Flush Hour Poker - Deutsch, Deutsch - Poker

Wenn Pokeranfänger und Pokerspieler aufeinandertreffen, ist es oft wie bei Stuttgart 21: Man versteht sich nicht. Dabei wollen die einen wissen und die anderen Wissen teilen. Aber wie, wenn man nicht die gleiche Sprache spricht? Lasse König wurde zum Dozenten - und stieß an seine Grenzen.

Verständigung im Poker: In der Regel gibt es Probleme
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Verständigung im Poker: In der Regel gibt es Probleme


Ich war schon einmal Dozent, aber das ist lange her. Ich saß in einer Schulklasse und sollte über die Unterdrückung in China referieren. Zwar bin ich nie unterdrückt worden, aber ich war immerhin schon mal in China. Das qualifizierte mich in den Augen der Schulleitung ausreichend. Es war, also würde man Geografie unterrichten, weil man schon mal in Australien Urlaub gemacht hatte. Es lief aber ganz gut: Die Schüler interessierte das Thema nicht, und ich hatte eigentlich keine Lust. Wir verstanden uns prima.

Auf einer Party in der vergangenen Woche war es dann wieder so weit. Ich bekam den zweiten Lehrauftrag meines Lebens, nur diesmal viel überraschender. Ein anderer wesentlicher Unterschied zum Monolog vor den ignoranten Blagen in dem Klassenraum von einst: Ich sollte erwachsene Menschen unterrichten. Freunde. Die zuhörten. Die sich interessierten. Für mein Lieblingsfach: Poker. Und noch etwas war anders - am Ende verstanden wir uns überhaupt nicht mehr.

Die Ausgangssituation: Eine Party in Hamburg, Menschen in den Dreißigern sitzen, trinken, reden, tanzen, gehen. Die, die bleiben, sind ungebundene Vagabunden, die nicht mehr tanzen, weil sie nicht mehr gehen können. Und plötzlich sagt einer: Wir können doch pokern. Ein Raunen in der Gruppe, Entschuldigungstiraden ("Schon so lange her, kenne nur die Regel mit dem Tauschen"), kurze Berichte von Ausflügen zum Online-Poker ("Lange her, lief erst gut, dann nicht mehr"), fragende Blicke - sechs Menschen reden immer lauter über etwas, das sie nur kennen, aber nicht können.

Der ewige Kampf gegen den Übermut, das epische Scheitern

Dann schauen alle auf mich. Und das Unheil nimmt seinen Lauf. Eine halbe Stunde später werfe ich verzweifelt meine Karten durch den Raum und bitte die ehemaligen Freunde höflich, mein Haus zu verlassen. Wir hatten uns nicht mehr verstanden, und das ist durchaus wörtlich gemeint.

Ich erinnere mich an mein Interview mit Sandra Naujoks vor anderthalb Jahren und ihre Erleichterung, nach diversen Terminen mit pokerunkundigen Journalisten endlich mal über Poker reden zu können - in der Sprache der Pokerspieler. Es war auch Erleichterung darüber, nicht mehr überlegen zu müssen, wie man welchen Fachterminus am besten übersetzt, damit ihn auch der Laie versteht. Wir sprachen die gleiche Sprache. Sandra Naujoks war gleich viel lockerer.

Es ist überhaupt nicht schwer, einem Pokerinteressierten die eigene Begeisterung fürs Poker zu verdeutlichen. Es gibt viele Bilder für diese Leidenschaft, Poker ist wie das Leben, ein Duell mit anderen, der ewige Kampf gegen den Übermut, das epische Scheitern und der Triumph der Ratio. Platz für Improvisation ist trotzdem und auch dafür, jeden Tag besser zu werden. Ich vergleiche das Gefühl nach einem erfolgreichen Bluff immer mit dem in der Grundschule, wenn ich die Vier in der Klassenarbeit selbst unterschrieben und es keiner gemerkt hatte. Das versteht irgendwie jeder.

Stolperfallen lauern überall

Mit dem Rest ist es nicht ganz so einfach. Schon wenn es um die Regeln geht, lauern überall Stolperfallen. Man kann das "Raise" mit Erhöhung übersetzen und den "Call" mit Bezahlen, aber schon den Besonderheiten der Position am Tisch wird es schwierig. Es gibt für das Zusammentreffen von Pokerlaien und Pokerspielern eben immer noch kein Synonymwörterbuch Deutsch - Poker, Poker - Deutsch.

Beim spontanen After-Party-Poker will ich ein guter Lehrer sein. Ich bemühe mich, vor der Gruppe möglichst wenig Fachbegriffe zu verwenden, sondern sie gleich zu übersetzen. Bilder zu finden. Eigentlich will ich auch gar nicht ins Detail gehen und zum Beispiel über die Wichtigkeit der Position am Tisch reden, aber ich soll. Die Schüler fragen, wie gierige kleine Vogelkinder zwitschern. "Also, vielleicht ist es vergleichbar mit einem Sushirestaurant, in dem immer wieder kleine Happen an einem vorbeifahren. Aber nicht immer macht es Sinn zuzugreifen", sage ich. Sechs ratlose Augen starren mich an. Gut, wir hatten alle schon etwas getrunken. Aber bei mir macht sich langsam Unmut breit.

Erste Bilder tauchen in meinem Kopf auf. Das Pult in einer Universität, davor sitzen Studienanfänger, vorn steht ein Dozent aus China. Der Dolmetscher ist ausgefallen. Der Dozent redet trotzdem. Er gibt sich Mühe. Irgendwann geht er, ohne sich zu verabschieden.

Wir verstehen uns (noch) nicht

"Wie ist das mit den Wahrscheinlichkeiten im Poker?", fragt plötzlich ausgerechnet der, der noch nie zuvor gepokert hatte. "Ja, Stochastik", wirft der Nächste ein. Ich glaube, das geht zu weit, viel zu weit. Man kann nicht Opel fahren, wenn man noch nicht mal auf einem Roller gesessen haben. Oder auf einem Fahrrad. "Leute, ich könnte eine Gummibärchentüte holen mit 52 Gummibärchen in vier Farben, ihr nehmt euch jeder zwei und sagt mir dann für den Anfang, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass ihr zwei in der gleichen Farbe zieht. Nur bringen wird es euch nichts!" Ich schaue dabei wie ein rotes Bärchen.

Ich vernachlässige bewusst, dass es eigentlich Tüten mit unterschiedlich großen Gummitieren sein müssten. Ich erwähne Laplace nicht. Ich führe nicht weiter aus, dass man auch die Gummitüte im Raum herumgehen lassen und nach der Auswahl den Letzten fragen könnte, ob das jetzt gerecht war. Es ergibt keinen Sinn, weil wir uns ohnehin (noch) nicht verstehen und weil man Poker nicht an einem Abend lernen oder lehren kann. Nach einer Party, nach Tanzen, Reden, Trinken.

Immerhin: Fünf von sechs wollen wiederkommen.

Video der Woche: Allen Cunningham vor einer schweren Entscheidung.

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