SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

18. September 2009, 11:12 Uhr

Flush Hour

Spiel des Lebens

Ist Poker Sport? Die Frage ist mindestens so alt wie Helmut Schmidt, aber nicht annähernd so klug. Denn wie kann man so lange nach einer Antwort suchen, die ohnehin feststeht? Natürlich ist Poker Sport, weiß Lasse König. Fußballer, Schwimmer und Läufer sollten sich warm anziehen.

Immer, wenn ich früher Bewerbungen geschrieben habe, stand ich vor einer Entscheidung: Soll ich Latein beim Punkt Fremdsprachen erwähnen oder lieber erst im Vorstellungsgespräch - dann, wenn nach zwei Kaffee und der ersten Sympathie kumpelhaft über Dinge gesprochen wird, die man in seinem Leben vielleicht anders gemacht hätte?

Ich weiß mittlerweile auch nicht mehr, warum es mir so peinlich war, die Sprache nicht zu erwähnen, nur weil sie tot ist. Latein hat Charme, auch wenn er morbide ist (morbidus=krank). Außerdem ist es mit Latein wie mit der Zeitung: Beide mögen nicht mehr aktuell sein, sie haben aber immer noch einen hohen Nutzwert. Dank Latein konnte ich beim Jurastudium immerhin zwei Semester überleben. Dank Latein habe ich schnell Italienisch gelernt. Dank Latein war das Philosophische Quartett für mich eine Talkrunde wie früher Hans Meiser.

Disportare heißt übrigens "sich zerstreuen" oder "auseinander tragen". Womit wir auch schon beim Poker wären.

Einer der ersten Leserbriefe zu dieser Kolumne war kein sehr netter, gesendet von einer Nina aus München. Sie beschwerte sich überhaupt nicht, dass es jetzt eine Pokerkolumne bei SPIEGEL ONLINE gebe. Ihre Kritik war die Einordnung. "Warum bitte läuft das in der Rubrik Sport?", ätzte Nina. Ja, wo denn sonst, antwortete ich.

Mud Wrestling: 93.200 Suchergebnisse

Und da war sie wieder, die Diskussion: Ist Poker Sport? Ständig flammt sie neu auf, was bei Diskussionen noch nie ein Zeichen für Qualität war (man erinnere sich nur an die sogenannte "Killerspielverbotsdiskussion"). Eine Antwort hat noch niemand gefunden. Poker und Sport ergeben zusammen 34.000.000 Suchergebnisse bei Google. Ist das jetzt ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, weil doch Mud Wrestling und Sport nur 93.200 ergeben? Und hat nicht Franck Ribéry letztens mit einem Angebot von Real Madrid gepokert?

Ich kann da nur mit dem Kopf schütteln. Die Frage, ob Poker Sport ist, ist so alt wie Helmut Schmidt, aber nicht annähernd so klug. Denn wie kann man so lange nach einer Antwort suchen, die ohnehin feststeht? Natürlich ist Poker Sport. Wie erwähnt heißt das lateinische Verb "disportare" übersetzt "sich zerstreuen" oder "auseinander tragen". Aus disportare wurde irgendwann Sport und aus dem Auseinandertragen die Auseinandersetzung und der Wettkampf. Wer will leugnen, dass Poker wunderbar in diese Definition passt?

Für Pokerspieler ist diese Erkenntnis nicht neu, aber ich möchte hier auch die Zweifler überzeugen - dass nicht Fußball, Golf, Tennis oder Schwimmen das Maß aller Dinge sind, sondern der Sport Poker. Es wird auch höchste Zeit.

Lesen Sie im nächsten Teil die erschütternden Wahrheiten über fünf den Deutschen liebe Sportarten und warum es besser ist, jetzt auf Poker umzusteigen. Außerdem im Video der Woche: Ivey ausgeblufft.

Fußball

Fußball ist Volkssport Nummer eins, weil jeder glaubt, es zu können. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es 80 Millionen Bundestrainer. Fußball gilt außerdem als gesund. Wo kann man es schon vom Straßenkicker zum Millionär bringen? Und, ganz wichtig, ins Fernsehen? Leider muss, wer es im Fußball nach ganz oben schaffen will, mit fünf anfangen und außerdem unglaubliches Talent besitzen. Fußballer brechen sich Beine, Arme, reißen sich Sehnen und laufen mit 40 wie 80-Jährige. Außerdem gelten Fußballer wo Profis sind als nicht die, die wo die am hellsten sind. Profifußball mache dumm, ist so ein Gerücht, das sich hartnäckig hält.

Poker ist die Alternative: Wer es im Poker von ganz unten nach ganz oben schaffen will, kann 150 Kilogramm wiegen (Greg Raymer) oder überhaupt kein Talent haben (Jerry Yang). Die Verletzungsgefahr im Poker ist gleich null, und ins Fernsehen kommt man trotzdem. Wichtig für Pokerspieler-Väter: Das Hinbringen und Abholen von nervigen Sonntag-Nachmittag-Turnieren entfällt. Sohnemann nimmt vom Gewinn einfach ein Taxi. Pokern macht zudem klug. Und ist es ein Zufall, dass viele Pokerspieler/-innen sehr gut aussehen?

Laufen

Laufen ist der Sport für die, die sich gern quälen. Laufen an der frischen Luft ist wirklich gesund, das beweisen medizinische Studien. Laufen stärkt das Herz und die Durchblutung, leider geht Laufen auf die Hüften, die Knie und die Knöchel. Der typische Läufer im Alter hat ein starkes Herz und eine künstliche Hüfte. Im schlimmsten Fall muss er walken. Ins Fernsehen kommt man als Läufer selten, es sei denn, man ist zufällig auch Bundespräsident.

Poker ist die Alternative: Wer sich quälen will, spielt einfach mal vier Tage EPT in Dortmund. Zehn Stunden sitzen, das ist Höchstleistung. Aber es gibt lecker Essen, und wer zehnmal den Tisch wechseln muss, läuft ohnehin genug. Unter dem Pokertisch lassen sich die Beine vortrefflich dehnen, zusätzlich wird aber auch der obere Bewegungsapparat trainiert. Laufschuhe braucht er auch nicht kaufen. Der typische Pokerspieler im Alter fängt an zu laufen. Um den eigenen Pool.

Schwimmen

Erst Franziska van Almsick, dann Britta Steffen: Deutschland war und ist (wieder) eine Schwimmnation. Und wer kennt nicht noch den "Albatros" Michael Groß? Diesen klugen, immer etwas professoral daherkommenden Kleiderschrank aus Frankfurt am Main? Schwimmen ist auch gesund, es macht breite Schultern und schmale Taillen, womöglich (siehe Groß und Steffen) auch klug. Leider braucht man immer Wasser dazu, was das Schwimmen nicht gerade zu einem spontanen Ereignis macht. Außerdem legt es natürlicherweise sehr große Teile des Körpers frei.

Poker ist die Alternative: Wer sich auf beide Ellenbogen aufstützt und dies über mehrere Stunden (siehe Laufen) durchhält, wird irgendwann so breit wie Michael Groß. Ansonsten nimmt man eben beim Dinnerbreak vier Whiskey. Der Pokerspieler ist im Gegensatz zum Schwimmer deutlich flexibler, sein Pokerkoffer und die tragbare Pokerauflage wiegen weniger als eine Schwimmhalle oder ein volles Planschbecken. Seines Körpers schämen muss man sich ebenfalls nicht. Dresscodes sehen noch kein oberkörperfreies Spiel vor.

Tennis

Steffi Graf, Boris Becker, Michael Stich - diese heilige Drei(ein-)faltigkeit des Tennis beherrschte das Land mehr als ein Jahrzehnt und sorgte für einen unfassbaren Boom in Deutschland. Kinder gingen plötzlich selbst im Winter mit kurzen Sergio Tacchini-Shirts in die Schule, eine Mitgliedschaft in einem Tennisclub war so selbstverständlich wie die US-Open-Nächte mit Jimmy Connors. Tennis schult die Reaktionsfähigkeit und man kann viel Geld verdienen. Leider braucht es meist entweder einen brutalen Tennisvater, unfassbares Talent oder Nick Bolletieris Drillcamp für ein paar tausend Dollar, um unter die besten Hundert der Welt zu kommen.

Poker ist die Alternative: Boris Becker sieht das ja genauso.

Golf

Golf ist ja angeblich das neue Tennis. Beides einst vermeintlich elitäre Sportarten, die der Allgemeinheit durch Preisverfall zugänglich wurden. Dabei hat Golf zu Unrecht ein abgehobenes Image - in den Clubhäusern wird genauso hemmungslos gesoffen wie anderswo auch, man trägt eben nur Burberry dazu. Trotzdem: Golf schult die Augen-Hand-Koordination und die Demut vor dem Ball, ist gesund und man kann den Sport bis ins hohe Alter ausüben. Leider muss man auch älter werden, bevor jemand von den Freunden zugibt, dass er es auch tut. Und so ein Golfplatz nimmt jede Menge Platz weg.

Poker ist die Alternative: Poker ist der wahre Lebenssport. Stephen Chidwick oder Peter Eastgate auf der einen, Doyle Brunson auf der anderen zeigen: Man kann früh anfangen und spät aufhören, und peinlich muss es einem nie sein. Und wer würde schon ernsthaft bestreiten, dass Poker nicht die Augen-Hand-Koordination schult? Gegner beobachten, gleichzeitig die Chips stapeln und mit der anderen die Karten streicheln, und das alles ohne die Gefahr, sich dabei zu verletzen. Geselligkeit hat man im Poker zwangsläufig, es wird sich immer jemand zumindest für ein Headsup finden. Poker ist cool - letztens schrieb ein Leser, selbst sein Opa würde sich jetzt für Poker interessieren.

Deshalb kann es nur heißen: Poker ist der beste Sport der Welt.

Quod erat demonstrandum.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH