Integrationsprobleme im Fußball Abseitsfalle

Mehr als hundert Fußballvereine dürfen Flüchtlingskinder nicht in den Spielbetrieb integrieren. Keiner will daran schuld sein - und keiner will das ändern. Die zuständigen Politiker halten das Problem für unwichtig.

Flüchtlingsmannschaft "Welcome United Babelsberg"
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Flüchtlingsmannschaft "Welcome United Babelsberg"

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Der Frust in vielen Fußballvereinen ist groß: Es sind vor allem Ehrenamtliche, die als Trainer, Mannschaftsbetreuer, Kassenwarte oder Passbeauftragte die Jugendabteilungen am Laufen halten, und sie sind viel zu wenige. Die Lage hat sich verschärft, seit auch viele Flüchtlingskinder in die Vereine wollen. Viele sind hochmotiviert und spielerfahren, leben aber oft in prekären Verhältnissen und haben teilweise nur geringe Deutschkenntnisse.

Als Teil einer Fußballmannschaft, mit regelmäßigem gemeinsamem Training, mit Turnieren und Punktspielen, würden sie ganz nebenbei Teil der Gesellschaft werden, sie würden integriert.

Nur ist genau das nicht so leicht: Die Beantragung von Spielerpässen für ausländische Vereinsmitglieder ist ein bürokratischer Albtraum. Und manchmal schlicht unmöglich, wie SPIEGEL ONLINE berichtete: Jeder Fußballverein, der mit nur einer Mannschaft in einer der vier höchsten Ligen vertreten ist, darf keine nichtdeutschen Spieler neu aufnehmen und in Punktspielen einsetzen. Auch nicht, wenn die Mitglieder vielleicht erst acht Jahre alt sind.

Warum gibt es keine Ausnahmeregelungen?

Die Fußballverbände könnten das ändern; Ausnahmeregelungen einführen zum Beispiel oder Regularien vereinfachen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) könnte beim Weltfußballverband Fifa dafür werben und die 21 deutschen Landesverbände zumindest anweisen, die Regeln nicht noch zu verschärfen.

Und die Politik könnte ein Zeichen setzen und die vielfach geforderte Integration auf diese Weise erleichtern. Aber keiner will sich dafür einsetzen.

So verweist das Büro von Annette Widmann-Mauz, der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, nach einer SPIEGEL-Anfrage auf andere Projekte zur Integration von Flüchtlingen. Man habe mit dem DFB gesprochen und festgestellt, dass das Problem nur 127 von insgesamt 24.742 Vereinen in Deutschland betreffe. Damit scheint sich das Thema für die Integrationsbeauftragte erledigt zu haben.

Eine Sichtweise, die außer acht lässt, dass sich unter den 127 Vereinen auch solche wie der FC Viktoria Berlin befinden. Der Klub hat die größte Fußballabteilung aller deutschen Vereine mit mehr als 1600 Mitgliedern in 65 verschiedenen Teams. Davon handelt es sich bei knapp 50 um Jugendmannschaften. Auch diverse andere Vereine mit Mannschaften in einer der ersten vier Ligen haben mehrere hundert Jugendspieler. Diese sind ebenfalls von der Regelung betroffen.

Politik: Sollen sich die Flüchtlinge doch andere Vereine suchen

Auch der Sportausschuss des Deutschen Bundestags kann kein Problem erkennen. So antwortet die Vorsitzende Dagmar Freitag (SPD), der Sportausschuss habe keinerlei Einfluss auf Entscheidungen nationaler oder gar internationaler Verbände. Die Kinder und Jugendlichen könnten die betroffenen Vereine ja meiden: "In den restlichen gut 24.500 Vereinen können minderjährige Flüchtlinge kicken - und die Integrationsleistung dieser Vereine ist mit Sicherheit nicht geringer als in einem Verein mit Profiabteilung", schreibt die Ausschussvorsitzende.

Der stellvertretende Vorsitzende Dieter Stier (CDU) teilt lediglich mit, er beabsichtige nicht, zu diesem Thema öffentlich Stellung zu nehmen und verweist auf die Verbandsautonomie der Fußballverbände. Auch Ausschussmitglied Britta Dassler (FDP) sieht lediglich den DFB und die Fifa in der Verantwortung. "Ich sehe uns als Sportpolitiker in der Aufgabe, Wege aufzuzeigen und Verbesserungen vorzuschlagen, aber nicht den Dachverbänden ihre Regularien zu diktieren."

An einer Behebung der Missstände interessiert zeigt sich lediglich André Hahn (Die Linke). Zwar hält er die Regelungen zum Schutz von Minderjährigen grundsätzlich für sinnvoll. Bislang seien auch noch keine Kritik oder konkrete Anfragen dazu an ihn herangetragen worden. "Meine Bitte an die Fußballverbände bzw. -vereine wäre deshalb, uns möglichst konkret mitzuteilen, wo der Schuh drückt und wie der Bundestag und wir als Mitglieder des Sportausschusses hier wirksam helfen könnten", so der Politiker.

Kein Einsatz ohne Geburtsurkunde der Eltern möglich

Unklar bleibt dabei, woher die strengen Vorgaben überhaupt stammen: In den Richtlinien der Fifa sind sie nicht zu finden, auch wenn der Deutsche Fußball-Bund (DFB) das behauptet. So beteuert der DFB beispielsweise, dass "in keinem der Fälle" etwa die Geburtsurkunde der Eltern verlangt werde.

Bei diversen Landesverbänden findet sich diese Vorgabe aber sehr wohl. So bestätigen Vereine wie Rot-Weiss Essen, dass sie dazu aufgefordert wurden, Geburtsurkunden und Aufenthaltsgenehmigungen der Eltern sowie die Arbeitserlaubnis eines Elternteils und den Nachweis einer Anstellung vorzuweisen. Auch Vereine aus anderen Landesverbänden berichten, dass sie die Geburtsurkunden der Eltern vorlegen mussten.

Niemand will etwas an der Lage ändern

Nach ausführlichem Austausch von Fragen und Antworten mit den Landesverbänden, der Fifa und dem DFB bleibt unklar, ob die Fußballfunktionäre ihre eigenen Regularien vielleicht nicht verstehen - oder ob die Vereine mit der Auslegung überfordert sind.

Sicher ist offenbar nur eins: Keiner der vielen Verbände möchte die Verantwortung für die eigenen Regeln übernehmen. Und ganz offensichtlich wollen weder die deutsche Politik noch der Deutsche Fußball-Bund etwas ändern. Eine besondere Rolle nehmen zudem die Fußball-Landesverbände ein, die die ohnehin rigiden Regeln des DFB noch einmal ohne Not verschärfen.

Leidtragende sind die Vereinsangestellten und Ehrenamtlichen, die sich einem schier unüberwindlichen bürokratischen Aufwand stellen müssen. Und die Flüchtlingskinder, die einfach nicht spielen dürfen. Integration sieht anders aus.



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