Flush Hour: Spanischer Abgang

Überhebliche Spanier, betrunkene Australier und ein paar renitente Israelis - fertig ist die Poker-Nacht der Nächte. Wohl selten fügte sich für Lasse König alles so gut wie an jenem Abend in Sandton - die Skandale und Peinlichkeiten leisteten sich diesmal zum Glück die anderen.

Spanier bei der WM: "Sagt Hallo zum Weltmeister!" Zur Großansicht
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Spanier bei der WM: "Sagt Hallo zum Weltmeister!"

Das ist der zweite Teil von Lasse Königs WM-Abenteuer in Südafrika. Wenn Sie den ersten Teil verpasst haben, klicken Sie einfach hier.

"Hola" - die Stimme kommt von rechts, und sie ist sehr hoch. Die Stimme kommt aus einem schmalen Mund, der Mund befindet sich an einem schmalen Kopf und der sitzt auf einem dürren Hals. Um den Hals hängt ein Spanien-Schal wie eine Gelb-rote Würgeschlange. "Say hello to the future World-Champion", sagt der Dünne und federt auf seinen Stuhl, direkt neben mir. Er lacht.

Es ist Abend geworden im Montecasino in Sandton, am Tisch sitzen immer noch die fünf Israelis, der junge Südafrikaner mit der Steckdosenfrisur und der Araber mit der teuren Uhr. Und jetzt, nach drei Stunden, endlich auch ein Spanier. Olá. Vor mir stehen umgerechnet 450 Euro, es waren schöne drei Stunden gewesen. Nicht immer die besten Karten, aber oft die richtigen Entscheidungen. Es kann eigentlich nicht besser laufen.

"Wanna lose your money?", fragt der Spanier. Er wirkt in diesem Moment wie Don Quichote, irgendwie. Nur noch dünner und noch dümmer. Aber vielleicht ist es auch nur Taktik, acht Menschen zu provozieren, von denen fünf so aussehen, als hätten sie schon jede Menge Würgeschlangen umgebracht. Vor dem Spanier mit dem Schal stehen 1000 Rand, 100 Euro.

Ich habe den Button, der Spanier sitzt im Cut-off und erhöht gleich mal auf 100 Rand. 10 Big Blinds. Ich bezahle mit König-Bube in Pik. Alle anderen steigen aus, Don Quichote pfeift irgendein Lied.

Flop: König Herz, 7 Karo, 5 Herz.

König-klein-klein. Mir schießt der "Ass-Dame-Fluch" in den Kopf, laut dem nach einer Erhöhung mit Ass-Dame auf dem Board sehr häufig ein König und zwei kleine Karten auftauchen. Es ist nur eine Eingebung. Der Dünne checkt, ich spiele 200 Rand an. Er callt.

Turn: Bube Kreuz.

Der Spanier checkt wieder. In der Mitte des Tisches liegen 625 Rand und ein Flush Draw. Viel wichtiger aber: Vor Don Quichote liegen 700 Rand in Chips, die sich gut auf meinem Stapel machen würden. Sein Vorteil in diesem Moment ist, dass man die Bandbreite seiner möglichen Karten schlecht einschätzen kann. Sein Nachteil ist, dass es mir bei einem Doppelpaar egal sein kann. Ich setze 700, leider überlegt der Spanier nicht lange und callt.

River: 7 Kreuz.

Ich drehe König-Bube um, der Spanier schaut wie nach einem verlorenen WM-Finale. "10! 10! Why no 10?", blafft er den Dealer an und wirft Ass-Dame auf den Tisch. In Kreuz. Als der dünne Mann mit einem Ruck aufsteht, wackelt die Würgeschlange um seinen Hals. Der Araber schaut auf seine Uhr, die Israelis feixen. Der Typ mit der Steckdosenfrisur schüttelt den Kopf. Dann unterhält er sich wieder mit dem Araber.

Diesmal sprechen sie nicht über Uhren, sondern über Tankstellen. Der Rothaarige erzählt, dass er Tankstellenpächter für eine Investorengruppe aus Johannesburg ist. Der Araber erzählt, dass er Geld hat und schon immer mal Tankstellen in Südafrika kaufen wollte. Der Rothaarige guckt etwas irritiert, dann fragt er den Araber, ob dieser "kaufen" gesagt habe. "Ja, kaufen. Wie viel kostet denn eine?" Zwischen neun Millionen Rand (etwa 900.000 Euro; die Red.) und 40 Millionen Rand, sagt der Rothaarige. An wie viele dachte er denn? "Etwa 20", sagt der Araber. Der Rothaarige hustet und erklärt dann, dafür sei er mit Sicherheit der falsche Ansprechpartner.

Ein Rabauke bezahlt einen hohen Preis

Eine halbe Stunde später verliert der Rothaarige seinen Stack an den Araber, 300 Euro. Ich fühle mich wie ein Greenpeace-Aktivist, der dem BP-Boss beim Arbeiten zusieht. Dann fällt mir ein, dass ich mal wieder was spenden wollte. Irgendwann.

Als ich später im Auto sitze denke ich, dass es für mich selten bessere Fügungen gegeben hat wie an diesem Abend. Einen besoffenen Australier, einen unfähigen Spanier, gute Karten, gutes Image, wenig Fehler. Ganz sicher aber hatte es aber noch nie eine Szene gegeben wie die, die diese Nacht in Sandton zu einer perfekten machte.

Die Gruppe Israelis hatte sich lange gegeben wie Statisten in einem Stummfilm. Keiner sprach ein Wort, und wenn sie redeten, dann Hebräisch. Doch irgendwann war es mit der Schweigsamkeit vorbei. Vielleicht war es der Gin-Tonic, vielleicht die Dealerin, die den Dealer abgelöst hatte. Vielleicht wurden sie auch nur gerade wach, um 0.30 Uhr.

Es fing mit einer kleinen Ermahnung an. Die Herrschaften sollten bitte nicht während einer Hand in ihrer Sprache reden, forderte sie. Vier hörten, einer aber empörte sich lautstark mit Argumenten, die so wirr waren wie die Haare des Steckdosenmannes, der vor zwei Stunden sein Geld an den Araber verloren hatte. "I muck your hand", drohte die Dealerin. Er gab kurz Ruhe. Bis zur nächsten Hand. In dieser bekam ich Buben in erster Position. Und limpte.

Der Rabauke am Button bezahlte auch nur den Big Blind und unterhielt sich dann weiter mit seinem Kumpel im Big Blind, der checkte.

Flop: Bube Karo, 10 Kreuz, 6 Herz.

Fünf Personen in der Hand, drei davon sprachen Hebräisch. Das ist eine unangenehme Situation, es sei denn man trifft einen Drilling und spielt einfach mal 50 Rand an. Der Rabauke hörte nicht auf zu reden, "remember what I said", fragte die Dealerin. Nach einem Fluch erklärte er ein Raise auf 500 Rand und sprach ungeniert weiter. Ich erhöhte auf 3000, der Rabauke callte.

Turn: König Karo

Ich sagte: "All in", doch der Provokateur sprach weiter auf Hebräisch mit seinem Freund. Der Dealerin reichte es dann. "I muck your Hand", sagte sie und nahm sich seine Karten. Was folgte, war ein lautes Donnergrollen aus Schimpfwörtern, die hier nicht abgedruckt werden dürfen. Alle in Englisch übrigens. Als der Sicherheitsdienst den Mann nach draußen trug, schrie er noch: "Ich hatte dich, ich hatte Asse".

Ich fand, es war ein guter Zeitpunkt, zu gehen.

In der nächsten Woche: Begegnung mit einem Riesen. Lasse König über seine Begegnung mit dem norwegischen Weltmeister und Zwei-Meter-Mann Sigurd Eskeland am Rand der 3-Ländertour in Warnemünde. Eskeland gewann in diesem Jahr das Bracelet im 8-Game, dem vielleicht schwierigsten Titel, den es bei der World Series zu gewinnen gibt. Ein Duell mit Worten und Karten.

Das Video der Woche gibt es auch heute aus rechtlichen Erwägungen nur als Textlink. Hauptpersonen sind Howard Lederer und Tuan Le - okay, eigentlich auch Gus Hansen und Daniel Negreanu, die reden, reden und reden. Wirklich beachtlich ist aber, was zwischen Lederer und Le passiert.

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Post für Lasse
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