Es ist schon ein paar Wochen her, dass meine Pokerwelt aus den Fugen geriet, aber es tut immer noch ein bisschen weh. Das US-Justizministerium und das FBI hatten drei der größten Online-Pokerräume in den USA geschlossen - und Anklage gegen deren Besitzer gestellt ( Hier die Presseerklärung ). Ein paar der Anklagepunkte: Geldwäsche, Betrug und illegales Glücksspiel. Ein paar der Angeklagten: Isai Scheinberg (Pokerstars), Raymond Bitar (Fulltilt Poker), Scott Tom (Absolute Poker). Ein paar meiner Reaktionen: Was soll das? Wie können die nur?
Als die ersten Nachrichten dieses "Schwarzen Freitags" verbreitet wurden, fühlte ich mich wie damals in der fünften Klasse, als der Sportlehrer in der nullten Stunde am Samstag ins Klassenzimmer gestürmt kam und meinen Kumpel Conny auf den Flur rief, um ihn draußen zusammenzubrüllen. Conny sollte vor Stundenbeginn aus dem sechsten Stock der Schule Zielspucken auf die Frontscheibe des nagelneuen roten Peugeot 106 des Lehrers gemacht haben. Für mich war es trotzdem keine Frage, auf wessen Seite ich stand. Conny war mein Freund, und jemanden zu maßregeln wegen ein bisschen Spucke auf der Scheibe verdiente Verachtung.
Spontane Reaktionen zeigen dem Kopf, auf wessen Seite das Herz steht. Und mein Herz schlug an jenem Freitag für diese ganzen Pokermanager, weil sie stellvertretend für das Spiel standen, das ich liebe. Bei Youtube gab der Chef der Allianz der Pokerspieler, John Pappas, eine
Videostellungnahme aus seinem Wohnzimmer ab, die ungefähr so ging: Die Aktion der Behörden sei nichts anderes als eine Kriegserklärung an alle Pokerspieler. Ich nickte vor dem Rechner und suchte schonmal meine alte Bundeswehrpanzerkombi.
So transparent wie die Stasi früher
Und hätte mich wer auch immer in diesem Moment um eine Stellungnahme gebeten, ich hätte selbstverständlich ebenfalls meine Stimme erhoben gegen die bösen US-Behörden und den New Yorker Bezirksstaatsanwalt. Das bisschen Spucke auf der Windschutzscheibe! Ein altes Laken lag schon bereit, ich wollte "Isai Scheinberg, Märtyrer" draufschreiben und damit auf dem Jungfernstieg für den Pokerstars-Boss demonstrieren.
Dann fiel mir ein, dass ich nicht mal wusste, wie er aussah.
Ich schaute im Internet nach "Isai Scheinberg" und fand immerhin ein Foto. Ein einziges. Es zeigt einen älteren Herren mit Brille und lustiger Krawatte, der sein Gesicht etwas überrascht nach rechts wendet. Bekannt ist über den Mann wenig, außer dass er wohl mal bei IBM tätig war, bevor er 2001 Pokerstars gründete. Der Haupteigentümer des allergrößten Onlinepokeranbieters der Erde - ein fast unbeschriebenes Blatt. Nicht mal sein derzeitiger Aufenthaltsort ist bekannt, angeblich lebt er auf der Isle of Man. Sein Alter wird von den US-Behörden auf 64 geschätzt.
Mit den anderen Managern sah es nicht besser aus. Das meiste weiß man noch über Bitar und Scott. Doch von Paul Tate, der angeblich seit 2006 bei Pokerstars arbeitete, existieren weder Foto noch Altersangabe. Auch sein Aufenthaltsort ist unbekannt. Ich war entsetzt. Da waren die Chefs und Anteilseigner und hohe Angestellte von Milliardenunternehmen angeklagt, und von einigen gab es nicht mal ein Foto. Gigantenkonzerne - so transparent wie die Stasi früher. Geführt von Phantomen. Das schmerzte.
Ich stöberte weiter und las von mutmaßlichen Wahlkampfspenden der Pokeranbieter in den USA. Und über mutmaßliche Konstrukte, mit denen laut Staatsanwaltschaft US-Spielern das Einzahlen trotz Verbots ermöglicht worden sein soll. Vorwürfe, die die Firmen alle bestreiten.
Spontane Reaktionen zeigen dem Kopf, auf wessen Seite das Herz steht. Aber ich war plötzlich irgendwie erleichtert, dass am Ende immer noch der Kopf entscheidet. Würde man mich heute um eine Stellungnahme bitten, ich würde das alte Laken nehmen und mich darin verstecken. Aber würde ich heute nochmal mit meinem alten Freund Conny in einem Klassenraum sitzen und der Lehrer käme wieder hereingestürmt, um ihn draußen vor der Tür zusammenzufalten, ich würde zu meinem Freund halten und ihn spontan verteidigen. Weil ich ihn kenne.
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