruckendste "Fifa"-Turnierkulisse, das Preisgeld für den Sieger ist mit 250.000 Dollar höher denn je. Das Turnier soll ein "Fan-Event" sein, eine "Entertainment-Veranstaltung", sagt Pathy.

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Beliebte Spieleserie: So hat sich die "Fifa"-Reihe verändert

Die Fifa will von "Overwatch" lernen

Dass "Fifa" seltener als "Dota 2" oder "Overwatch" als E-Sport-Spiel wahrgenommen werde, störe ihn nicht: "Das ist für uns in Ordnung", sagt Pathy. "Wir sind anders. Wir sind mit realem Fußball verbunden, mit der realen Welt."

Pathy ist auch bewusst, dass die Events zu Spielen wie "Dota 2" denjenigen von "Fifa" etwas voraushaben - von den Zuschauerzahlen bis zur Höhe des Preisgelds. Man könnte das Erlebnis für die Fans, die den eWorld Cup im Livestream verfolgen, noch verbessern, sagt Pathy, und verweist dabei auf "Overwatch". Den Online-Shooter nennt er auch in Sachen Sponsoring als Vorbild.

Das ist interessant, denn die Fifa war schon mehr als ein Jahrzehnt, bevor "Overwatch" 2016 erschien, im E-Sport aktiv: Vor dem Fifa eWorld Cup gab es ein ähnliches Event, den Fifa Interactive World Cup, der von 2004 bis 2017 jährlich ausgespielt wurde. "Auf gewisse Art war das damals visionär von uns, aus dem Produkt ein reales Event zu machen", sagt Pathy über die Zeiten, als Online-Livestreams noch nicht zum Alltag vieler "Fifa"- und Fußballfans gehörten.

Das Wichtigste zum Fifa eWorld Cup 2018
Was ist der Fifa eWorld Cup?

Ein Videospielturnier, das der Weltfußballverband Fifa ausrichtet. Die Fifa inszeniert es als virtuelles Gegenstück zur Fußball-WM, gespielt wird die beliebte Fußballsimulation "Fifa" von EA Sports. Wer hier gewinnt, darf sich offiziell "Fifa"-Weltmeister nennen - und ist dank des Sieger-Preisgeldes 250.000 Dollar reicher.

Das "Grand Final", also die Finalrunde des Turniers, findet vom 2. bis zum 4. August in der Londoner O2-Arena statt. Für die internationale "Fifa"-E-Sports-Szene ist es der prestigeträchtigste Wettbewerb des Jahres.

Das Turnier kann zum Beispiel via YouTube und via Twitch live verfolgt werden. Auch der deutsche Sportsender Sport 1 überträgt den Wettbewerb, zum Teil auch im Fernsehen. Spielergebnisse lassen sich auf einer Website der Fifa abrufen.

Wer ist im "Grand Final" dabei?

32 Spieler kämpfen auf Sonys Playstation 4 und Microsofts Xbox One um den Titel - allesamt junge Männer. Für das Turnier haben sie sich über "Playoff-Events" qualifiziert. Auch für diese mussten sich die Spieler über weitere Wettbewerbe qualifizieren.

Beim "Grand Final" treten nun Spieler aus 19 Ländern gegeneinander, gleich acht Deutsche spielen mit: "Deto", "Eisvogel", "MoAubameyang", "TheStrxngeR", "M4RV", "MegaBit", "Nraseck" und "Sakul".

Die Teilnehmer kennen sich größtenteils persönlich, von anderen Wettbewerben oder weil sie zur Vorbereitung auf den eWorld Cup gemeinsam trainiert haben. Eine Übersicht aller Teilnehmer des "Grand Final" finden Sie in dieser Fotostrecke.

Wer ist Favorit?

Verglichen mit einer Fußball-WM ist es bei "Fifa"-Turnieren schwieriger, klare Favoriten auszumachen. Die meisten Profi-Spieler sagen: Wer es bis in "Grand Final" geschafft hat, kann auch den Titel holen. Eine entscheidende Frage wird sein, welcher der 32 Teilnehmer die stärksten Nerven hat - vor allem, wenn am 4. August nicht nur für den Internet-Stream, sondern vor Livepublikum in der O2-Arena gespielt wird.

Einen Vorteil haben in dieser Hinsicht Spieler, die schon einmal einen so wichtigen Titel gewonnen haben. Dazu zählt Spencer "Gorilla" Ealing aus England, der 2017 das Vorläufer-Event des eWorld Cups, den Fifa Interactive World Cup, für sich entscheiden konnte. Einen Triumph beim Interactive World Cup im Rücken hat auch August "Agge" Rosenmeier aus Dänemark, er gewann ihn 2014.

Die deutschen "Fifa"-Spieler gelten allgemein als stark - und da sie gleich zu acht vertreten sind, gilt auch ein deutscher Sieg in London als gut möglich. Den Interactive World Cup allerdings konnte nie ein Deutscher gewinnen: 2017 in London scheiterte Kai "Deto" Wollin im Finale an "Gorilla".

Wie läuft das Turnier ab?

Es gibt acht Vierergruppen, aus denen sich jeweils die vier erfolgreichsten Spieler für die K.-o.-Runde qualifizieren. Jeder spielt zweimal gegen jeden aus seiner Gruppe, das Ergebnis wird ohne Auswärtstor-Regel addiert. In der Gruppe A und B wird auf der Xbox One gespielt, in der Gruppe C und D auf der Playstation 4. Auch die Achtel-, Viertel- und Halbfinals werden in Form zweier Partien ausgetragen.

Im Endspiel trifft der Sieger der Playstation-Seite auf den Sieger der Xbox-One-Seite. Beide Finalisten spielen jeweils einmal auf jeder Konsole gegeneinander.

Der Turniersieger darf sich über 250.000 Dollar freuen, der Zweitplatzierte über 50.000 Dollar. Wer im Viertelfinale ausscheidet, bekommt immerhin noch 10.000 Euro. Und wer die Vorrunde übersteht, erhält 2500 Euro.

Wird normal "Fifa" gespielt?

Beim eWorld Cup wird eine besondere Variante von "Fifa 18" gespielt, der sogenannte E-Sports-Build. Die Spieler treten - wie es im beliebten "Ultimate Team"-Modus üblich ist - nicht mit Fußballteams in ihrer realen Besetzung an, sondern mit einem Kader, den sie sich selbst zusammenstellen.

In London tritt jeder mit der Nationalmannschaft seines Landes an, welche 23 virtuellen Spieler diese im Kader hat, lässt sich aber frei festlegen: Deutsche Teilnehmer können zum Beispiel auch Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo nominieren, alle Spieler aus dem "Ultimate Team"-Universum stehen zur Auswahl. Auch sogenannte Legenden wie Brasiliens Ronaldo oder Lothar Matthäus lassen sich ins eigene Team holen.

Welche Rolle spielen reale Fußballklubs?

Der Fifa eWorld Cup ist kein Vereinsturnier, jeder Spieler kämpft hier für sich und sein Land um den Titel. Diverse Spieler sind jedoch bei E-Sports-Teams oder in den E-Sports-Abteilungen von Fußballklubs unter Vertrag, sie dürfen diesmal sogar in ihren Vereinstrikots spielen - mit einer Landesflagge auf dem Ärmel. Der Deutsche "Deto" zum Beispiel steht bei Manchester City unter Vertrag, "TheStrxngeR" beim FC Basel.

Die Vereine zahlen den Spielern ein Gehalt und unterstützen sie zum Beispiel, indem sie ihnen Trainer oder Psychologen zur Seite stellen. Das Geld, das die Vereine zahlen, macht es vielen Spielern leichter, sich auf das professionelle "Fifa"-Spielen zu konzentrieren.

Ist "Fifa" ein beliebter E-Sport?

Die "Fifa"-E-Sports-Szene professionalisiert sich gerade: Die Preisgelder steigen, das Zuschauerinteresse wird größer, immer mehr Sportklubs und Sponsoren steigen ein. So groß wie Titel wie "League of Legends" und "Dota 2" ist "Fifa" im E-Sport aber nicht.

Zudem gibt es immer wieder Kritik an "Fifa": So ärgern sich Spieler zum Beispiel darüber, dass es im "Ultimate Team"-Modus ständig den Anreiz gibt, echtes Geld auszugeben, da das eigene Team so schneller leistungsfähiger wird. Im Fall von "Fifa 18" wird auch immer wieder über Bugs, also technische Fehler im Spiel, geschimpft.

Allgemein zählt "Fifa" zu den beliebtesten Videospielen überhaupt, "Fifa 18" etwa hat sich in Deutschland mehr als zwei Millionen Mal verkauft. Nicht jeder Käufer interessiert sich aber fürs kompetitive Gaming: Viele spielen "Fifa" zum Beispiel auch gern offline gegen vom Computer gesteuerte Gegner.

Ist der eWorld Cup neu?

Ja und nein. Das Turnier ersetzt ab 2018 den Fifa Interactive World Cup, ein ähnliches Turnier, das seit 2004 einmal pro Jahr stattfand. Der Interactive World Cup wurde schon in Städten wie Dubai, Barcelona und New York City ausgespielt.

Neu beim eWorld Cup sind Doping-Kontrollen. Zudem müssen die Teilnehmer dieses Jahr den Disziplinar- sowie den Ethikkodex der Fifa unterschreiben: Auf diese Art stellen sie unter anderem klar, dass sie sich nicht an der Manipulation von Fußballspielen und -wettbewerben beteiligen.

Wie kann ich "Fifa" spielen?

Von "Fifa" erscheint jedes Jahr eine neue Version, aktuell ist "Fifa 18". Das Spiel gibt es für Playstation 4, Xbox One und den PC. Außerdem existieren optisch und spielerisch weniger moderne "Fifa 18"-Versionen für Playstation 3, Xbox 360 und die Nintendo Switch. Die Mobilversion des Spiels, "Fifa Mobile", ist noch deutlicher abgespeckt.

Das nächste "Fifa", "Fifa 19", soll am 28. September 2018 erscheinen. Es wird erwartet, dass EA Sports in London weitere Details zu dessen Neuerungen bekanntmacht. Bislang weiß man unter anderem, dass "Fifa 19" ein neues Schuss-System bietet und die Champions-League-Lizenz hat.

Der Samstag wird der entscheidende Tag

Wie zugkräftig die Kombination aus dem Spiele-Bestseller und dem imagemäßig nicht sonderlich gut dastehenden Fußballverband im Jahr 2018 ist, wird sich Samstag herausstellen. Dann stehen die wichtigsten Spiele des eWorld Cup an, die Halbfinals und das Finale werden vor Live-Publikum ausgespielt. Ob sich die Londoner Arena - von der ohnehin nur ein Teil für Zuschauer freigegeben ist - dafür wirklich so füllt, wie es sich die Veranstalter wünschen, ist noch ungewiss.

Jean-François Pathy sagt, dass E-Sport-Publikum sei jünger als das normale Fußballpublikum, schon aus Business-Sicht gehe es hier um eine wichtige Zielgruppe. Leicht anzusprechen sei sie aber nicht. Sie sei "jung, aber reif."

Weiteres Wachstum erhofft

Wo kann es nun realistisch hingehen mit dem neuen Konzept des Turniers, angesichts von Millionen "Fifa"-Käufern, von denen aber nicht alle automatisch E-Sport-Fans sind?

Höher hinaus, was Zuschauerzahlen und Vermarktungschancen angeht, lässt Pathy durchblicken, schränkt aber ein, dass die Dimension einer Fußball-WM nicht zu erreichen sei: "Dass wir eines Tages ein Stadion mit 80.000 Zuschauern füllen, die für das eWorld-Cup-Finale kommen, ist unrealistisch."



insgesamt 6 Beiträge
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bebau 03.08.2018
1. Brasiliens Ronaldo?
Im Erklärtext zu den Teams steht, dass man auch "Legenden wie Brasiliens Ronaldo" ins Team holen kann. Meint ihr vielleicht Pele?
bloub 03.08.2018
2.
was genau ist nun das problem? das es dabei keine frauenquote gibt, ist völlig logisch aufgrund der tatsache das dabei die körperlichen unterschiede keine rolle spielen. wahrscheinlich gibt es auch einfach sehr viel weniger frauen, die fifa zocken.
Phil2302 03.08.2018
3. Schön, dass über eSport berichtet wird!
Da steckt so eine riesige weltweite Community dahinter. Ich finde es gut, wenn nun auch hier darüber berichtet wird, und vor allem wenn es so unglaublich sympatisch Veranstalter sind: "Ein Turnier analog zur Fußball-WM der Frauen gibt es nicht; auch eine Frauenquote zieht man bei der Fifa derzeit nicht in Betracht, genauso wenig wie etwa ein Setzsystem: "Beim eWorld Cup sollten die Besten spielen", sagt Pathy." Perfekt. Warum zur Hölle sollte es Quoten für schwächere Spieler geben? Es gibt ja wohl nur einen einzigen Grund, warum keine Frau dabei ist: Es spielen sowohl relativ als auch absolut einfach unglaublich viel mehr Männer exzessiv Fifa als Frauen, daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Toptalente auch wirklich spielen, bei Männer natürlich viel größer. Bitte hört doch auf, immer und überall eine Frauenquote zu fordern. Meiner Frau ist das schon peinlich, das klingt nämlich immer so, als könnten Frauen ohne Quote nicht erreichen.
kuestenvogel 03.08.2018
4. Zufall
Ich las nicht mal auf den bekannten dt. Gamer-Websites etwas. Aufgrund der Hitze schaute ich gestern auf Twitch vorbei, sah es zufällig, 32.000 Zuschauer, kurz angeklickt, der "Deto" gewann gerade. Da ich keine Übertragungen auf bekannten Game-Sites gesehen habe (Steam erübrigt sich dank Fifa/EA), ähm, das soll Olympia sein, also absolut sponsorenabhängig, in dem Fall EA? Lach, ausgerechnet EA :D ! Auch Battle-Shooter im EA (= Beta, hat nichts mit EA zu tun) sind eher peinlich, siehe letzter Bericht, schaut nach Asien. Welt-Cup- fern von EA, Olympia... :D
Crom 04.08.2018
5.
Zitat von bebauIm Erklärtext zu den Teams steht, dass man auch "Legenden wie Brasiliens Ronaldo" ins Team holen kann. Meint ihr vielleicht Pele?
Nein, Ronaldo ist der, der 2002 im Finale gegen Deutschland zweimal für Brasilien getroffen hat (im deutschen Tor stand damals Olli Kahn) Sollte man eigentlich kennen.
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