Flush Hour: Am Poker-Pranger

Von Lasse König

Ein unbekannter Deutscher gewinnt beim Main Event der Poker WM 40.000 Dollar. Er lässt Profis verzweifeln - mit hanebüchenen Aktionen und viel, viel Glück. Sein Pech: All das wird im Fernsehen übertragen - und der Amateur zum Gespött der Pokercommunity.

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David Stephen

Der Traum aller Träumer: Das Bracelet und Millionen

Mit den Fernsehbildern von der World Series of Poker ist es so eine Sache. Sie sind erst mit Monaten Verzögerung im Internet verfügbar, was auch ein Beleg dafür ist, wie provinziell es fernsehtechnisch im Poker immer noch zugeht. Mitte Juli war es noch heiß in Deutschland und die WM gerade eine Woche vorbei, in Las Vegas lief das Main Event, 10.000 Dollar Buy in, 7319 Teilnehmer. Die Bilder gibt es jetzt, scheibchenweise.

Für die allermeisten Pokerenthusiasten ist diese Zeitverzögerung ein Problem. Für Jörg B. * ist es ein Problem, dass es die Bilder überhaupt gibt. Von ihm, mit Brille und Hemd beim WSOP Main Event - eingefangen von den Kameras des übertragenden Senders ESPN.

Jörg B. ist kein Pokerprofi, er ist ein rundlicher Mann mit Familie und Job. Seine Pokerfähigkeiten sind nicht die größten, dafür aber der Enthusiasmus, mit dem er seine Zeit am Tisch genießt. Er spielt nicht gut, er spielt, als habe er nichts zu verlieren. Und so ist es wohl auch. Jörg B. soll Unternehmer sein. Außerdem ist er vor allem er selbst.

Mit dem Amateur aus Deutschland sitzen gestandene Pokerprofis am Tisch. Einer von ihnen ist Michael Mizrachi, der eine knappe Woche später als einer der "November Nine" feststehen wird. Die neun Pokerspieler also, die im November den Main-Event-Champion ermitteln. Den Pokerweltmeister. Jörg B. hat ein paar Tage zuvor noch mehr Chips als Mizrachi. Und macht hanebüchene Sachen mit ihnen.

Unbekümmert, glücklich - aber unsympathisch?

Ein Spieler aus früher Position erhöht, der Spieler rechts von B. schiebt alle seine Chips in die Mitte. Ein Raise, ein Reraise All in - B.'s Ass-Dame ist nichts mehr wert. Doch er bezahlt trotzdem, ebenso wie der ursprüngliche Raiser, der Könige aufdeckt. Rechts neben B. liegen Damen - seine Chancen mit Ass-Dame sind so gut wie sein Spiel: grauenvoll. Doch weil der Glücksanteil im Poker nie unter 30 Prozent sinken wird, sind B.'s Chancen immerhin nicht gleich null. Die letzte Karte rettet ihn - ein Flush schickt die beiden besseren Spieler nach Hause.

B. macht einige solcher Aktionen, die keiner versteht außer B. Er callt in einer ähnlichen Situation ein All in von Mizrachi - mit 7 7. Immerhin gewinnt diesmal die bessere Hand, Mizrachi zeigt 10 10. Der Profi Mizrachi wirkt sehr erleichtert. Und B. weiter unbekümmert.

Diese Bilder sorgen in der Pokercommunity seither für Aufregung. B. steht am Pranger, wird als "Spast" tituliert, von "Fremdschämen" ist die Rede und davon, dass dieser peinliche Auftritt eines Deutschen ein ganzes Land in Misskredit bringen würde. Nur dass der Hohn und Spott nicht vor allem auf B.'s limitiertem Pokerkönnen basieren.

"Es ist Gamble Time", sagt B. nach seinem Glück gegen Könige und Damen. "New Money please" ist ein anderer Spruch, vorgetragen in thüringischem Akzent. Es sind keine Sätze in perfektem Englisch, es sind keine lustigen Sätze, weil nur B. über sie grinst und alle anderen am Tisch verzweifelt schauen. Es sind Sätze eines Mannes, der sein Glück nicht fassen kann und der vielleicht einfach gern redet. In Pokerforen machen sie aus B. einen "unsympathischen Typen".

Es scheint, Jörg B. passt nicht in das Schema des idealen Pokerspielers, der fernsehtauglich sein und gut spielen muss. Aber die öffentliche Demontage zeigt auch etwas anderes: Theorie kann man mithilfe von Pokerbüchern lernen, Anstand nicht. B. landete am Ende übrigens unter den besten 300 Spielern beim Main Event. Sein Lohn: Mehr als 40.000 Dollar. Die Bilder dazu müssten in etwa zwei Wochen im Internet zu finden sein.

* Name von der Redaktion geändert

Das Video der Woche gibt es aus rechtlichen Gründen auch diesmal nur als Textlink. Es geht um Glück, Pech, Freude, Leid - und das alles beim größten Turnier der Welt.

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