Geflüchtete in Fußballvereinen Rausgekickt

Integration gelingt nirgends so leicht wie im Sport. Denkt man. Dutzende Fußballvereine in Deutschland haben aber ein Problem: Sie dürfen Flüchtlingskinder nicht bei Punktspielen antreten lassen. Die Bürokratie verhindert das.

Junge Flüchtlinge beim Fußballtraining
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Junge Flüchtlinge beim Fußballtraining

Von Boris Kartheuser und


Auf den ersten Blick haben Real Madrid (knapp 100.000 Mitglieder, Jahresumsatz etwa 675 Millionen Euro) und der SSV Jeddeloh II (700 Mitglieder, Jahresumsatz ca. 500.000 Euro) wenig gemeinsam. Doch beide Klubs können nicht frei entscheiden, wer für sie spielt - gerade, wenn es um ausländische Kinder und Jugendliche geht.

Viele Flüchtlingsfamilien sind in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen. Die Kinder direkt in normale Schulklassen zu integrieren, ist oft schwierig, es hapert an der Sprache. Anders ist es im Sport: Kicken können die meisten. Tausende Kinder und Jugendliche sind in den vergangenen Jahren in Fußballvereine eingetreten, haben dort Selbstvertrauen und neue Freunde gefunden und ganz nebenbei Deutsch gelernt.

"Fußball ist auch für viele geflüchtete Menschen die beliebteste Sportart. Fußball fördert Spracherwerb, stärkt das Selbstvertrauen, man findet neue Freunde", sagt der Integrationsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), der Ex-Nationalspieler Cacau. 45.000 geflüchtete Menschen haben laut DFB in der vergangenen Saison in Deutschland eine Spielberechtigung bekommen.

Spielerpass? Für Deutsche in einer Stunde, für Flüchtlinge in einem Jahr

Gleichzeitig aber behindern nach SPIEGEL-Informationen internationale Regeln die Integration. Es sind Regeln, aufgestellt und durchgesetzt vom Fußballweltverband Fifa, dem DFB und den 26 Fußballverbänden in Deutschland. Die Folge: "Bei deutschen Kindern dauert die Anmeldung eine Stunde, bei Flüchtlingen bis zu anderthalb Jahre", sagen Vereinsverantwortliche. Herauszufinden, woran das liegt, ist ebenfalls ein bürokratischer Albtraum.

Wir haben es trotzdem versucht.

Es geht um das Fifa-Reglement zu "Status und Transfer von Spielern", das die Rechte junger Fußballer sichern soll, die im Ausland kicken wollen. Wer unter 18 Jahre alt ist, darf nicht so einfach "international transferiert" werden. Die Fifa will verhindern, dass Scouts von Klubs wie Real Madrid durch die Welt fahren und talentierte Kinder mit viel Geld in die Nachwuchsmannschaften locken.

Die Regelung gilt auch für deutsche Vereine. Und zwar für alle, die mindestens eine Mannschaft haben, die in einer der vier höchsten Ligen spielt. Zum Beispiel eben der SSV Jeddeloh II. Der kleine Verein aus dem niedersächsischen Ammerland ist seit der vergangenen Saison in der Regionalliga Nord vertreten. Damit unterliegen alle Mannschaften des Vereins diesem Fifa-Reglement - bis hinunter zur G-Jugend für Kinder unter sieben Jahren. Damit ist es noch komplizierter geworden, minderjährigen Flüchtlingen einen Spielerpass zu besorgen. "Es wird den Jugendlichen sehr, sehr schwer gemacht", sagt Jeddeloh-Präsident Jürgen Ries.

Für jedes neue minderjährige Vereinsmitglied beginnt der mühsame Prozess aufs Neue: Antragsformular aus dem Internet laden, dazu das Zusatzblatt für Ausländer und jenes für jugendliche Ausländer. Dann braucht es eine Meldebescheinigung der Eltern und vom Spieler eine Meldebescheinigung sowei eine Geburtsurkunde. Gerade die fehlt aber oft, weil sie beispielsweise auf der Flucht verlorenging oder im Heimatland nie ausgestellt wurde. Wer weiß, wie lückenhaft die Daten von Asylbewerbern sein können, kann sich in etwa vorstellen, wie es aussieht, wenn deutsche Fußballbürokratie auf das echte und komplizierte Leben eines geflüchteten Jugendlichen trifft.

Wie schnell antwortet ein Verein aus Syrien?

Für deutsche Spieler beantragt Ries die Spielerpässe in wenigen Minuten online, für die Flüchtlinge schickt er dicke Briefe mit allen Formularen und Urkunden zur DFB-Zentrale nach Frankfurt. Die erste Antwort erhält er nach etwa vier Wochen, dann geht die Wartezeit los. Bevor man in Deutschland bei Punktspielen kicken darf, muss der Heimatverein zustimmen. "Können Sie sich vorstellen, wie schnell ein Verein aus Syrien oder Somalia auf einen Brief vom DFB antwortet?" fragt Ries.

Ähnliche Geschichten erzählen die Verantwortlichen in allen Vereinen, die mindestens in der Regionalliga spielen. Laut Fifa betrifft die Regel nur ein paar Hundert Geflüchtete, Hans-Jürgen Matt vom SC Weiche Flensburg 08 spricht aber von "erheblichen Problemen" mit den Spielerpässen. Die Arbeit koste sehr viel Zeit und Kraft. Immerhin: Matt und auch Ries haben bisher jeden Antrag durchbekommen, auch wenn es Monate dauerte. In Jeddeloh spielen jetzt ein Geflüchteter in der Regionalliga, vier in der Kreisliga und eine ganze Mannschaft aus Geflüchteten kickt in der vierten Kreisklasse.

Schwierigkeiten hat auch der FC St. Pauli, selbst wenn der für seine flüchtlingsfreundliche Haltung bekannte Verein für seine Jugendteams in erster Linie Leistungsträger verpflichtet. Im Frühjahr hatte der Verein einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling für seine U17-Mannschaft ausfindig gemacht - und stieß auf ein ganz anderes Problem: Asylbewerber bekommen von den Behörden nur eine Duldung für vier Wochen, die sich automatisch verlängert - bei Jugendlichen sind es sechs Monate. Beides ist nach der Spielordnung des DFB zu kurz: Mindestens bis zum Saisonende muss sie gelten. Ein Teufelskreis.

Der FC St. Pauli löste das Problem, indem er dem DFB erklärte, dass Minderjährige nicht abgeschoben werden dürfen. Der Verband akzeptierte das - hält aber an der Regel fest. Auf SPIEGEL-Anfrage verweist der DFB immer wieder auf die internationalen Vorgaben der Fifa - die aber gar keine Mindestgültigkeitsdauer von Aufenthaltsgenehmigungen verlangt. Warum der Deutsche Fußballbund dennoch daran festhält, bleibt auch nach mehrfacher Nachfrage unklar. Wahrscheinlich weiß es der DFB selbst nicht so genau.

Altona 93: DFB-Integrationspreis bekommen - Flüchtlinge abgewiesen

Auch der Hamburger SV war willens, Geflüchtete zu integrieren. Vor drei Jahren, so Kumar Tschana, Leiter der HSV-Amateurabteilung, begann der Verein mit einem offenen Training für Geflüchtete. Auch hier stieß man jedoch schnell auf die bürokratischen Schwierigkeiten mit der Spielerlaubnis. Also gründete der HSV eine Mannschaft, die ausschließlich aus Flüchtlingen besteht. Allerdings darf das Team ausschließlich Turniere und Freundschaftsspiele bestreiten - der Integration in den echten Spielbetrieb stehen die Regeln der Verbände im Weg.

Dass die absurden Folgen der Fifa-Regeln öffentlich werden, ist einem kleineren Hamburger Fußballverein zu verdanken: Altona 93. Dort arbeitet ehrenamtlich Wladimir Bondarenko, der selbst ein Musterbeispiel für Integration durch Fußball ist: Als der Russlanddeutsche in den Neunzigerjahren nach Deutschland kam, sprach er kein Wort Deutsch, liebte aber Fußball. Im Verein konnte er kicken, Freunde finden, Deutsch lernen - ganz nebenbei.

Heute ist Bondarenko Jugendwart bei Altona 93, das eine große Breitensport-Abteilung hat. Die Kinder- und Jugendmannschaften sind so begehrt, dass kaum noch Platz ist. Und die Mannschaften sind bunt, im Bezirk Altona haben mehr als 45 Prozent der Jugendlichen einen Migrationshintergrund. In den vergangenen Jahren kamen Geflüchtete dazu und auch weil Altona 93 viele von ihnen aufnimmt, hat der Verein im März den Integrationspreis des DFB gewonnen - eine Würdigung der jahrelangen Arbeit.

Der Aufstieg der ersten Mannschaft von Altona 93 in die Regionalliga brachte den ausgezeichneten Verein aber in die gleiche kuriose Lage wie die anderen Klubs: Kinder mit ausländischem Pass durfte er nun zwar noch aufnehmen, sie durften aber nicht mehr bei Punktspielen antreten, weil der Weltfußballverband es nicht erlaubte. "Wir wollen die Kinder von der Straße und vom Computer wegholen", sagt Bondarenko, "die wollen doch nur spielen - lasst sie doch."

Arbeitsnachweise von Flüchtlingen, die nicht arbeiten dürfen

Doch der Hamburger Fußball-Verband geht sogar noch weiter: Er verlangt sogar Arbeitserlaubnisse, Geburtsurkunden und Nachweise für eine Anstellung der Eltern des Kindes. Ähnlich ist es bei den Vereinen SSV Ulm und Rot-Weiss Essen. Auch hier braucht man, um ein geflüchtetes Kind Fußball spielen zu lassen, Geburtsurkunde, Meldebescheinigung, Schulbescheinigung und Aufenthaltsgenehmigung des Kindes sowie Geburtsurkunden und Aufenthaltsgenehmigungen der Eltern, außerdem die Arbeitserlaubnis eines Elternteils und den Nachweis einer Anstellung.

Noch absurder wird der Verwaltungswahnsinn vor dem Hintergrund, dass es vielen Flüchtlingen überhaupt nicht erlaubt ist, einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen. Die Fifa fordert diese Dokumente explizit nicht - eine Erklärung, warum sie in Hamburg, Essen oder Ulm notwendig sind, konnte oder wollte kein Verantwortlicher liefern.

Bei Altona 93 sorgte die pragmatische Lösung des Jugendleiters, Flüchtlingskinder an Nachbarvereine zu verweisen, für einen handfesten Streit im Verein. Glücklicherweise löste sich das Problem im Sommer fast von alleine: Die erste Mannschaft von Altona 93 stieg wieder in die Oberliga ab, die strengen Regeln gelten deshalb vorerst nicht mehr. Seither nimmt der Verein wieder möglichst schnell Kinder mit ausländischem Pass auf, wer weiß, wie lange das geht. Jugendwart Bondarenko jedenfalls hofft auf den Wiederaufstieg - und darauf, dass die Verbände die Regeln für Flüchtlinge endlich ändern.



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